COBURG

Geteilte Meinungen und Plattitüden

Kritische Blicke: Verbindungsstudenten und Demonstranten; trotz hehrer Ziele gehen sie in Coburg getrennte Wege. Foto: Florian Umscheid

Am Rande der Demonstration zeigt der Zweite Bürgermeister von Coburg Norbert Tessmer Flagge. Mitlaufen will er bei der verbindungskritischen Demonstration „Herrschaft, kein Grund zu feiern“ nicht.

Einen Überblick will er sich verschaffen, er hofft, dass es auch diesmal keine Probleme gibt. Noch stehen am Rande des Albertsplatz kleine, bunt gemischte Gruppen zusammen und reden. „Wie ist das so in einer Verbindung? Könnt ihr euch auch mal ausklinken oder müsst ihr immer mitmachen?“ „Über Verbindungen hat jeder schon was Schlechtes gehört, die Medien stürzen sich ja auch immer auf so was. Da wird viel pauschalisiert.“ Die einen Tragen Anzug und Krawatte, die farbige Mütze und das Band ihrer Korporationen, die anderen Jeans und T-Shirt. Sie stehen zusammen, die Unterhaltung ist angeregt. „Einfach mal reden ist gut“, sagt einer der Korporierten. Zigaretten werden angeboten, die Stimmung ist gelöst. Bald werden sie wieder getrennte Wege gehen und aufhören miteinander zu reden. Die einen gehen zur Demonstration, die sich im Hintergrund sammelt, die anderen später zum Ball des Coburger Convents ins Kongresszentrum.

Jährlich an Pfingsten strömen die Studenten, Aktiven und Alten Herren des farbtragenden und pflichtschlagenden Coburger Convents (CC) in die oberfränkische Stadt, unter ihnen auch Norman Rönz. Rönz ist der Pressesprecher des CC und Mitglied Landsmannschaft Saxo-Suevia Erlangen. „Wir erwarten etwa 3000 bis 4000 Teilnehmer. Darunter sind aber nicht nur Korporierte, sondern auch deren Ehefrauen, Kinder und Partner“, gibt Rönz einen Überblick. „Um unsere Gäste unterzubringen gehen wir weit in den Landkreis hinein.“ Seit 1951 kommt der Coburger Convent jährlich zusammen, in ihm sind rund 100 Landsmannschaften und Turnerschaften organisiert. Am Freitag beginnt der CC mit dem Einzug der Delegationen, am Samstag stehen Tagungen und der Ball auf dem Programm, am Montag der Festkommers mit Fackelzug und dem Gedenken am Ehrenmal, der Convent endet mit dem Marktfest am Dienstagmorgen.

Geteilte Meinungen

Die Korporierten fühlen sich in Coburg willkommen, Rönz gefällt die Durchmischung der Bürger und den Korporierten. „Wir werden hier seit Jahren von der Bevölkerung immer sehr freundlich aufgenommen“, findet er. Aber nicht alle sind von der Anwesenheit der Korporierten begeistert.

Seit den frühen 1970er Jahren bleiben die Versammlungen des CC nicht unkommentiert, jährlich begleiten Gegendemonstrationen und kritische Stimmen den Coburger Convent. So auch dieses Jahr wieder. Martin (30) und Petra (25), beide Studenten und Torsten (21), ein Abiturient aus Coburg, haben als Teil der Kampagne „Studentenverbindungen Auflösen“ eine Gegendemonstration mitorganisiert. „Wir haben hier eine sehr aktive Neonazi-Szene“, erklärt Petra. „Das wir keine Fotos möchten dient dem Schutz der eigenen Person.“

Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, die Strukturen und Brauchtumspflege der Verbindungen in eine breitere Öffentlichkeit zu ziehen. „Konkret heißt das für uns: man darf dem Convent nicht mehr so bedenkenlos wohlwollend gegenüber treten“, beschreibt Martin den Sinn der Gegendemonstration. Die Korporierten würden in Coburg sehr offen empfangen und hofiert, vielleicht auch auf Grund wirtschaftlicher Interessen. „Ich meine: die dürfen hier von Rathaus-Balkon sprechen.“

Anleihen aus dem Dritten Reich

Für problematische Brauchtumspflege nennt Torsten Beispiele: die Straße, in der Fackelumzug in voller Uniform mit Marschmusik beginnt, hieß bis 1945 „Straße der SA“. Das Totengedenken ehrt wohl die in den Weltkriegen gefallenen Bundesbrüder, aber von den Opfern der Nazi-Herrschaft keine Spur. Die Anleihen der Rituale an der Ästhetik des Dritten Reichs seien nicht zu übersehen und zudem ein Magnet für Rechtsradikale, so Torsten.

„Militarismus, Rechtsextremismus und ähnlichen Plattitüden“, Rönz kennt diese Schlagworte. „Sie werden seid zig Jahren wiederholt und würden dadurch auch nicht richtiger und origineller.“ Das stimmt, gibt Petra zu, aber an den Gründen zu den Vorwürfen hätten die Verbindungen auch nicht wirklich gearbeitet. Ihre NS-Vergangenheit hätten die Verbindungen nicht aufgearbeitet. „Die Landsmannschaften weisen immer drauf hin ?Wir waren verboten?“, erklärt Petra. „Wenn man sich die Inhalte anschaut, dann waren sie ideell und rein praktisch Wegbereiter“, erklärt Martin und verweist auf prominente Beispiele wie Hans Filbinger, der Mitglied einer CC-Verbindung war.

„Allein die Tatsache, dass der Coburger Convent ein reiner Männer- und Akademikerbund ist zeigt, dass der Pluralismus nicht so breit sein kann.“
Martin, Demonstrant

„Vor ein paar Jahren hatten wir eine Podiumsdiskussion mit dem damaligen Sprecher und dem Sprecher der Rechtsabteilung des CC, in der sie sich Kritikern gestellt haben“, erinnert sich Martin. „Sie waren auf dem Podium nicht bereit, sich von der NPD zu distanzieren, bis heute gibt es keinen Unvereinbarkeitsbeschluss zwischen CC und NPD-Mitgliedschaft.“ Wenn man aus der rechten Ecke herauswolle, sei das das mindeste, findet er. Der CC geht zwar zur Deutschen Burschenschaft (DB), einem anderen Dachverband, der jüngst die Einführung von Herkunftsnachweisen für Mitglieder forderte, auf Distanz, diese Distanzierung müsste aber deutlicher sind, finden die drei.

Verbindungen weiterhin intakt

Weiterhin seien über die sogenannten Waffenringe, in denen die studentischen Mensuren gefochten werden, die Verbindungen zur DB weiter intakt. Im CC selbst sorgen ultrakonservative Verbindungen wie Cimbria Wien immer wieder für Unruhe. „Sie passen ein bisschen mehr auf, was sie in der Öffentlichkeit und Medien sagen, aber die Verbindungen und Strukturen sind dieselben“, rechtfertigt Petra die Vorwürfe.

Gegen den Versuch den Convent und die Studentenbünde in eine Ecke zu schieben wehrt sich Rönz. „Man kann uns nicht auf eine Farbe reduzieren, auch mit Blick auf eine bestimmte einfarbige Colorierung.“ Mit dem Beitreten zur Resolution für „Für Toleranz und Zivilcourage - gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“ der Stadt Coburg und Stipendien für herausragende schulische Leistungen setzte der Convent Zeichen. Der Slogan „Coburg wird bunt“, unter dem der diesjährige Convent steht, spiegelt für ihn genau das wieder: „Im Rahmen unserer Veranstaltungen bekennen wir im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder Farbe für Toleranz, Pluralismus und Engagement für die Gesellschaft.“ Der diesjährige Convent steht unter dem Slogan „Coburg wird bunt“, er steht vor einem Hintergrund aus vielfarbigen Couleur-Bändern der CC-Verbindungen.

Den Slogan „Coburg wird Bunt“ findet Petra inhaltlich entleert, er sei leicht zu kapern. „Bunt heißt nur, dass in Coburg die Farben der Verbindungsstudenten zu sehen sind“, interpretiert sie den Slogan. „Das heißt aber nicht pluralistisch, das darf man nicht gleichsetzten“, ergänzt sie. „Allein die Tatsache, dass der CC ein reiner Männer- und Akademikerbund ist zeigt, dass der Pluralismus nicht so breit sein kann“, ergänzt Martin.

Marschmusik und die erste Strophe

Martin, Petra und Torsten könnten noch mehr erzählen über die Probleme für die Gegendemonstration Räume zu mieten, das viele Coburger die Stadt während des Convents verlassen, Pöbeleien und die erste Strophe des Deutschlandlieds. Aber die Zeit wird knapp, die drei müssen zur Demonstration, mit rund 200 Mitstreitern ziehen sie drei Stunden lang mit starker Polizeieskorte durch die Coburger Innenstadt.

Norbert Rönz ist mitten im Geschehen während des Interviews. Marschmusik hebt im Hintergrund gut hörbar an. „Hier findet jetzt der Einmarsch der Delegationen statt“, verabschiedet er sich, da müsse er dabei sein. So gehen die beiden Seiten getrennte Wege, zu sagen hätten sie sich indes noch viel.