LICHTENFELS

Vor den Taliban aus Afghanistan nach Lichtenfels geflohen

Maryam floh mit ihrem Mann vor der Gewalt der Taliban. In Lichtenfels hat das Paar ein Zuhause gefunden. Foto: red

So schnell wie die Taliban Provinz für Provinz überrannten, so schnell ging die Machtübernahme auch auf den Bildschirmen. „Keine Musik mehr, keine Frauen in Werbespots. Keine Kritik an den Taliban. Die Medien sind schon auf Kurs gebracht“, sagt Maryam. Online konnte sich die 31-Jährige immer ein Stück der alten Heimat ins ferne Lichtenfels holen. Doch die Heimatausflüge auf dem Laptop zu den Sendern und Youtube-Känalen aus Afghanistan machen ihr heute Angst. So wie die Bilder in den deutschen Nachrichten, die den Vormarsch der Taliban, das Chaos auf dem Kabuler Flughafen zeigten. Bilder, die die junge Frau schmerzen.

Im FB-Messenger erzählte ihr der Bruder in Afghanistan, dass seine achtjährige Tochter solche Angstzustände entwickelt, dass sie mittlerweile nicht mehr alleine auf die Toilette gehen kann. An einen Schulbesuch sei deswegen schon gar nicht zu denken. „Und wer weiß, wie lange die Taliban überhaupt Mädchen zur Schule gehen lassen“, sagt Maryam. „Mein Bruder hat sich wegen der Taliban einen Bart wachsen lassen. Meine Nichte versteht nicht, warum, sie hat einfach Angst davor“, fügt die junge Frau hinzu. Für das Kind hat sich zu viel in zu kurzer Zeit im Leben geändert, nicht nur das Gesicht des Vaters.

„Die Politiker haben das afghanische Volk verraten, der Armee befohlen, nicht mehr zu kämpfen.“
Maryam, aus Afghanistan geflohen

Und manchmal fragt sich Maryam, ob das wirklich passiert ist. Ob 20 Jahre Krieg wirklich umsonst waren. Maryam und ihre Familie stammen aus dem Norden des Landes: eine Akademiker-Familie, die Wert auf die Bildung ihrer Kinder legt. Auch die der Töchter. Schon dafür sind sie für die Taliban eines „gottlosen Lebens“ zumindest verdächtig.

„Wir hatten ein gutes Leben, ein eigenes, komfortables Haus. Mein Mann arbeitete für die internationalen Truppen als Logistiker, ich hatte eine leitende Anstellung in einer Verwaltung“, berichtet die 31-Jährige. 2017 gerät ihr Mann in das Visier der Taliban, die damals schon wie Spinnen ihre Netze über das Land zogen, immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle brachten. Dort für Terror sorgten, wo afghanische Armee und die Regierung noch das Sagen hatten. Bomben-Anschläge und Ermordungen gehörten schon seit Jahren zum Alltag eines von einem jahrzehntelangen Krieg geschundenen Lands. Einen stabilen Frieden gab es seit dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 nicht mehr in Afghanistan. Ihr Mann soll den Taliban Routen und Uhrzeiten der Versorgungstrucks verraten, die er auf den Weg schickt. „Als er nicht liefern wollte, haben sie ihn nachts überfallen und verprügelt. Wir wussten, weigert er sich weiter, wird es nicht bei Schlägen bleiben.“ Also flieht er zu Verwandten in den benachbarten Iran. „Er hatte keine Aufenthaltspapiere“, erklärt Maryam. Derweil fragen sie angebliche „Freunde“, wo denn ihr Mann sei. „Wir wussten schnell, dass es für ihn kein Zurück gab“, erklärt die 31-Jährige.

Seit Jahrzehnten müssen die Menschen in Afghanistan mit Kampf, Terror und Gewalt leben. Der Krieg ist zum traurigen Allt... Foto: Archiv-Till Mayer

Und so fliehen beide nach Deutschland. Weil dort schon Verwandte leben, die in den 1980-er Jahren vor den Kämpfen zwischen Mudschahedin und Kommunisten flohen. Flucht war seitdem Teil der Familiengeschichte. Als die Taliban 1996 an die Macht kamen, floh Maryam als kleines Mädchen mit ihren Eltern und Geschwistern in das Nachbarland Pakistan. Für Afghanistan brachen damals bleierne, grausame Jahre an. Mädchen und Frauen wurden von Bildung und quasi jeder Form der Mitbestimmung ausgeschlossen. „Minderjährige Mädchen, oft noch Kinder, wurden mit Taliban-Kämpfern zwangsverheiratet. Die Taliban brachten der Familie Fleisch und Reis. Und die Eltern wussten, dass sie nichts mehr tun konnten, um ihre Töchter zu schützen“, berichtet die 31-Jährige. Auspeitschungen, Steinigungen, Amputationen sind Teil der Scharia, die als Rechtssprechung mitleidslos angewandt wird. „Die Taliban stellen sich jetzt als milder dar, aber ich glaube nicht, dass sie sich wirklich geändert haben. Dazu kommen noch die Terroristen vom IS-K. Sie sind noch grausamer als die Taliban“, fügt sie hinzu.

Die Herrschaft der Taliban werde jetzt viele Jahre dauern, ist sich die junge Frau sicher. Und weil Maryam ihre Verwandten in Afghanistan nicht gefährden will, werden in diesem Artikel so wenig Namen und Orte wie möglich genannt. „Die Welt ist durch das Internet klein geworden“, sagt die Afghanin.

„Die Politiker haben das afghanische Volk verraten, der Armee befohlen, nicht mehr zu kämpfen“, ist sich Maryam sicher. „Dieser nicht enden wollende Krieg macht mich wütend und traurig“, sagt sie. Sie hofft, dass ihr Bruder und seine Familie fliehen können. „Am besten nach Deutschland. Wir wurden hier gut empfangen. Die Aktiven Bürger, deutsche Freunde, die Otto-Benecke-Stiftung und die Caritas – so viele haben uns geholfen. Dafür will ich hier Danke sagen“, sagt sie.

Ihr Zukunft sieht sie nicht mehr in der alten Heimat. „Wir können unser altes Leben dort nicht wiederholen. So sehr ich es oft vermisse. Unsere Freunde und unsere große Familie. Nie musste man allein sein“, erklärt sie. Ihr Mann nutzt sein Wissen als Logistiker und absolviert gerade eine Ausbildung bei einer Speditionsfirma. Maryam hat vor wenigen Tagen die Zusage für einen Studienplatz in Nürnberg bekommen. „Ich werde Business Management an der TH studieren. Ich freue mich sehr darauf. Aber es ist natürlich auch eine Herausforderung, nicht in der eigenen Muttersprache zu lernen“, meint die 31-Jährige in perfektem Deutsch.

„Deutschland ist jetzt unsere Heimat. Ich hoffe, dass wir nie wieder im Leben bei Null

anfangen müssen.“

Maryam, 31 Jahre alt

An der Eingangstür der kleinen Wohnung dreht sich der Schlüssel im Schloss, der Ehemann kommt von der Arbeit zurück. Die letzte Frage geht an beide: Was ist ihr Wunsch für die Zukunft? „Eine Festanstellung als Logistiker“, sagt der Mann. Maryam würde nach dem Studium gerne eine leitende Anstellung in einem Unternehmen erreichen. „Und vielleicht gründen wir auch eine Familie“, sagt sie. Sie würden gerne beide die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben, damit Begriffe wie „Duldung“ und „Aufenthaltstitel“ für immer Vergangenheit sind. „Deutschland ist jetzt unsere Heimat. Ich hoffe, dass wir nie wieder im Leben bei Null anfangen“, sagt die 31-Jährige mit fester Stimme und ihr Mann nickt.

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