BAD STAFFELSTEIN

Was wurde aus den Schutzräumen im Landkreis Lichtenfels?

Schwere, gasdichte Türen sorgten für den Schutz von Patienten und Personal. Foto: Markus Drossel

Ein brutaler Angriffskrieg mitten in Europa: Bis vor wenigen Wochen wäre das für viele noch unvorstellbar gewesen. Nun aber ist das Schreckensszenario Realität geworden. Auch in Deutschland wächst die Sorge, dass daraus ein Flächenbrand mit ungeahnten Ausmaßen werden könnte. Da stellt sich die Frage: Wie könnte im Fall der Fälle die Bevölkerung geschützt werden?

Einige wenige Betten aus dem alten Hilfskrankenhaus wurden aufgehoben. Foto: Markus Drossel

Wo also sind die möglichen Schutzräume oder Bunker im Landkreis Lichtenfels? „Es gab bis etwa 1990 zwei Orte im Landkreis: einen Raum im Finanzamt, der mittlerweile für diesen Zweck nicht mehr zur Verfügung steht, und das Hilfskrankenhaus in Bad Staffelstein“, antwortet Andreas Grosch, der Pressesprecher des Landkreises Lichtenfels, auf Nachfrage dieser Redaktion. „Das Hilfskrankenhaus war unterhalb der Adam-Riese-Halle, ist aber so auch nicht mehr existent. Die technischen Anlagen wurden zurückgebaut.“

Im Jahr 1985 unter der neuen Adam-Riese-Halle errichtet

Die Luftfilteranlage. Foto: Markus Drossel

Im Jahr 1985, als das Behelfskrankenhaus errichtet wurde, herrschte der Kalte Krieg (1947 bis 1989). Pflegehistoriker Dr. Huibert Kolling aus Unterzettlitz hat im Buch „Kunst und Kultur III“ der Kultur-Initiative die Geschichte ausführlich aufgearbeitet. Es war eines der letzten Zivilschutzprojekte in Bayern. Ledlich zwei Jahre dauerte der Bau unter der damals neuen Mehrzweckhalle (Einweihung 1983). In der Bundesrepublik Deutschland standen so Anfang der 1980-er Jahre 220 Hilfskrankenhäuser mit 86.500 Bettenplätzen zur Verfügung, von denen rund 20 Prozent auf Bayern entfielen. Hilfskrankenhäuser, das waren Einfachkrankenhäuser für Notfälle, die als Zusatzeinrichtungen der stationären Versorgung der Bevölkerung ihres Einzugsgebietes dienen sollten.

Schwere, gasdichte Türen sorgten für den Schutz von Patienten und Personal. Foto: Markus Drossel

Mit seiner 420 km langen Grenze zur DDR und seiner 360 km langen Grenze zur damaligen CSSR (Tschechoslowakische Sozialistische Republik) befand sich Bayern an der Nahtstelle von Warschauer-Pakt-Staaten und Nato-Mitgliedern. „Der Eisenbahnknotenpunkt Lichtenfels wäre dabei „ür den militärischen Nachschub in den nordbayerischen Raum von zentraler Bedeutung gewesen und somit auch ein potenzielles Angriffsziel, um die Versorgung zumindest zu erschweren“, so Dr. Kolling. „Bei den daher zu schaffenden Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung gab es Überlegungen zum Bau eines Hilfskrankenhauses in Oberfranken, wobei als ein möglicher Standort Staffelstein in Frage kam.“ Und es letztlich auch wurde.

Unter anderem vier Operationsräume und ein Entgiftungsraum

Mit diesen Steinen konnten die Eingänge verbarrikadiert werden. Foto: Markus Drossel

Das Hilfskrankenhaus verfügte über vier Operationsräume, zwei Vorbereitungsräume, einen Sterilisationsraum, einen Ambulanz- und Gipsraum, einen Raum für die chirurgische Vorbehandlung, einen Röntgenraum mit Dunkelkammer und Filmlager, zwei Laborräume, und einen [ABC-]Entgiftungsraum sowie Räume zur Grob-, Fein- und Nachmessung und für den Kleiderabwurf bei Verstrahlung und Vergiftung. Hinzu kamen sieben Räume für OP-Wäsche, Arzneimittel, Verbandsstoffe sowie Kranken- und Personalbekleidung und -wäsche.

Die fluoriszierenden Markierungen sind zum Teil erhalten. Foto: Markus Drossel
Mal angenommen, ich hätte vorigen Herbst vorgeschlagen, am Alten Klinikum einen Luftschutzbunker zu bauen: Man hätte sicherlich meinen Geisteszustand in Frage gestellt.“
Christian Meißner, Landrat

Es gab Betten für 400 Kranke un dVerlertre und 150 Ärzte, Pfleger und Hilfskräfte. Alles unterirdisch, alles in einem Stahlbetonmassivbau, durch Erdaufschüttungen gesichert. Filteranlagen, Gassschleusen und Druckerhöhungsanlage sollten gegen radioaktive Strahlung, Hitze sowie gegen Einwirkungen chemischer und biologischer Kampfstoffe schützten.

Im Generatorenraum. Foto: Markus Drossel

Gott sei Dank kam es anders, trat der Ernstfall nie ein. „Nach erfolgter Inbetriebnahmeübung im Oktober 1988 schlummerte das Hilfskrankenhaus Staffelstein gut zehn Jahre vor sich hin, bevor es nach dem Fall der Berliner Mauer beziehungsweise mit der deutschen Wiedervereinigung 1989/90 seine Bedeutung verloren hatte und aufgelöst wurde“, so Dr. Kolling. „Nachdem das Sanitätsmaterial sowie die Einrichtungsgegenstände im Rahmen einer humanitären Hilfslieferung nach Usbekistan abgegeben worden waren, konnten die freigewordenen Räume des ehemaligen Hilfskrankenhauses Staffelstein nun für andere Zwecke genutzt werden.“

Heute ein Ort für wichtige Dokumente

Heute dienen die unterirdischen Räume als Archiv. Wichtige Dokumente der Stadt Bad Staffelstein sind dort eingelager – und auch das Archiv des Obermain-Tagblatts. Übrigens: „Für Staffelstein war die Entscheidung des Bundes, das Hilfskrankenhaus in ihrem Stadtgebiet zu bauen, unter finanziellen Gesichtspunkten ein ausgesprochener Glücksfall, konnte sie sich dadurch doch unter anderem die teuren Kosten für das Fundament ihrer neu zu erbauender Mehrzweckhalle sparen“, fügt Andreas Grosch vom Landratsamt an.

Über diese Rampen geht es in die unterirdischen Krankenhausräume. Foto: Markus Drossel

„Zivilschutz ist Aufgabe des Bundes“, klärt der Sprecher des Landkreises auf. „Aktuell sind uns keine anderen öffentlichen Zivilschutzanlagen im Landkreis als die genannten bekannt.“ Das liegt daran, dass infolge der Friedensdividende nach 1990 das öffentliche Schutzbaukonzept nicht erneuert und die funktionale Erhaltung der Schutzräume im Jahr 2007 nach einer zwischen Bund und Ländern einvernehmlich getroffenen Entscheidung eingestellt wurden. „Der Rückbau der Schutzräume begann im Jahr 2008“, so Grosch.

Die Dekontaminationsduschen gibt es noch heute. Foto: Markus Drossel

Mittlerweile setzt aber ein Umdenken ein. So heißt es von den Bundesministerien des Innern und für Umwelt: „Vor dem Hintergrund des völkerrechtswidrigen russischen Überfalls auf die Ukraine verstärkt die Bundesregierung ihre Fähigkeiten zum Schutz ihrer Bevölkerung und Alliierten. Im Rahmen der Gesamtverteidigung gilt es dabei neben der militärischen auch die zivile Verteidigung stärker in den Blick zu nehmen.“ Auch im Zivilschutz müsse Deutschland sich den aktuellen Herausforderungen stellen und seine Fähigkeiten stärken.

Die Adam-Riese-Halle. Foto: Drossel

„Die aktuellen Vorkehrungen und Maßnahmen im Zivilschutz in Deutschland müssen überprüft und die Fachbehörden wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk für diese Aufgaben wieder deutlich gestärkt werden.“ Generell gelte laut genannter Ministerien im Hinblick auf die Krisenvorsorge und den Zivilschutz, „dass für diese bewährten und ressortabgestimmten Mechanismen bestehen, die lageangepasst verstärkt werden. Das für die Koordinierung der Zivilen Verteidigung zuständige BMI, die anderen Ressorts und die Länder stehen hierzu im ständigen Austausch.“

„Die aktuellen Vorkehrungen und Maßnahmen im Zivilschutz in Deutschland müssen überprüft werden.“
Aus einer Presseinformation der Bundesministerien
Eines der originalen Raumschilder. Foto: Markus Drossel

„Wir haben uns in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten an ein friedliches Europa gewöhnt. Mal angenommen, ich hätte vorigen Herbst vorgeschlagen, am Alten Klinikum einen Luftschutzbunker zu bauen und dass ich mich um Bundesmittel bemühe – die es gar nicht gab! –, hätte man sicherlich meinen Geisteszustand in Frage gestellt“, sagt Landrat Christian Meißner (CSU) auf Nachfrage dieser Redaktion. „Wir haben beispielsweise aus der Zeit des ,Kalten Krieges' in unserem Tresor am Landratsamt noch Essens- und Treibstoffmarken eingelagert. Diese sollten wir entsorgen, was wir aber nicht gemacht haben! Wir waren uns in der Führungsgruppe Katastrophenschutz alle einig, dass wir diese aufheben.“

Die Mittel für den Bau von „Bunkeranlagen im weitesten Sinn“ kämen vom Bund, so Meißner. „Wenn der Bund oder auch der Freistaat Bayern uns auffordert hier tätig zu werden, werden wir das natürlich tun.“, erläutert Landrat Christian Meißner die aktuelle Situation.

Katastrophenschutz im Landkreis Lichtenfels

In einem Raum des ehemaligen Hilfskrankenhauses ist das Archiv des Obermain-Tagblatts untergebracht. Foto: Markus Drossel

Der Landkreis Lichtenfels auf auf seiner Homepage lkr-lif.de Wissenswertes rund um das Thema Katastrophenschutz zusammengestellt. Darunter finden sich auch Informationen zu Sirenen- und Lautsprecherwarnungen, also alles zur Verordnung über öffentliche Schallzeichen und die die Bedeutung der in Bayern verwendeten Sirenensignale. Wenn die Sirene dreimal in einem in der Höhe gleichbleibenden Ton von je zwölf Sekunden ertönt, unterbrochen von einer ebenso langen Pause, so werden damit de Einsatzkräfte der Feuerwehren alarmiert. Das kennt man bestens.

Die Elektro-Zentrale. Foto: Markus Drossel

Doch dann gibt es noch einen Alarm, der die Bevölkerung veranlassen soll, anlässlich schwerwiegender Gefahren für die öffentliche Sicherheit auf Rundfunkdurchsagen zu achten. Dieser Heulton dauert eine Minute. Ergänzend empfehlen sich Handy-Applikationen wie KatWarn oder Nina.

Weitere Informationen gibt es beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe unter www.bbk.bund.de.

 

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