UNTERLEITERBACH/ZEUBLITZ

Wenn die Zeidungsfraa um vier kommt

Jeder noch so kleine Ort braucht seinen zuverlässigen Zeitungszusteller oder Zustellerin. In Zeublitz verteilt im Morgen... Foto: Schmitt

Wer läuft am frühen Morgen um 4 Uhr durch die Straßen? Ein Einbrecher, der nach Beute Ausschau hält? Oder ist es ein Angetrunkener, der spät von einer Party nach Hause läuft, weil er nicht mehr fahrtüchtig ist? Nein, es ist die Zeitungszustellerin, die früh das Obermain-Tagblatt austrägt.

Wenige OT-Leser kennen sie; nur in kleinen Dörfern kennt man sie besser. Im wahrsten Sinne des Wortes führen sie ein Schattendasein in dunkler Nacht. Oft begleitet sie eine Katze; ein ständiger Begleiter ist der Mond, mehr oder weniger hell, je nachdem. Im Sommer wird es früher hell, die Zustellerin beziehungsweise der Zusteller kann bei der Arbeit den Sonnenaufgang beobachten. Im Winterhalbjahr werden die Zeitungen immer in der Dunkelheit ausgetragen; Schnee, Glatteis und Regen erschweren den Fußweg. Kein Schneepflug ist um diese Zeit unterwegs, kein Gehsteig von Hausbesitzern geräumt.

Nicht vergessen sollten die Leser, dass vor dem Austragen in den Orten die Zeitungspakete von weiteren Personen zwischen 23 und 2 Uhr von Ort zu Ort am Obermain ausgefahren werden. Kein Paket darf hier verwechselt werden, sonst bekommen die Austräger große Probleme.

Oft sind es rüstige Rentner, die sich über einen Zuverdienst freuen

Warum tun die Austrägerinnen sich das an, jeden Tag früh aufzustehen? Oft sind es finanzielle Gründe: Die Rente wird aufgestockt wie bei Ursula und Peter Kothe aus Unterleiterbach. Ursula steht um 2 Uhr auf. Da heißt es, die Zeitungen und Briefe nach den Straßenrouten zusammenzustellen. Die zusätzliche Briefzustellung nimmt einen immer größeren Anteil in Anspruch. Nur wenigen ist bekannt, dass viele Zeitungszusteller gleichzeitig Postboten sind.

Seit sieben Jahren sind die Kothes ab 3.30 Uhr unterwegs. Das Ehepaar fährt nach Zapfendorf, beide tragen 80 Zeitungen und rund 180 Briefe täglich aus. Zu Corona-Zeiten brauchten sie sogar für die Fahrt einen Passierschein.

Kampf mit dem Zeitungsklau: Ansprechpartner der Polizei

Nicht nur mit dem Wetter haben sie zu kämpfen, mit den Kunden auch. So beschwerte sich eine Leserin mehrmals, ihre Zeitung sei nicht angekommen. Ermittlungen ergaben: Zeitungsklau aus der Nachbarschaft. Eine Unterbrechung der Routine erlebten die beiden einmal, als sie eines Tages am frühen Morgen von der Polizeistreife angehalten wurden. Die Polizisten suchten von den Zeitungszustellern Hilfe bei der Fahndung nach einer Person, die kurz vorher einen Bankautomaten zum Explodieren gebracht hatte. Ein andermal mussten sie einen Betrunkenen auf den rechten Weg bringen, sein Heim zu finden.

Spezielle Wünsche mancher Leser sorgt manchmal für Verdruss. Da findet man immer wieder mal einen Zettel am Briefkasten oder am „Zeitungsrohr“ mit Anweisungen, wie der Briefkasten oder das „Zeitungsrohr“ zu bedienen sei: Einmal soll die Zeitung in den Briefkasten gesteckt werden, dann wiederum in das „Zeitungsrohr.“ Ein anderes Thema sind die Gartentore: mal offen lassen, wo anders geschlossen lassen. Einmal musste sich Ursula Kothe den Vorwurf von einem Leser anhören, sie habe die Zeitung erst um 5 Uhr vorbeigebracht, viel zu spät.

Gestürzter Frau und Fisch geholfen

In Unterleiterbach trägt Regina Stubenvoll-Schwarz seit genau 20 Jahren die Zeitungen aus. Dabei hilft das umgebaute Fahrrad. Seit ihrer Jugend ist das Zustellen der Zeitung ein Thema in ihrer Familie; ihr Vater verteilt seit mehr als 40 Jahre ebenfalls Zeitungen. Die Läddebocher kennen die Zustellerin, manchmal trifft man sie tagsüber beim Verteilen der Anzeigenblätter an.

In Unterleiterbach wohnen drei Zeitungszusteller: (v. li.) Regina Stubenvoll-Schwarz und das Ehepaar Ursula und Peter Ko... Foto: Andreas Motschmann

Leider kann sie unter der Woche nicht an späten Veranstaltungen teilnehmen; spätestens um 21 Uhr geht es ins Bett. Tag für Tag trägt Regina am frühen Morgen in zwei Bezirken um die 90 Zeitungen aus. Anekdoten kann auch sie erzählen. So fand Regina im Winter auf dem Weg einen lebenden Fisch. Wollte eine Katze den Fisch aus einem nahen Gartenteich fressen? Kurzerhand holte sie von zu Hause einen Eimer mit Wasser und brachte den Fisch vor der Kälte in Sicherheit. Am Vormittag fand sie nach einigen Telefonanrufen wieder den glücklichen Besitzer – Fisch gerettet! Ebenso konnte sie einer gestürzten Frau in deren Wohnung am frühen Morgen Hilfe beschaffen.

Zusätzliche Belastungen bei Vertretungen in den Nachbarorten

Am Küchentisch in Unterleiterbach unterhielt sich der Autor dieser Zeilen mit dem Ehepaar Kothe und Regina Stubenvoll-Schwarz. Er lauschte fasziniert den vielfältigen Erlebnissen der drei. Sie berichteten auch von steigenden Belastungen: In den Nachbarorten übernehmen sie die Vertretung des Stammzustellers, wenn dieser Urlaub nimmt oder durch Krankheit ausfällt. Sofern es möglich ist, treffen sich die beiden Zusteller einmal vorher, um den neuen Bezirk mit allen Besonderheiten kennenzulernen.

Jeder noch so kleine Ort braucht seinen Zeitungszusteller

Im Altenkunstadter Ortsteil Zeublitz trägt seit vielen Jahren Familie Schmitt das Obermain-Tagblatt aus. Angefangen hat damit Sohn Mathias als Schüler, danach übernahmen die Eltern Gerlinde und Josef das Austragen. Sicher ist die Arbeit mit gerade mal zehn Zeitungen überschaubar. Auch auch für sie heißt es, sechsmal in der Woche jeden Morgen zu früher Stund‘ bei Wind und Wetter die Zeitungen auszutragen. Dabei lässt sich schon mal mit einem anderen Frühaufsteher im Dorf ein kleines Pläuschchen einrichten.

Egal, ob in der großen Stadt oder im kleinsten Ort: Überall brauchen wir in unserem Landkreis zuverlässige Zeitungszusteller. An sie alle dürfen wir Leserinnen und Leser uns gerne zwischendurch dankbar erinnern.

 

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