COBURG

Coburgs dunkles Kapitel

Hakenkreuzfahne am Rathaus im Jahr 1931: Coburg hatte den ersten NSDAP-Bürgermeister Deutschlands. Foto: Stadtarchiv Coburg

Das Gebäude Marktplatz 1 hat Geschichte geschrieben. In Jahrhunderten änderte sich die Fassade des Rathauses. Stets blieb es ein stolzes Gebäude im Herzen der Stadt, ein echter Blickfang. Bei Touristen ist es heute als Fotomotiv beliebt.

Der kleine Messingeinsatz im Eingangsbereich ist leicht zu übersehen. Ein paar Zentimeter im Quadrat. „Hier arbeitete Erich Unverfähr, Jahrgang 1885, gedemütigt/drangsaliert, aus dem Amt gedrängt, Heimatort verlassen 1931, Tod in Würzburg“, steht darauf geschrieben. Der Kommunalpolitiker gehört zu den rund 110 Opfern des Nationalsozialismus', denen mit sogenannten Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig gedacht wird.

Unverfähr war 1931 der Oberbürgermeister der oberfränkischen Stadt. Ein aufrechter Mann. Von den Nazis aus dem Amt und aus der Stadt gemobbt. Das war 1931, dem Jahr, als am Marktplatz 1 zum ersten Mal an einem deutschen Rathaus die Hakenkreuzfahne hing. Die NSDAP hatte da bereits seit gut zwei Jahren die absolute Mehrheit im Stadtrat. Auch da befand sich Coburg wieder ganz an der Spitze.

Die Nationalsozialisten hatten schon über Jahre Unverfähr drangsaliert. Schließlich mit einem Gutachten als psychisch krank aus dem Amt gejagt. 1939 erhielt Coburg den Titel „Erste Nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ verliehen. Aus Sicht der Nationalsozialisten war die Vestestadt eine regelrechte Vorreiterkommune. Als erste Stadt in Deutschland verlieh sie Adolf Hitler die Ehrenbürgerrechte, seit dem 23. Juni 1929 dominierte die NSDAP den Stadtrat. Schon 1922 strömten Rechtsradikale aus dem ganzen Land zum „Deutschen Tag“ nach Coburg.

Auch Coburgs große Familien marschierten im Gleichschritt nach rechts. Der vormalige Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha war ein wichtiger Unterstützer Hitlers.

Genug Gründe, um bei der Vergangenheitsbewältigung eine Vorreiterrolle zu spielen. Doch mit der Aufbereitung der braunen Vergangenheit ging und geht es nach Ansicht so manchen Kritikers bei weitem nicht so schnell, wie mit dem damaligen Aufstieg der NSDAP in der Vestestadt.

Keine Tafel, die mahnt

Auch wenn es natürlich Ausstellungen über das Dritte Reich und Judenverfolgung gegeben hat, zahlreiche Publikation zur NS-Zeit aufgelegt wurden, wie die Pressestelle der Stadt mitteilt. Eine Tafel, die am Rathaus an Coburgs Sonderrolle in der NS-Zeit erinnert und mahnt: Sie fehlt bis heute. Immerhin, 2015 soll dem Coburger Widerstandskämpfer Georg Alexander Hansen ein Weg gewidmet werden. Über 70 Jahre nach seiner Hinrichtung durch die Nazi-Schergen.

Dafür wird auf Straßenschildern stolz an einen streitbaren Coburger Ehrenbürger erinnert: Hindenburg. Auf 350 Metern Länge zieht sich die Hindenburgstraße durch das Stadtzentrum. Auf den Schildern fehlt ein Hinweis nicht: Seit 1917 ist Hindenburg Ehrenbürger. Dass er Hitler zum Reichkanzler ernannte, eine historisch mehr als fragwürdige Figur ist, hat den Stadtrat in der Veste-stadt seit Jahrzehnten nicht zu einer Umbenennung veranlasst. Bis es im März dieses Jahres im Gremium zur Diskussion kam. Für Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD) stand es, als am 21. März die Grünen im Rahmen der Stadtratssitzung eine Umbenennung forderten, fest: „Hindenburgstraße ist politisch nicht so unkorrekt, dass eine Umbenennung erforderlich wäre.“

„Bei all der traditionsreichen Geschichte darf man aber auch das Kapitel der NS-Zeit nicht außer acht lassen.“
Franziska Bartl

Die Sozialdemokraten zogen ihren eigenen Umbenennungsantrag vorerst zurück, der von den Grünen scheiterte kläglich. So bleibt alles beim Alten, inklusive der Ehrenbürgerschaft für Hitlers Steigbügelhalter.

Während der Verkehr über die Hindenburgstraße störungsfrei fließen soll, regen die Stolpersteine zum Nachdenken an. 2009 kam es in Coburg zur ersten Verlegung. „Coburg war da eher etwas spät dran“, gibt Historikerin Franziska Bartl zu. In der Nachbarstadt Bamberg ging es bereits 2003 los, 2000 begann das bundesweite Projekt. In Coburg zeichnet die Stadt für die Verlegung verantwortlich.

Die junge Coburgerin Franziska Bartl kämpfte schon als Schülerin um Vergangenheitsaufbereitung. Sie zählt zu den engagiertesten Bürgerinnen, die sich zum Beispiel für die Verlegung von weiteren Stolpersteinen einsetzen. „Mittlerweile sind immerhin schon 110 in Coburg zu finden. Rund 250 müssten es sein, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken: jüdischer Mitbürger, die in den Konzentrationslagern umkamen, politisch Verfolgter, Menschen mit Behinderung...“, führt die 28-Jährige aus.

Die Sozialdemokratin pflegt mit anderen die Kupfersteine, poliert sie am 27. Januar, dem Auschwitz-Gedenktag, in mühevoller Handarbeit auf. „Sicherlich, die Mehrheit der Coburger findet das gut, andere sind gleichgültig. Aber dann gibt es immer wieder Leute, wie die alte Dame, die mir zugerufen hat, ich sollte doch endlich die Vergangenheit ruhen lassen“, erklärt sie.

Die Vergangenheit: Viele Coburger erinnern sich gerne an alten herzöglichen Glanz. „Residenzler“ ist der selbst gewählte Spitznamen der Stadtbewohner, und sie sind stolz darauf, dass das Herzogshaus mit Königsfamilien verwandtschaftlich verbunden ist: geradlinig bis zu den Windsors.

Der braune Herzog

„Bei all der traditionsreichen Geschichte darf man aber auch das Kapitel der NS-Zeit nicht außer acht lassen“, sagt die junge Historikerin. Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha gilt als strammer Unterstützer der Nationalsozialisten. Doch ein brauner Nazi-Herzog passt so manchen in der Stadt nicht so recht ins Bild herrschaftlicher Vergangenheit.

„Wir werden uns auf jeden Fall weiter engagieren, bis die noch fehlenden Steine verlegt sind“, sagt Franziska Bartl.

Ein Engagement, das auch heute wichtig bleibt. Vor den Toren der Stadt Coburg, in Rottenbach, will die NPD am 6. und 7. April ihren Bundesparteitag abhalten. Auf einem Grundstück, das ausgerechnet einem Nachkommen von Coburgs Nazibürgermeister gehört. Im Jahr 2013 formiert sich Widerstand. Ein buntes Aktionsbündnis hat sich zusammengetan. Der Landkreis Coburg lässt braune Erdhügel aus Asphalt entstehen: Straßenbauarbeiten auf der Zufahrtsstraße vor dem Parteitagsgelände. Ein verpfuschter NPD-Parteitag vor den Toren einer einstigen Nazi-Hochburg, das wäre ein schönes Stück Geschichte.

Erinnerung an einen Demokraten: Erich Unverfähr wurde 1931 als Oberbürgermeister von den Nazi aus dem Amt verjagt. Coburg war dann die erste Stadt mit einem NSDAP-Bürgermeister. Foto: Till Mayer