BAIERSDORF

Wenn nur die Wanzen nicht wären

Lehrerin Olga ist voller Dankbarkeit gegenüber den hilfsbereiten Helfern aus Baiersdorf – wenn nur die Bettwanzen in ihrem ihrer Unterkunft nicht wären. Foto: Steffen Huber

Sechs rote Punkte zieren Miras Unterarm. Die Stellen jucken und sind für die blonde Frau aus Saporischschja in der Ukraine, die Anfang März aus ihrer von Russland überfallenen Heimat nach Deutschland fliehen musste, nicht schön. „Das sind Bisse von Bettwanzen“, sagt sie in ihrer Muttersprache. Übersetzt werden ihre Worte von Juri Fischer aus Baiersdorf. Zusammen mit anderen Baiersdorfer Bürgern und Bürgerinnen unterstützt er die zwölf Frauen und 14 Kinder, die seit Anfang März im Dorf zwischen Altenkunstadt und Weismain leben.

Die 26 Geflüchteten, die in einer ehemaligen Bäckerei im Ortskern Quartier bezogen haben, sind dank Baiersdorfern wie Fischer mittlerweile voll ins Dorfleben integriert. Die Einheimischen gehen mit den Geflüchteten einkaufen oder zum Arzt, sind die für die Frauen und Kinder da. Eine sehr wichtige Rolle spielt der FC Baiersdorf, bei dem vor allem die Kinder ihren Anschluss gefunden haben (diese Redaktion berichtete). Dagmar Dietz gab den Kids Deutsch-Unterricht. Und auch die Kirche hilft, das örtliche Gotteshaus hat zweimal in der Woche – Dienstag und Freitag – für die ukrainischen Frauen die Pforten geöffnet.

Der Unterarm der aus Saporischschja stammenden Mira ist übersäht mit Bissen von Bettwanzen. Foto: Steffen Huber

Aber auch Simone Seidel vom Hotel Fränkischer Hof hat einen großen Anteil daran, dass die Menschen aus der Ukraine rasch Anschluss gefunden haben. Bei ihr unterrichteten Baiersdorfer Helferinnen und Helfer die Frauen aus der Ukraine drei Mal in der Woche in Deutsch. Bei ihr durften die Geflüchteten auch einmal im Schwimmbad baden. Und bei ihr verkleideten sich die Kinder als „Hochzeitskäfer“ bei Trauungen, um Spaß zu haben und die schlimmen Ereignisse von Krieg und Flucht zu verdrängen. Und bei ihr eröffneten die Ukrainerinnen Mitte dieser Woche Online-Konten bei der Raiffeisenbank Obermain-Nord.

14 Kinder in den Kindergärten und Schulen untergebracht

Aber auch in den umliegenden Orten werden die Geflüchteten mittlerweile heimisch. So findet seit dem 9. Mai der Deutsch-Unterricht für die zwölf Frauen auf Initiative des Jobcenters jeweils vormittags in Weismain statt. Und der Altenkunstadter Bürgermeister Robert Hümmer hat sich laut Simone Seidel dafür eingesetzt, dass die 14 Mädchen und Jungen in den Kindergärten und Schulen in der Gemeinde aufgenommen worden sind. Überhaupt sind die Geflüchteten und die Baiersdorfer Helfer dem Gemeindeoberhaupt dankbar für dessen Unterstützung. So stelle dieser unter anderem bei Bedarf den Bürgerbus zur Verfügung.

Auch die Firma Baur hat sich den Aussagen der Helfer nach nicht lumpen lassen und den Menschen aus der Ukraine Laptops zur Verfügung gestellt. Von der Deutschen Telekom gab's außerdem kostenlose SIM-Karten, sodass die aus Kiew, Winnyzja, Tschernobyl oder Saporischschja stammenden Frauen mit ihren zurückgelassenen Männern und Familien telefonieren können. Und Olga, eine Lehrerin für Mathe und Physik in der 500.000 Einwohner zählenden Großstadt Winnyzja, kann dank dem Laptop sogar Online-Unterricht für die in der Heimat gebliebenen Schüler geben.

In dieser Woche halfen Vanessa Lieb (li.) und Markus Czech von der Raiffeisenbank Obermain Nord der aus Saporischschja s... Foto: Steffen Huber

Die 39-Jährige betont immer wieder die große Dankbarkeit, die sie und ihre Landsfrauen den heimischen Verantwortlichen und Helfern gegenüber empfinden. Auch sagt sie, wie gut es der ganzen Gruppe der Geflüchteten in Baiersdorf und der Gemeinde gefällt, wie warmherzig sie sich hier aufgenommen fühlen. Doch ein Wermutstropfen trübt die gute Stimmung. Dieser „Tropfen“ ist vier bis neun Millimeter lang, braun und hat einen unbändigen Hunger auf Menschenblut: die Bettwanze.

Mira aus Saporischschja hat eine Bettwanze in einem Plastikbecher gefangen, außerdem noch einen Diebskäfer. Beide Insekten stammen aus ihrem Zimmer und sind von Hermann Hacker aus Bad Staffelstein, einem der profiliertesten Insektenkenner aus dem Landkreis, zweifelsohne identifiziert worden. Hinzu kommen Fotos von weiteren Bettwanzen, die Lehrerin Olga mit ihrem Handy gemacht hat.

Auch heimische Ärzte haben Bisse der Wanzen an Geflüchteten diagnostiziert. Nur ein Kammerjäger, der mehrere Male zur Schädlingsbekämpfung in der Baiersdorfer Unterkunft gewesen war, muss nach Aussage der Geflüchteten und Helfer zu einem anderen Ergebnis gekommen sein. Er fand wohl Kugelkäfer statt Bettwanzen.

In der Folge baten die Ukrainerinnen und die Baiersdorfer beim Landratsamt um Unterstützung im Kampf gegen die Bettwanzen. Doch die Behörde verwies auf die Aussage des Kammerjägers, es gebe keine Bettwanzen, und die diagnostizierten Bisse seien allergische Reaktionen durch Kugelkäfer-Kot. Zum Bedauern der Geflüchteten und der Helfer nahm bis jetzt auch noch niemand aus dem Landratsamt die Einladung an, sich doch einmal vor Ort ein Bild von der Situation zu machen.

Dieses Insekt stammt aus der Unterkunft der Ukrainer in Baiersdorf und ist laut Hermann Hacker eindeutig eine Bettwanze. Foto: Steffen Huber

Wer in Altenkunstadt hat Platz für die Geflüchteten

„Die Mädels wollen nicht raus aus der Wohnung, die Bettwanzen sollen verschwinden“, bringt es eine der Helferinnen aus dem Altenkunstadter Ortsteil auf den Punkt. Denn zu gut gefällt es den 26 Geflüchteten in Baiersdorf. Für den Fall der Fälle, dass die Menschen aus der Ukraine die Unterkunft wegen der Bettwanzen verlassen müssen, würden sie am liebsten in der Gemeinde bleiben, allein schon wegen der Kinder, die sich gerade in Kita und Schule eingelebt haben. „Wenn jemand aus Altenkunstadt oder den Ortsteilen vielleicht Platz hat und Wohnraum für unsere Geflüchteten zur Verfügung stellen kann, dann würden wir uns freuen, wenn er sich meldet“, so eine der Helferinnen aus Baiersdorf.

 

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