LICHTENFELS

Wort zur Besinnung: Wort zur Besinnung: Wir ernten das, was von Gott kommt

Wort zur Besinnung: Wir ernten das, was von Gott kommt
Pfarrein Anne Salzbrenner, Lichtenfels Foto: red

Wort zur Besinnung

Wenn es das Erntedankfest nicht gäbe, müsste man es erfinden. Ich finde es jedes Jahr wieder faszinierend. Da sitzt man da, und man sieht nur noch das, was nicht gelingt und was wir an Problemen ernten. Hinter uns liegt die Bundestagswahl und manche Fragen tun sich auf. Statt sich zu freuen, dass wir frei wählen können, befürchten wir nur, dass die Koalitionsverhandlungen ewig dauern werden. Eine Woche nach der Wahl!

Statt sich zu freuen, dass wir manche Lockerungen im Blick auf die Pandemie haben, jammern wir, dass das nicht bleiben wird und wie schrecklich 3G ist, weil es Menschen gibt, die sich weder testen noch impfen lassen wollen.

Leicht würde es mir jetzt fallen fortzufahren, mit allem was mich nervt und was dumm läuft. Schnell können wir von der Saat erzählen, die nicht aufgeht, oder dass die falsche Saat aufgeht.

In solche Abgründe und Dunkelheiten hinein hilft das Erntedankfest, den Kopf zu heben, dem Licht entgegen. Mich mal wieder umblicken, weg von dem, was mich nervt und belastet.

Schauen wir uns doch um, was tut sich alles um uns herum?

Da ist so viel Gutes und Schönes. Eine lustige und lange Raddemo hat letzte Woche Polizei und manchen Autofahrer Zeit gekostet, aber uns alle auch auf schöne Weise aufmerksam gemacht, dass es vielleicht auch oft ohne Auto geht.

Ich freu mich, dass wir in einer Demokratie leben und zur Wahl gehen konnten. Ich bin dankbar für mein Leben, denn täglich kann ich es neu wagen. Ich habe gute Freunde und Freundinnen, ein Dach über dem Kopf, und immer wieder bewegt sich was.

Ich lebe nicht im Paradies – weit gefehlt –, aber es geht mir doch gut. Die Wolken am Himmel, sie sind zur Zeit auch wieder ein richtiges Schauspiel. Was gefällt Ihnen am Leben gerade?

Ich glaube es täte uns gut, Erntedank bewusst zu feiern, denn es zeigt, was mir das Leben alles an Gutem bietet. Nicht das anschauen, was ich nicht habe und einmal nicht dem nachjagen, was mir schwerfällt. Die Äpfel in Nachbars Garten sind in der Regel größer und schöner. Aber was soll das?

Ich glaube, wenn wir auf das blicken, was um uns herum schön ist und was mir quasi geschenkt wird, weil ich mich nicht einmal im Traum daran erinnern kann, wie dies und jenes sich zum Guten gewendet hat. Dann würde es uns erstens gelingen, manche Einschränkung mit einem Lachen auf uns zu nehmen, und andererseits hätten wir wieder Kraft und Mut, Freude daran, etwas zu tun für mich und für andere.

Wenn wir wirklich dankbar sind, dann warten wir nicht auf den nächsten großen Knall, sondern versuchen das Unsrige dazu zu tun, damit dieser ausbleibt. Wir bräuchten keine Verschwörungstheorien mehr und keine Abgrenzung, kein populistisches Geschwätz.

Wir könnten mit offenen Augen und beruhigtem Herzen durchs Leben gehen, weil wir sehen, wieviel wir unverdient erhalten und das Leben dazu da ist, dass wir miteinander leben, oder wie es im Brief an die Hebräer einst der Gemeinde geschrieben wurde: „Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“ Wir müssen nicht die Augen vor der Welt verschließen, sondern können die Augen dankbar öffnen und das Leben anpacken, dass das, was nicht rund läuft, und das, was uns das Leben schwer macht, sich verändert. Wir ernten nicht, was wir verdient haben. Wäre es so – Hand aufs Herz –, dann müsste es uns richtig schlecht gehen.

Wir ernten das, was von Gott kommt, ganz unverdient: Liebe und Barmherzigkeit, und das täglich neu, auf dass wir froh werden und miteinander das Leben wagen, mitten in Corona, mitten in der Klimakrise. Freuen wir uns auf einen goldenen Herbst – und wenn er nicht golden wird, dann Augen auf und genau hinschauen, da gibt es genug, wofür wir dankbar sein können.

Ihre Anne Salzbrenner,

evangelische Pfarrerin Lichtenfels

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