Wort zur Besinnung: Pass ich da noch rein?!

Birgit Janson

Farbige Punkte, Abtrennbänder, Markierungen für benutzbare Sitzplätze, all dies findet sich in unseren Kirchen, seit Gottesdienste unter vielen Auflagen wieder möglich sind.

Durch die 1,5-Meter-Abstandsregel schmelzen selbst große Kirchen in unserem Landkreis auf nahezu Kapellenkapazität zusammen. Wo vor Corona 250 Gläubige Platz fanden, sind nun nur noch 70 bis 80 Gottesdienstbesucher zulässig.

Vielleicht mag es mitunter Seelsorger freuen, dass sie mit Hilfe dieser Abstandregel endlich einmal wieder voll besetzte Gottesdienste haben. So müssen doch mitunter Ehrenamtliche, die die Gottesdienstbesucher empfangen, vorsichtig manchem klar machen: „Sie passen jetzt nicht mehr rein!“

Was für eine absurde Situation!

Da kommen in unserer Zeit Gläubige zum Gottesdienst und werden an Kirchenportalen abgewiesen! Wenn auch die Gemeinden mit ihren Frauen und Männern aus dieser Situation das Beste zu machen versuchen und um Verständnis werben, so hat doch so mancher seiner Kirche den Rücken gewandt mit dem Eindruck: „Ich pass da nicht mehr rein!“

„Ich pass da nicht mehr rein!“, gerade diese Corona Krise mit all ihren gesellschaftlichen Auswirkungen, die negativen kirchlichen Schlagzeilen und die zunehmende christliche Entwurzelung verstärken diese Einstellung. Meine evangelische Kollegin aus Altenkunstadt, Pfarrerin Bettina Beck, hat letzte Woche ihre Erfahrung mit einem Austrittswilligen lebendig dargestellt. Ihre Erfahrung möchte und muss ich heute ökumenisch verstärken und fortschreiben. Denn wie eine nicht mehr eindämmbare Welle steigt die Zahl der Christen in unserem Land, die das Gefühl, ja die Gewissheit haben: „Ich pass da nicht mehr rein!“

„Ich pass da nicht mehr rein!“ – mit meinen persönlichen und sozialen Belastungen, mit meiner Lebensgeschichte, meinem Denken, meinen Zweifeln und Fragen.

„Ich pass da nicht mehr rein“ in meine Kirche, in diesen christlichen Glauben.

Ein Kirchenaustritt ist dann meist die Folge. Wohl noch größer ist die Zahl derer, die zwar nicht amtlich, aber innerlich austreten, die gleichgültig werden gegenüber dem christlichen Glauben, die die Weite und Kraft, die die Horizontöffnung und Lebenstiefe der christlichen Botschaft gar nicht mehr an sich heranlassen.

Es gibt so viele Christen, die meinen, der christliche Glaube passt nicht zu ihrem Leben, weil sie entweder keine Glaubenserfahrung machen konnten oder in ihrer Pfarrei, in ihrer Kirche, die Erfahrung machen mussten, dass sie als Mitglaubende nicht dazu passen.

Und doch: Es sind da auch die, die bis heute und gerade jetzt erleben, dass der Glaube an Jesus Christus in diese Zeit, die von Umbrüchen und Krisen geschüttelt ist, genau passt. Da sind die, die sich getragen wissen von einem barmherzigen Gott, die Ermutigung und Trost finden im Wort Gottes, die in der Glaubensgemeinschaft auftanken und neue Kraft holen.

Da sind die, die aus christlicher Verantwortung den Mund aufmachen, weil Verschwörungstheorien und Kleingeisterei, ökologische Rücksichtslosigkeit und „Nach mir die Sintflut“-Denken unpassend sind für eine aufgeklärte und mündige Gesellschaft. Wie wichtig und passend ist doch das Gebot der Gottes- , Selbst- und Nächstenliebe, um diese gesundheitliche, gesellschaftliche und globale Krise zu bewältigen?!

Liebe Mitchristen, nah oder fernstehend, die christliche Botschaft passt in unser Leben und in unsere Zeit, und Sie haben einen Platz in Pfarrei und Kirche. Auch wenn wir im Moment die sonst so wertvolle Glaubensgemeinschaft nur begrenzt und mit Abstand leben können, gilt das Lebenszeugnis des Jesus von Nazareth: Da ist dieser Gott, der allen nahe ist und der jedem Menschen zusagt: „Du passt hier rein. Du mit deinem Leben passt hier rein in mein Herz!“

Birgit Janson

Pastoralreferentin für den Seelsorgebereich Obermain

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