LICHTENFELS

Lichtenfels: Wenn Werner Diefenthal die Bühne fehlt

Glücklicher Autor: Werner Diefenthal in der Advendhüddn nach einer Lesung. Das wird es 2020 wegen der Folgen der Pandemie nicht mehr geben. Foto: Gerda Völk

Werner Diefenthal hat sich als Autor von Fantasy-Büchern seine Fan-Gemeinde erschrieben. Für 2020 war einiges geplant. Doch dann kam Corona und plötzlich war alles anders.

„Was haben Musiker und Autoren gemeinsam? Beide brauchen ihr Publikum. Musiker nutzen die Bühne, um neue Lieder darzubieten, ihre aktuelle CD zu promoten. Ein Autor braucht sie, um sein neuestes Werk vorzustellen, es dem Leser nahezubringen, daraus vorzulesen. Beide brauchen die Rückmeldung des Publikums, den Kontakt, die Nähe.

Daher war ich mehr als glücklich, zwei wirklich wichtige Bühnen in diesem Jahr für mich zu haben. Die Geschichte dazu beginnt im November 2018 auf der Buch Berlin, wo ich am Gemeinschaftsstand des Selfpublisher-Verbandes meine Bücher vorstellen durfte. Dort wurde ich von der Veranstalterin der Lesungen gefragt, ob ich nicht Lust hätte, im September 2020 auf dem Festival Mediaval in Selb im dortigen Lesezelt eines meiner Bücher vorzustellen, daraus zu lesen.

Premierenlesung auf einem großen Festival

Begeistert sagte ich zu. Gemeinsam mit meiner Mitautorin Martina Noble und unserer Coverdesignerin Sandra Limberg stimmten wir alles so ab, dass wir auf diesem Festival, eines der größten seiner Art in Europa, die Premierenlesung zu unserer Wikingergeschichte „Undorn“ halten konnten.

Anfang 2020 gelang es mir dann noch, einen der begehrten Leseplätze auf der Leipziger Buchmesse zu ergattern. Dort wollte ich aus „Die Vergessenen – Gefangen“ lesen, welches wir genau zu dem Zeitpunkt veröffentlichen wollten. Das Jahr schien wirklich gut zu werden. Meine Stimmung war schon fast euphorisch.

Auch das fehlt dem Autoren: Signieren nach einer Lesung. Foto: Red

Doch dann kam Corona und alles wurde anders. Die Absage der Buchmesse traf uns hart. Alles war darauf ausgerichtet. Das Buch war fertig, die Exemplare für die Messe bestellt und lagerten bei mir. Auch die passende Gewandung lag bereit. Doch so saß ich da, auf gepackten Kisten, und tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich nicht allein mit dem Leid bin, und freute mich auf Selb. Das war zu diesem Zeitpunkt noch weit weg und die Hoffnung groß, dass dieser Termin stattfindet.

Aber auch da wurden wir enttäuscht, als die endgültige Verschiebung auf das nächste Jahr kam. Alles umsonst, alles vergebens. Es wurde in dem Moment endgültig klar, dass 2020 keine Bühne mehr für uns bereithalten würde.

Was bedeutet das für uns Autoren? Vor allem für all jene, die nicht in einem großen Verlag publizieren, sondern als Eigenverlag arbeiten. Die kein großes Budget für Werbung haben, die gerade Lesungen brauchen, um sich und die Bücher vorzustellen, um neue Leser zu gewinnen.

„Man muss ganz klar und deutlich sagen: Es trifft uns hart!“
Werner Diefenthal, Schriftsteller

Man muss ganz klar und deutlich sagen: Es trifft uns hart! Gerade die Veranstaltungen, bei denen sich die Lesefreunde treffen, sind für uns die Bühne schlechthin. Dort aufzutreten, das ist für uns ,kleine' Autoren ein Glücksgriff. Sowohl menschlich als auch wirtschaftlich.

Das Cover zu „Undorn“, das in Selb vorgestellt werden sollte. Foto: red

Die Frage bleibt: Welche Möglichkeiten haben wir? Können wir das irgendwie kompensieren? Zunächst stand alles still, wir erinnern uns. Jegliche Veranstaltung wurden abgesagt. Es war wochenlang nichts möglich.

Als dann, langsam, wieder Möglichkeiten bestanden, wurde mir schnell klar, dass für einen Autor nicht viele Gelegenheiten geboten wurden. Hygienekonzepte mussten erstellt werden und, was mir dann zeigte, dass es keinen Sinn macht, es durfte nur eine bestimmte Anzahl von Personen eingelassen werden.

Die Räumlichkeiten für eine Lesung waren ebenfalls kaum zu bekommen. Wo konnte man lesen? Die Buchhändler winkten größtenteils ab. Zu kompliziert, zu umständlich, wirtschaftlich nicht tragbar hieß es.

Cafés? Lokale? Auch hier das gleiche Bild. Büchereien? Ebenfalls Fehlanzeige, wobei auch dort noch das Wort vom ,unbekannten Autoren' fiel und damit das Risiko, dass niemand käme, zu groß war.

Man könnte natürlich Online-Lesungen veranstalten. Aber kann man das mit einer Lesung vor Publikum vergleichen? Ich denke nein. Es fehlt der direkte Kontakt, die Rückmeldung, die man über die Mimik bekommt, die Reaktionen auf die gelesenen Stellen. Und auch die Kommentare, die man dort hört. Und, auch das muss man klar und deutlich sagen: Es fehlt der wirtschaftliche Aspekt. Bei einer Lesung vor anwesendem Publikum kann man das ein oder andere Buch verkaufen, was online nicht geht, man kann da nur hoffen, dass Bestellungen eingehen.

Und schon wieder ein Lockdown

Und doch, eine vage Hoffnung blieb: Weihnachten. Vielleicht könnte man in der Stadtalm etwas organisieren. Doch mit der Absage des Weihnachtsmarktes und dem erneuten Lockdown im November wurde auch dieses kleine Pflänzchen der Hoffnung ausgerissen.

Man sollte eigentlich annehmen, dass gerade während des Lockdown die Menschen doch Zeit hätten, um wieder ein Buch zu lesen. Aber, und nun schließt sich der Kreis, es werden hauptsächlich die bekannten Namen gelesen, diejenigen, die in aller Munde sind, die in den großen Verlagen publizieren. Mir und allen anderen Autoren, die als Selfpublisher agieren, brauchen die Bühne, egal, wie klein sie ist. Und die fehlt dieses Jahr komplett. Bücher sind eben nun mal kein Toilettenpapier, könnte man noch mit ein wenig Sarkasmus hinzufügen.

So bleibt mir nur, darauf zu hoffen, dass 2021 ein besseres Jahr für uns Autoren wird. Wenn wir wirtschaftlich überleben. Denn Zuschüsse oder Hilfen vom Bund sind für uns nicht vorgesehen. Da bleibt uns nur das Vertrauen in unsere Stammleser, und dass diese über uns erzählen und dadurch doch den ein oder anderen neuen Leser für uns gewinnen, die sich dann, so unser Wunsch, möglichst bald auf einer unserer Lesungen einfinden mögen.“

 

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