LICHTENFELS

Wort zur Besinnung: Das Fest beginnt, das ist der Himmel

Pfarrer Matthias Hagen Foto: red

Die Zeit macht's, die Umstände, das Wetter, die vergehende Natur und sicherlich in diesem Jahr auch Corona. Mehr als sonst im Jahr denke ich regelmäßig in diesen Tagen des Herbstes darüber nach, was denn sein wird eines Tages, wenn ich sterbe oder gestorben bin. Wo werde ich sein? Wie wird es weitergehen mit mir? Was wird Gott mit mir machen, zum Beispiel beim „Jüngsten Gericht“, wie es klassisch heißt? – Wie wird das werden?

Schließlich heißt es im 2. Korintherbrief unmissverständlich und durchaus beängstigend: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!“

Ein befreundeter Kollege hat vor Jahren einmal anders und ungewöhnlich, aber sehr menschlich – wie soll es auch anders möglich sein - seine Vorstellung beschrieben. Und meine eigene konkrete Phantasie und mein Glaube an einen gnädigen Gott und barmherzigen Jesus Christus tröstet und hilft mir jedes Jahr weiter, dass hinter Angst und Beklommenheit Zuversicht und Hoffnung wachsen auch in dunkler Zeit.

Ich stell mir vor, ich bin gestorben und ich steh' vor der Tür des Himmels. Die ist, so nehme ich an, eine ganz normale Tür an einem ganz normalen Haus. Aber ich weiß, hinter der Tür wohnt Gott. Ich habe ein ganz schön mulmiges Gefühl im Bauch, schließlich habe ich ja Gott noch nie von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden. Trotzdem fasse ich mir ein Herz und drücke die Klinke.

Ich brauche nicht lange zu warten, da geht die Tür auf. Ich bin als erstes sehr überrascht, denn Gott sieht anders aus, als ich erwartet habe. Er ist noch recht jung, noch keine 50, er ist ganz normal gekleidet, nicht anders als ich. Als er mich sieht, strahlt er mich an und sagt: „Mensch, Matthias, schön, dass du da bist! Komm rein!“

In dem selben Moment, in dem ich Gott sehe, ist mein mulmiges Gefühl verschwunden. Gott sieht sehr sympathisch aus, und ich merke sofort, dass er auch mich mag. Ich folge ihm in seine Wohnung. Sie ist ziemlich einfach eingerichtet, aber sehr gemütlich. Sofort fühle ich mich wohl. Ich fühle mich zuhause. Hier gehöre ich hin.

Gott bietet mir einen Platz an, dann stellt er zwei Weingläser auf den Tisch und macht einen guten Rotwein auf. Meine ursprüngliche Spannung und Nervosität ist wie weggeblasen; dann fangen wir an zu reden. Wir reden über mein ganzes Leben, über die guten und schönen Erfahrungen, die ich gemacht habe, aber auch über das viele, was nicht gut war, als ich etwas falsch gemacht habe, als mich andere falsch behandelt haben, als ich gelitten und anderen Leid zugefügt habe. Schonungslos offen und rigoros ehrlich!

Aber aus der Art und Weise, wie Gott mit mir darüber redet, merke ich: Das alles steht nicht zwischen uns, es trennt mich nicht mehr von Gott. Ja, ich erkenne, was für ein schlechtes Leben ich teilweise geführt habe. Aber ich weiß: Gott trägt mir das nicht nach. Gott nimmt mich einfach so, wie ich bin.

Diese Erkenntnis tut gut, sie tut aber auch sehr weh. Gott hat mich einfach gern mit all dem, was ich verbockt habe, und das tut wirklich weh.

Ja - und dann sagt Gott zu mir: „So, und jetzt gehen wir zu den anderen.“ Und er steht auf und öffnet eine Tür. Da steht eine große Festtafel. Und da sitzen alle, die mir in meinem Leben lieb waren: meine Eltern, meine Freunde, meine Frau, meine Kinder und auch die, die mir nicht lieb waren. Aber ich spüre: Auch von denen trennt mich nichts mehr.

Noch einmal reißt ein Schmerz mich fast in Stücke. Ich sehe die Menschen, mit denen ich zusammen war, auch die, mit denen mir wenig oder gar nichts gelungen ist und umgekehrt. Und mir wird klar, wieviel Dummheit und Gemeinheit und Bosheit zwischen uns lag. Aber der Schmerz vergeht, und wir können uns in die Augen sehen. Und dann beginnt das Fest. Und das ist der Himmel.

Matthias Hagen,

evangelischer Pfarrer,

Bad Staffelstein

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