HARSDORF/WONSEES

„Das Problem sind resistente Keime“

Nächstes Jahr wird die 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes in Kraft treten. Mastviehhalter sollen dann die Antibiotikamengen zur Behandlung kranker Tiere vor dem Staat offenlegen. Ziel ist es, den Einsatz der Medikamente in der Landwirtschaft zu reduzieren und damit resistenten Bakterien vorzubeugen. Bauern befürchten ein Übermaß an Verwaltungsarbeit ohne großen Nutzen. Mediziner empfehlen eine bessere Diagnostik zur Vorbeugung von resistenten Keimen.

1734 Tonnen Antibiotika haben Pharmaunternehmen und Großhändler 2011 an Tierärzte abgegeben, teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit mit. Das ist etwa siebenmal mehr als in der Humanmedizin.

Der vorbeugende Antibiotika-Einsatz ist seit 2006 in der Europäischen Union verboten. Tiere dürfen nur dann mit Antibiotika behandelt werden, wenn sie krank sind. In der Schweinemast heißt das durchschnittlich an vier aus 115 Tagen, in der Geflügelmast an etwa zehn aus 39 Tagen. Zum Schutz des Verbrauchers gibt es Wartezeiten, die vor der Schlachtung vorgeschrieben sind, damit das Fleisch rückstandsfrei bleibt.

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit prüft jährlich das Fleisch von etwa 27000 geschlachteten Tieren in Bayern. 2012 hätten sie in 49 dieser Proben Rückstände gefunden, teilte eine Pressesprecherin mit. Die beanstandeten Produkte seien daraufhin aus den Regalen genommen worden. Auch wenn sich anscheinend nicht alle Landwirte an die Vorschriften halten, liegt die Antibiotikabelastung von Fleisch bei geringen 0,18 Prozent.

Aus medizinischer Sicht sind es derzeit nicht die Antibiotika selbst, die für den Menschen gefährlich werden. Dr. Bernhard Steinbrückner, Leitender Arzt für Labormedizin am Klinikum Kulmbach, sieht eine größeres Problem in den Keimen, die gegen Antibiotika immun geworden sind. „Resistente Bakterien gibt es, seit es Antibiotika gibt. Nur der Einsatz in großen Mengen heutzutage führt dazu, dass sie zu einem medizinischen Problem werden“, sagt er. Ganz normale Haut- oder Darmkeime kommen mit Breitbandantibiotika in Berührung, die gegen ein breites Spektrum von Krankheitserregern wirken. Als Überlebensstrategie entwickeln sie genetische Abwehrmechanismen.

Für gesunde Menschen sind diese Keime unbedenklich. Bei immungeschwächten Patienten jedoch infizieren sie Wunden oder verursachen Entzündungen. „Mit herkömmlichen Mitteln sind diese Patienten nicht mehr zu heilen, und es entstehen hohe Folgekosten“, sagt Steinbrückner. Die Patienten liegen länger im Krankenhaus und müssen mit teuren Reserveantibiotika behandelt werden.

Staatliche Datenbank

Der Gesetzgeber hat dieses Problem erkannt und will mit der 16. Novellierung des Arzneimittelgesetzes (AMG) den Antibiotikaeinsatz reduzieren. Dazu sollen Mastviehhalter ab 2014 Antibiotikamengen und Dauer der Anwendungen in eine staatliche Datenbank eintragen, damit die Behörden den Antibiotikaeinsatz überwachen können.

Landwirte wie Wilfried Löwinger aus Harsdorf befürchten, dass sie in Zukunft mehr Verwaltungsarbeit leisten müssen, obwohl sich an der Praxis nichts ändern wird. „Wir Bauern empfinden das als Vertrauensbruch. Das Wohl unserer Tiere liegt uns schließlich am Herzen“, sagt Löwinger, der einen Ferkelbetrieb mit 170 Zuchtsauen führt.

Beim Bayerischen Bauernverband (BBV) macht man sich Sorgen, um „ausufernde Bürokratie“, die durch die Gesetzeserweiterung entstehen wird. Josef Wasensteiner, Referent für Tierhaltung, Tiergesundheit und Futtermittel beim BBV, sagt: „So, wie das System gestrickt ist, ist es nicht gut.“

Betriebe mit einem Antibiotikaeinsatz oberhalb des Durchschnitts werden verpflichtet, die Gründe anzugeben und Vorschläge zu machen, wie sie dagegen vorgehen wollen. Betriebe, die im oberen Viertel liegen, müssen den Behörden einen Maßnahmenplan vorlegen. Wenn der Betrieb diese Schwelle wiederholt überschreitet, kann dem Landwirt die Tierhaltung untersagt werden. „Es wird immer das letzte Viertel und die Hälfte aller Landwirte betroffen sein“, sagt Wasensteiner.

Landwirtschaftliche Betriebe wurden auch in der Vergangenheit von staatlichen Behörden kontrolliert. Dienststellenleiter im Veterinäramt Dr. Friedrich Moreth sagt: „Wenn wir abnormal hohe Arzneimittelverwendung feststellen, dann überlegen wir zusammen mit dem Landwirt und dem Tierarzt, wie man das Problem in den Griff bekommt. Wenn Tiere häufiger krank werden, kann das an der Bauweise des Stalls oder an den hygienischen Verhältnissen liegen. Dann isoliert man den Stall besser oder bringt ein Durchlüftungssystem an.“

Dr. Stefan Gedecke aus Wonsees ist Fachtierarzt für Schweine. Er glaubt, dass die Landwirte von der Dateneingabe verschont bleiben werden. „Es macht Sinn, dass der Tierarzt die Verwaltung übernimmt, da er über das nötige Fachwissen verfügt und ihm der Umgang mit den Medikamenteninformationen leichter fällt“, sagt er. Allerdings trägt er auch die Verantwortung für Fehler bei der Dateneingabe. Die Kosten für den bürokratischen Zusatzaufwand werden wahrscheinlich den Landwirten zufallen.

Dr. Andreas Randt, Fachtierarzt und Geschäftsführer des Tiergesundheitsdienst (TGD) Bayern, begrüßt die Verabschiedung der 16. AMG-Novelle als einen Schritt in die richtige Richtung. „Es werden bei der Umsetzung wahrscheinlich noch einige Probleme auftauchen und wir können nur hoffen, dass sie so angepasst wird, damit sie für alle Betroffenen praktikabel ist.“ Wenn Krankheiten auftreten, seien Diagnostik und gezielte Behandlung der Tiere am wichtigsten. Studien des TGD haben gezeigt, dass beim Verzicht auf Breitbandantibiotika 30-mal weniger resistente Keime bei Nutztieren auftauchen als in der Humanmedizin.