ALTENKUNSTADT

Wort zur Besinnung: die Infrastruktur für Gottes Liebe

Wort zur Besinnung: die Infrastruktur für Gottes Liebe

„Wenn ich das Studium fertig habe und endlich Geld verdiene, trete ich aus der Kirche aus.“ Erzählte mir einer mal ganz unverblümt, als wir vor einer Kirche saßen und ein Feierabendbier genossen. Ich, damals noch Theologiestudentin auf dem Weg zur Pfarrerin, war sprachlos. Ausgerechnet Jann, der sich für Menschenrechte und gegen Diskriminierung in Rage reden kann, der „Gott sei Dank“ sagt und es auch so meint, der von den christlichen Jugendfreizeiten in seiner Kindheit schwärmt?

Er erklärte mir: „Ich glaube ja schon an Gott. Und dass man andere besser lieben statt hassen soll, weil es die Welt besser macht. Aber dazu brauche ich die Kirche nicht. Beten kann ich auch zuhause. Heiraten will ich sowieso nicht. Dann kommt als Nächstes nur noch die Beerdigung, und das geht auch ohne Pfarrer. Wer zahlt schon jedes Jahr einen Verein, den er nur alle Jubeljahre nutzt? Das spar ich mir.“

In den letzten Wochen höre ich wieder öfter Menschen wie Jann reden. Gerade nachdem vor Kurzem veröffentlicht wurde, dass etwa 542 700 Menschen im Jahr 2019 aus der evangelischen und katholischen Kirche ausgetreten sind. Deutlich mehr als 2018. Was bringt uns da 2020? Corona hat den Gürtel enger geschnallt. Es ist einfach weniger Geld im Portemonnaie durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Insolvenzen. Da ist es nur ein kleiner Schritt zum Kirchenaustritt, damit ein bisschen mehr bleibt.

Dann wird die Kirche wieder kleiner. Die Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Last des Lebens und Gottes Liebe miteinander zu teilen. Das ist für mich die Idee von Kirche: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galaterbrief 6,2) Wie sehr Menschen einander brauchen, haben wir in der Corona-Zeit erlebt: Menschen tragen Mundschutz, um andere zu schützen. Fußballer gehen einkaufen für Senioren. Nachbarn achten aufeinander und bieten Hilfe an. Nur so funktioniert eine Gesellschaft. Indem sie für andere und für die gemeinsame Zukunft sorgt. Indem sie mitfühlt und einander trägt, auch wenn der Einzelne es für sich selbst gerade nicht braucht.

„Die Kirche ist doch kein Verein!“ Das hab ich damals Jann geantwortet. Sie ist die Infrastruktur für Gottes Liebe, die uns durchs Leben trägt. Klar kann auch ich auf die Skandale und Eskapaden mancher Menschen in der Kirche gut verzichten, und das muss sich wirklich dringend ändern! Und natürlich kann ich glauben ohne Kirche, aber da fehlt doch was! Die Idee von Kirche ist, dass Menschen die Liebe Gottes erfahren und teilen. Durch Menschen, die da sind. An Orten, die in der Nähe sind. Dafür gibt die Kirche Geld aus. Dafür geben Leute ihr Geld. Gerne, so hoffe ich.

Kirche funktioniert nicht nach der Logik der Kosten-Nutzen-Rechnung, bei der gebucht und gezahlt wird nach individuellem Bedarf. Kirchensteuer zahlt, wer hat und kann, einen festen Prozentsatz vom Einkommen, gerecht für alle. Es wird geteilt. So haben alle – wo immer sie in Deutschland leben – Zugang zu Ansprechpartnern für Alltagssorgen, zu Gemeinschaft nach einem anderen Bewertungsmaßstab als dem Recht des Starken, zu Hilfsangeboten der Diakonie und Caritas, zu altbewährter Inspiration im Alltag in Gottesdiensten und Unterricht, zu Antworten auf die großen Fragen im Leben beim Erwachsen werden, Heiraten, Kinder kriegen, bei Verlusten und im Sterben. Dafür investiert die Kirche Geld in Menschen und Gebäude. Damit die Kirche im Dorf bleibt. Dafür geben Leute ihr Geld. Gerne, so hoffe ich, auch in Zukunft.

Am Ende sagte Jann zu mir: „Kirchenmitgliedschaft hin oder her. Wenn du dann Pfarrerin bist, dann trinken wir wieder ein Bier zusammen. Vor deiner Kirche. Und reden über Gott und die Welt.“ „So wird es sein,“ sagte ich, „Kirchenmitgliedschaft hin oder her“. Darum mag ich meine Kirche. Sie ist einfach da. Solange Gott uns trägt.

Bettina Beck,

evangelische Pfarrerin Altenkunstadt

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