LICHTENFELS

Wo kommt der Name Geßlein her?

Sofia Öttl hofft auf Wintersemester mit Präsenzunterricht
Schon im 18. und 19. Jahrhundert waren Geßleins aus Markgraitz als Musiker bekannt, und das hat sich bis heute nicht geändert. Hier Heinrich, Beate, Tanja und Hans-Jürgen Geßlein (v. li.) bei einem Auftritt. Foto: Roland Dietz

Und wieder wollen wir uns einem typischen Familiennamen des Obermaingebietes widmen. Das letzte Mal hatten wir uns mit dem Familiennamen Hügerich beschäftigt, heute spüren wir der Herkunft und Bedeutung des Familiennamens Geßlein nach.

Der Familienname Geßlein ist heute in Deutschland überwiegend in Franken verbreitet, wobei sich allerdings Schwerpunkte in den Landkreisen Lichtenfels und Kronach ausmachen lassen (insgesamt 148 Telefonanschlüsse, Stand 2004, siehe Karte).

Wenn man die Verlustlisten des Ersten Weltkriegs mit dem Familiennamen Geßlein kartiert, so ergibt sich für die Jahrgänge um 1890 ein klares Bild: die Geßlein stammen allesamt ursprünglich aus dem oberfränkischen Raum mit den Schwerpunkten Lichtenfels – Kronach.

Der berühmteste Spross war Komponist Georg Geßlein

Besonders in Marktgraitz gibt es noch heute viele Namensträger. Hier lohnt einmal der Blick in die Pfarrmatrikel. Dabei fällt rasch auf, dass die Geßlein geradezu eine Musikerdynastie darstellen, wovon der berühmteste Spross der Lehrer und Komponist Georg Geßlein war (1844-1888). Er verstarb in Kronach und hinterließ unter anderem ein viel beachtetes Chorwerk für vierstimmigen Männergesang unter anderem mit zahlreichen Eigenkompositionen mit dem Titel „Klänge vom Frankenwald“ aus dem Jahre 1884.

Georg Geßleins Vater war Schneidermeister und Musiker in Marktgraitz, seine Mutter entstammte der dortigen Lehrerfamilie Porzelt. Wenn man nun in den Pfarrmatrikeln Einsicht nimmt, so merkt man rasch, dass es sich um eine generationsübergreifende Musikerfamilie handelte. So wird der Großvater Christian Geßlein bei seiner Eheschließung am 22. Januar 1793 als Musicus chori und als Musicus templi erwähnt. Er war also unter anderem Kirchenmusiker.

Nachfahren einer Familie aus Neuses bei Kronach

Erwähnt werden ferner 1743 Peter Geßlein, Musicus, 1745 Andreas Geßlein Musicus, vir bonae artis (Mann der schönen Künste), und 1765 Georg Christophorus Geßlein, Musicus. Die Familienmitglieder stammten von Johannes Erhard und Peter Geßlein aus Neuses bei Kronach ab. Somit sind die Graatzer Namensträger wohl allesamt Nachfahren von diesen beiden und ferner mit den Namensvettern aus Neuses verwandt.

In den Kronacher Pfarrmatrikeln kann man die Geßlein noch weiter zurückverfolgen. So wird am 31. August 1619 ein Heinrich Geßla (Mundartform) zu Neuses bei Kronach geboren, dessen ältere Schwester wird am 24. Januar 1616 als Margaretha Geßlein aufgezeichnet, als Vater wird ein Kilian Geßlein angegeben. Damit erschöpft sich dann die Recherche mittels der Kirchenbücher.

Mit dem „Gäßlein“ hat der Name nichts zu tun

Schauen wir uns nun die frühe Überlieferung des Familiennamens im Staatsarchiv Bamberg näher an. Da finden wir zu Neuses bei Kronach zum Jahre 1609 den Eintrag: „Cuntz Geßlein gibt järlich von einem new auferbauten Häußlein so Ihme 1609 aus Gnaden verwilliget worden. Jam Catharina sein Wittib innen. Jam Hannß Geßlein zu Neuseß (StABa: Kastenamt KC 2, f.94´)“. Erstmals erwähnt ist 1557 ein Hanns Geßlein von Neuses (StABa: A.231/IV, Nr.38000, f.3). Vorher lässt sich die Familie dort allerdings nicht nachweisen, sie muss also zugewandert sein.

In der Region lässt sich zu Altenkunstadt im Jahre 1600 eine Witwe des Contz Geßlein (StABa: Stb.2585, f.36´) nachweisen. Weitere Nennungen aus dem 16. Jahrhundert sind dann zu Kemmern/Landkreis Bamberg 1555 Anna Geißlein (StABa: Stb.721, f.488´) und zu Kauernhofen/Landkreis Forchheim 1598 Georg Geßlein – Lehen (StABa: Hochstift Ba Obereinnahme Hofkriegsrat Nr.114, f.68). Diese stehen allerdings in der Überlieferung isoliert und dürften wohl auf einzelne Zuwanderung aus dem Obermaingebiet beruhen.

Man sieht hier aber schon eine Variante Geißlein, die neben Geßlein auftaucht. Dabei handelt es sich um die ältere Form des Familiennamens Geßlein. Lautlich ist das so zu erklären, dass ein ursprünglicher Langvokal -i- (seit dem späten 13. Jahrhundert zu -ei- verzwielautet) vor dem Konsonant -s- zu -e- wird. So wird z.B. der Ortsname Geisfeld im Landkreis Bamberg in der Mundart Gessfeld ausgesprochen. Man sieht also jetzt schon, dass Geßlein nichts mit einem Wohnstättennamen Gäßlein – der an der kleinen Gasse wohnt – zu tun haben kann.

Sofia Öttl hofft auf Wintersemester mit Präsenzunterricht
Der Name Geßlein findet sich schwerpuntkmäßig in den Landkreisen Lichtenfels und Kronach. Foto: Joachim Andraschke

Geßlein, Geißlein und vielleicht die Geiß?

Doch wo genau lässt sich dann diese ältere Namensform Geißlein nachweisen, und kann diese, wie der Laie jetzt fragen dürfte, etwa mit der Bezeichnung der Geiß (Ziege) verbunden werden?

Um die letzte Frage gleich zu beantworten: die Geiß heißt mundartlich Gaas, somit kann dies nicht dem Familiennamen zugrunde liegen. Stattdessen beruht der Name auf einem ursprünglichen Rufnamen mit Langvokal -ī-, womit ein altdeutscher Personenname *Gīsel(l)īn angesetzt werden müsste.

Doch schauen wir weiter in die archivalische Überlieferung. Hier finden wir zu Melckendorf/Landkreis Kulmbach im Jahre 1489 folgenden Eintrag: „daruf der Geißlein sitzt“ (StABa: Hochstift Ba Lehenhof Nr.165, f.212). Aufschlussreich sind dann schließlich die beiden folgenden Einträge zu Petzmannsberg bei Kulmbach: „1426 Heintzen Geßler vom Potzmansperg“ (Archiv d. Frhr. v. Guttenberg, Amts- und Geschäftsbücher B.102, f.144´) und „1439 Cuntzn Geyßlein vom Petzmansperg“ (G 67 Archiv d. Frhr. v. Guttenberg, Amts- und Geschäftsbücher B 1, f.38´).

Es handelt sich dabei um Familienangehörige, wie aus dem gesamten Leheneintrag besitzgeschichtlich hervorgeht. Wir erkennen hier sehr schön, dass Geßler (Mundartform für Geißler) mit Geißlein konkurriert. Erklärbar ist dies so, dass Geißlein die kosende Kurzform des ursprünglichen Rufnamens Geißler ist (so wie Friedel/Friedlein zu Friedrich). Der altdeutsche Rufname ist als Gislin und Geslin bezeugt (Förstemann, Ernst: Altdeutsches Namenbuch. Die Personennamen, Sp.649f.).

Den Namen Gīselheri kennt man aus dem Nibelungenlied

Der darauf beruhende Vollname ist der germanisch-frühdeutsche Rufname Gīselheri, wie wir ihn aus dem Nibelungenlied her kennen (ein Bruder Giselher des Burgunderkönigs Gunther). Die Wortbedeutung von gīsil war ursprünglich die von Pfeil, die von -heri kann frei mit Krieger übersetzt werden. Der Name bezeichnete also ursprünglich einen Bogenkrieger.

Mit diesem Wissen haben die Geßlein nun die Qual der Wahl. In welcher Disziplin wollen sie einen Wettbewerb veranstalten: im Gesang, im Instrumentenspiel oder im Bogenschießen? Man darf gespannt sein. Gut jedenfalls werden sie wohl in allen drei Disziplinen sein, denn wie sagt die Psychologie: „Alles ist Anlage und Umwelt.“

 

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