LICHTENFELS

Was kann der Landkreis Lichtenfels fürs Klima tun?

Was kann der Landkreis Lichtenfels fürs Klima tun?
Ein leidenschaftliches Plädoyer für weniger Flächenversiegelung brachte Anton Reinhardt (Kreisvorsitzender BUND) in die Diskussion mit ein. Bei Stadtrat Christian Barth schien er damit Gehör zu finden. Foto: Markus Häggberg

Die Bundestagswahl wird am 26. September stattfinden. Dann könnte es Bewegung in der Klimafrage geben. So lange möchte das Lichtenfelser Bündnis „Klimaentscheid Lichtenfels“ aber nicht warten. Es hat ein Bürgerbegehren für ein klimaneutrales Lichtenfels bis 2030 gestartet und sucht auch auf Landkreisebene die Diskussion. Am Donnerstag kam es zum ersten „Runden Tisch“ mit Anghörigen verschiedener Parteien.

Diana Biskupski ist eines der Gesichter des Klimaentscheids. Gemeinsam mit ihrem Mann und weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern ist die promovierte Ingenieurin dann und wann in der Korbstadt unterwegs und macht Werbung für die Unterschriftenaktion des Bündnisses. Nun aber sitzt sie im „Dümpfelschöpfer“ einem Runden Tisch vor, begrüßt Gäste verschiedener Parteien und findet sich in der Rolle einer Moderatorin wieder.

„Die Auswirkungen des Klimawandels sind heute schneller spürbar, als wir reagieren können.“
Diana Bisupski, „Klimaentscheid Lichtenfels“
Was kann der Landkreis Lichtenfels fürs Klima tun?
Klare Kante. Diana Biskupski erwartet auch von der Lokalpolitik Lösungen zur Klimafrage. Foto: Markus Häggberg

Die Idee zu diesem Tisch, so sagt sie, sei von einigen Parteien gekommen. „Die Auswirkungen des Klimawandels sind heute schneller spürbar, als wir reagieren können“, fasst sie die Ungeduld des Bündnisses gegenüber der Politik zusammen.

Neben ihr sitzt Johannes Söllner und neben diesem ein weiterer Ingenieur: Winfried Tiedge. Ihn, so sagt er selbst, habe es beinahe „vom Sockel gehauen“, als er mitbekam, was aus dem Klimakonzept des Landkreises geworden sei. Kurz und gut: Die Dinge gehen auch aus seiner Sicht zu langsam voran. So bat man zu Tisch und so kamen auch Kreisrätinnen und -räte, wenn auch nicht eben viele.

6,9 Tonnen zu viel Kohlstoffdioxid pro Kopf

Das Bündnis konfrontiert sie mit einer Statistik: Jeder und jede Deutsche erzeuge demnach durchschnittlich etwa 8,4 Tonnen Kohlenstoffdioxid pro Jahr. Das seien pro deutschem Kopf 6,9 Tonnen zu viel, wolle man den globalen Temperaturanstieg bis 2100 auf 1,5 Grad Celsius beschränken. Wenn nichts getan würde, stiege die Temperatur sogar um 3,6 Grad Celsius an. Doch was tun und wo? „Gibt's denn einen Freiwilligen hier, der einen Kommentar hat?“, fragt Biskupski in die Runde der insgesamt zehn Gäste nahezu aller Parteien. Und die Diskussion beginnt.

Roland Schunk ist kein Kreisrat. Er gehört zu den Freien Wählern in Lichtenfels und meldet Bedenken an zu dem, was Tiedge sagt. Dieser spricht von Geld und von Differenzkosten zum heutigen CO2-Preis. Kosten, die auf den Bürger umgelegt werden müssten. Die Rede ist von 1000 Euro pro Jahr. Bei rund 68 000 Landkreisbewohnern macht das 68 Millionen Euro. Diese Summe, so Tiedge mit einem saftig-anschaulichen Beispiel, entspreche einem sieben Kilometer langen Ausbau der B 173.

„Der ,Kleine Mann‘ weiß auch, dass wir was tun müssen, aber er fragt sich auch, wo er das Geld hernehmen soll.“
Roland Schunk, Freie Wähler
Was kann der Landkreis Lichtenfels fürs Klima tun?
Für Grünen-Kreisrätin Susann Freiburg steht fest: "Die Natur braucht uns nicht!" Auch sie zeigte sich in der Diskussion ... Foto: Markus HÄggberg

Schunks Bedenken dazu: „Es gibt Bürger, die (mit ihrem Geld) kalkulieren müssen. Der ,Kleine Mann‘ weiß auch, dass wir was tun müssen, aber er fragt sich auch, wo er das Geld hernehmen soll.“ Und: „Wir können nicht von heute auf morgen den Schalter umlegen.“ Kreisrätin Susann Freiburg (Bündnis 90/Die Grünen) hielt dem entgegen: „Die Natur, das muss uns klar sein, braucht uns nicht.“

Interessant zu beobachten ist an diesem Abend, dass ein Einwand wie dieser nicht das Verhärten von Fronten oder das Ende des Diskutierens bedeutet, sondern dass es etwas gibt, was wie eine Art Überschrift über dem Tisch und den Diskutanten hängt. Es ist ein Zitat von Biskupski selbst, mit dem Inhalt, dass Leute nur „mit klaren Grenzen kreativ“ würden.

„Die Natur, das muss uns klar sein, braucht uns nicht.“
Susann Freiburg, Kreisrätin (Bündnis 90/Die Grünen)

An Kreativität dafür, wo es überall Möglichkeiten für das Fixieren von Stellschrauben gibt, mangelt es am Tisch nicht. Stadtrat Christian Barth (JB) spricht sich etwa dafür aus, die Menschen dafür zu sensibilisieren, „wie wir essen und was wir essen“. Zur Vermeidung von CO2 empfiehlt er, nur noch regional einzukaufen. Außerdem sollte das Homeoffice gestärkt werden, um das Berufspendeln zu erübrigen. Auch wo überall im Landkreis Abwärme entsteht, die in einen neuerlichen Kreislauf zu bringen wäre, sei ein Thema.

Freiburg fordert einen „Klimaschutzmanager“ in Festanstellung, der sich explizit um solche Fragen kümmert. Einen Antrag auf einen solchen für die Stadt Lichtenfels gebe es jedenfalls, denn schon die Kreisstadt habe „Nachholbedarf darin, Treibhausgase zu vermeiden“.

Flächenversiegelung ist auch schuld an Überschwemmungen

Auf das, was neben CO2 zudem ursächlich für Überschwemmungen ist, kam der Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz, Anton Reinhard, zu sprechen: Flächenversiegelung. Pro Stunde würden im Landkreis 100 Quadratmeter zugebaut. Auch das ein unhaltbarer Flächenverbrauch.

Was kann der Landkreis Lichtenfels fürs Klima tun?
Klimaentscheid-Mitinitiator Winfried Tiedge hat klare Vorstellungen von Sinn und Zeitabläufen für den Klimawandel. Er wi... Foto: Markus Häggberg

Es wird viel gesprochen und letztlich sogar zweieinhalb Stunden lang – über den Club of Rome und seine berühmte Einschätzung zu den Grenzen des Wirtschaftswachstums, oder darüber, was das Bündnis für den Klimaentscheid selbst an Schritten vorschlägt. Tiedge hat für die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer auch Unterlagen dabei. Darin ist zu lesen, dass Chancen in der Aufforstung liegen, dass im Bereich Transport und Verkehr die Energieeffizienz noch ausbaufähig ist, ebenso wie die Bioenergie bei der Energieversorgung, aber eben auch der CO2-Preis. Dieser jedoch, so betont das Bündnis, ließe sich „natürlich sozialverträglich verteilen“.

Eine Treibhausgasuhr mit Endtermin 2030

Zu fördern gelte es ein Klimamanagement auf professioneller, projektorientierter Grundlage in Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern, Industrie und Hochschulen, einen Klimaschutzpakt von Land und Gemeinden oder auch die Transparenz bei der Frage, ob denn nun eine Treibhausgasreduzierung stattfindet. Eine Treibhausgasuhr sollte für Stadt und Landkreis mit Endtermin 2030 auf entsprechenden Webseiten den Bürgerinnen und Bürgern Aufschluss geben. Und nun?

Es ist ein erstes Beschnuppern und es gibt sogar Absichtserklärungen und Ideen. Dass man sich wieder begegnen wolle etwa, oder dass Entscheidungen im Stadtrat oder Kreistag sofort auf ihre Folgen für den Klimaschutz hin abgeklopft werden sollten. All diese Ideen sind in ein freundliches Miteinander eingebettet. Nur wann man sich wieder begegnen wird, ist noch nicht deutlich.

Bald auch Handwerker und Unternehmer am „Runden Tisch“?

„Wir hatten konstruktive Gespräche, finde ich, und allen war klar, dass wir handeln müssen“, fasst Biskupski zusammen. Allerdings hätte sie sich auch gewünscht, dass das „Große und Ganze mehr im Blick“ behalten worden wäre. Das, was Tiedge in einem launigen Moment und mit Blick auf die befürchtete Klimaveränderung „Lichtenfels' Chance für taubeneigroße Hagelkörner, Überschwemmung und Brände“ nannte. Doch auch er zieht ein positives Fazit. Vor allem Mathias Söllners Idee gefällt ihm, wonach auch die Handwerkerschaft samt Unternehmern für einen „Runden Tisch“ zu gewinnen wäre.

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