LICHTENFELS

Wenn die Leuchse zur Gefahr wird

Wie Stadtbaumeister Gerhard Pülz erläutert, könnte im Zuge des Hochwasserschutzes der Weg „Am Stein“ zum Friesenhof erhöht und die kleine Brücke über die Leuchse als Drosselbauwerk neu gebaut werden. Foto: Steffen Huber

Das Foto stammt vom 13. April 1994, aufgenommen von Ilka Lörz um 7.40 Uhr, und es zeigt braune Fluten, die zwischen Häusern durchschießen, die Uferböschungen überfluten und sich in Vorgärten ergießen. Das war noch nicht der Höchststand der Überschwemmung, welche die Leuchse im Frühling vor 27 Jahren im Bereich der Langen Straße angerichtet hatte. Der Bach, der in der Regel träge vor sich hin plätschert, stieg noch bis 9 Uhr an, erst dann gingen die Wassermassen zurück und hinterließen vollgelaufene Keller und verschlammte Gärten.

Die Leuchse hat sich am 13. April 1994 in einen reißenden Strom verwandelt. Diese Aufnahme wurde in der Langen Straße in... Foto: Ilka Lörz

Solche Überschwemmungen gab es also schon „früher“, doch mittlerweile treten Starkregenereignisse in Folge des Klimawandels in unserem Landkreis immer häufiger auf. Erst im Juli hatte Dauerregen beispielsweise für Überschwemmungen in Kösten und Schönsreuth gesorgt, und auch das Gewerbegebiet an der Robert-Koch-Straße wurde zu dieser Zeit von braunen Schlammmassen geflutet. In der Nachbarkommune Altenkunstadt überschwemmte das Wasser nach einem gewaltigen Wolkenbruch Straßen und Keller in den Ortsteilen Baiersdorf und Prügel.

Noch fehlt der Schutz von Mistelfeld und Lichtenfels

Der erst vor einigen Jahren gebaute Damm im Scheubelgraben soll Klosterlangheim schützen. Foto: Steffen Huber

Doch zurück in die Kreisstadt, wo die Leuchse den Verantwortlichen in den vergangenen Jahren immer mehr Kopfzerbrechen bereitet hat. Zwar hat die Stadt viel Geld für den Hochwasserschutz von Klosterlangheim mit Deichen beim Scheubelgraben, dem Oberlangheimergraben und bei der Leuchse ausgegeben. Nur noch Arbeiten am Tempelgraben sind noch offen. Doch noch fehlt der Schutz von Mistelfeld und Lichtenfels.

„Das Motto ,Nach mir die Sintflut‘ können wir uns nicht mehr leisten.“
Gerhard Pülz, Stadtbaumeister
Hier der Wasserdurchfluss am Damm im Scheubelgraben. Foto: Steffen Huber

Die Problematik ist im November 2019 im Bauausschuss thematisiert worden. Damals gaben die Stadträte einen Stufenplan zum Hochwasserschutz in Auftrag, dessen erste Ergebnisse Anfang Oktober vom Wasserwirtschaftsamt Kronach im Stadtrat präsentiert worden sind.

Bei einem hundertjährigen Hochwasser der Leuchse könnte der Bach Teile der Lichtenfelser Altstadt überfluten (siehe blau... Foto: Umweltatlas Bayern

Das Resultat überraschte: Wie das Landesamt für Umwelt und das Wasserwirtschaftsamt errechnet haben, ist die Leuchse ein Risikogewässer. Wurden die Erfahrungen von Überschwemmungen in Mistelfeld von den Ämtern bestätigt, so waren die Folgen eines hundertjährigen Hochwassers für Lichtenfels neu. Die Leuchse könnte dabei die halbe Lichtenfelser Altstadt teilweise mehrere Meter unter Wasser setzen. Ihre Fluten würden sogar den Marktplatz erreichen (siehe Karte).

Nadelöhr der Leuchse bei der Unterführung Bamberger Straße

Der Damm zwischen Klosterlangheim und Roth für die Leuchse. Foto: Steffen Huber

„Das Problem beim Abfluss der Leuchse ist die Unterführung der Bamberger Straße und der Eisenbahngleise“, erläutert Harald Hucke, der beim Stadtbauamt für Gewässer, Brücken und den Hochwasserschutz zuständig ist. 120 Meter verläuft die Leuchse hier unterirdisch, bis sie kurz darauf in den Main mündet. An dieser Stelle wird bei einem 100-jährigen Hochwasserereignis ein Durchfluss von zirka 23 Kubikmeter erwartet, die von der Unterführung nicht mehr aufgenommen werden kann. Dadurch ergieße sich das aufstauende Wasser dann in Richtung Altstadt.

Um dieses Szenario abzuwenden, werde das zuletzt vom Stadtrat beschlossene integrale Hochwasserschutz- und Rückhaltekonzept beauftragt, so der Mitarbeiter vom Stadtbauamt weiter. Die einzelnen Maßnahmen dazu würden von einem spezialisierten Ingenieurbüro erstellt.

Viele Parameter müssen bedacht werden

Auch wenn es noch bis ins nächste Jahr dauern wird, bis die Fachplaner alle Parameter berechnet haben – wie hoch dürfen beispielsweise ein Damm beziehungsweise wie groß dessen Durchfluss sein, um die Wassermassen bachabwärts aufzuhalten, aber gleichzeitig verhindern, dass durch den Rückstau nicht die bachaufwärts liegenden Gebäude überflutet werden–, nennt Hucke einige wahrscheinliche Schutzmaßnahmen: „Wir werden mobile Hochwasserschutzwände anschaffen und Regenrückhalt schaffen, zum Beispiel durch den Rückhalt in der Fläche oder durch Becken außerhalb des Stadtgebietes.“

Zwischen Klosterlangheim und Mistelfeld sind ein Damm und Überschwemmungsflächen denkbar. Foto: Steffen Huber

Zwischen Klosterlangheim und Mistelfeld sowie zwischen Mistelfeld und der Stadt seien Dämme denkbar, ergänzt Stadtbaumeister Gerhard Pülz. Er nennt als Beispiel die Trasse der Straße „Am Stein“ zum Friesenhof, die erhöht werden könne. Dabei könne die kleine Brücke über die Leuchse als Drosselbauwerk neu gebaut werden und die Wiesen als Überschwemmungsflächen dienen. Des Weiteren arbeite man eng mit Feuerwehr oder Bauhof zusammen, um bei einem drohenden Starkregenereignis schnell eingreifen zu können.

Im Zuge des Ausbaus des Hochwasserschutzes müssen laut Harald Hucke noch zwei Aspekte berücksichtigt werden. Zum einen muss die Stadt bis 2027 die Gewässer in einen ökologisch-chemisch guten Zustand versetzen. Im Rahmen dieses Umsetzungskonzepts arbeite man eng mit dem Landschaftspflegeverband zusammen.

Hier wird die Leuchse gestaut. Foto: Steffen Huber

Der zweite Punkt: Die Leuchse ist ein Gewässer 3. Ordnung und damit ein Anliegergewässer. „Das Ufer und teilweise sogar der Gewässerlauf gehören den Anwohnern, die Kommune ist aber für den Unterhalt zuständig und sorgt beispielsweise mit der Räumung von Ablagerungen dafür, dass der Abfluss funktioniert“, erläutert Hucke.

Unabhängig davon seien aber auch die durch Hochwasser betroffenen Anlieger verpflichtet, im Rahmen des ihnen Möglichen, Vorsorgemaßnahmen zum Schutz vor nachteiligen Hochwasserfolgen und zur Schadensminderung zu treffen. Deswegen sei es notwendig, dass Anlieger und Stadt gemeinsam den Hochwasserschutz angehen.

Ein Teich im Tempelgraben bei Klosterlangheim. Der Hochwasserschutz wurde bereits von den Mönchen des Klosters ersonnen ... Foto: Steffen Huber

„Hier kommen übrigens auch unsere Stellplatz-, Entwässerungs und Gestaltungssatzung ins Spiel“, ergänzt Pülz. Lautete früher noch die Maxime, das Wasser so schnell wie möglich vom eigenen Grundstück weg zu bekommen, so sorge man heute dafür, dass das Regenwasser möglichst lange auf den Grundstücken bleibt. Als Beispiele nannte Pülz den Regenrückhalt durch Zisternen, Teiche, Gründächer oder Flächen, auf denen das Wasser versickern kann. Gerhard Pülz: „Das Motto ,Nach mir die Sintflut‘ können wir uns nicht mehr leisten.“

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