BUCHENROD/LICHTENFELS

Virtuelles Stallgespräch mit Landwirt Scheler aus Buchenrod

Virtuelles Stallgespräch mit Landwirt Scheler aus Buchenrod
„Sie sind soziale Tiere und auch sehr neugierig“, wies Landwirt Stefan Scheler beim virtuellen Stallgespräch darauf hin,... Foto: BBV

Den wenigsten dürfte beim Genuss eines Schnitzels oder einer Bratwurst in den Sinn kommen, mit welchen Herausforderungen Schweinebauern derzeit konfrontiert sind. Genau dies war Gegenstand eines „virtuellen Stallgesprächs“ mit Landwirt Stefan Scheler.

Schon Tradition hat der stets zu Jahresbeginn veranstaltete Pressetermin des Kreisverbandes Lichtenfels des Bayerischen Bauernverbandes (BBV), bei dem Tierhalter aus der Landwirtschaft Einblick in ihre Arbeit geben. Die Kreisobmänner Michael Bienlein (Lichtenfels) und Martin Florschütz (Coburg), die Kreisbäuerinnen Marion Warmuth (Lichtenfels) und Heidi Bauersachs (Coburg) sowie BBV-Kreisgeschäftsführer Hans-Jürgen Rebelein waren wieder mit von der Partie.

Smartphone-Übertragung aus dem Schweinestall

Und doch war alles anders. Alle Beteiligten saßen an ihren PCs oder Laptops. Wegen der Corona-Pandemie musste eine virtuell gestaltete Version genügen. Ein kurzer Sound- und und Bildcheck, dann konnte die virtuelle Premiere an diesem Donnerstagmorgen pünktlich starten.

Nicht am Schreibtisch saß freilich Stefan Scheler. Der 45-jährige Landwirt aus Buchenrod bei Großheirath im Landkreis Coburg gewährte via Smartphone einen Blick in seinen Schweinemastbetrieb zu gewähren. Seit 1993 betreibt der Vater zweier Kinder einen Schweinemastbetrieb mit mittlerweile 1200 Tieren, die nach Alter in drei Gruppen aufgeteilt sind.

Exportverbote wegen der Afrikanischen Schweinepest

Vom Büro aus ging Scheler in den Stall, natürlich über die Schmutzschleuse. Hygiene ist in der Schweinehaltung das A und O, schon allein, um keine Krankheiten einzuschleppen. Seit September 2020 erschwert die Afrikanische Schweinepest den Landwirten die Vermarktung von Schweinefleisch. Als dieses für den Menschen unbedenkliche Virus vor nunmehr rund vier Monaten erstmals bei Wildschweinen in Deutschland auftrat, verhängten etliche Länder ein Importverbot für deutsches Schweinefleisch.

Dabei wurde bei Hausschweinen – laut einem Pressesprecher des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten bis heute – kein einziger Fall in Deutschland beobachtet. Der Selbstversorgungsgrad betreffend Schweinefleisch in Deutschland liegt bei 115 Prozent, weshalb dem Export durchaus Relevanz zukommt.

„Es gibt keine Kantinenessen und keine Feste und Fußballspiele mehr, bei denen beispielsweise Bratwürste verkauft werden.“
Stephan Scheler, Landwirt

Die Folge ist, dass Schweine trotz Schlachtreife in den Ställen bleiben. Einen „Schweinestau“ gibt es aber schon seit dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr vorigen Jahres. „Es gibt keine Kantinenessen und keine Feste und Fußballspiele mehr, bei denen beispielsweise Bratwürste verkauft werden“, zählt Scheler auf.

„Ich kann noch von Glück reden, dass der Schlachthof, an den ich meine Tiere verkaufe, nie geschlossen war“, ergänzt der Landwirt. Er habe aber von Kollegen gehört, die teilweise drei Wochen lang ihre Schweine nicht abgesetzt bekommen hätten.

Schweinefleisch-Verkaufspreis ist massiv eingebrochen

Dadurch ist der Schweinefleisch-Verkaufspreis übers Jahr eingebrochen. Er sank von 2,02 Euro pro Kilo Schlachtgewicht auf mittlerweile nur noch 1,19 Euro – und er sinkt weiter. Und das für eine ohnehin geringere Schlachtmenge. Durch den „Schweinestau“ legen die Tiere, die natürlich weiter gefüttert werden müssen, weiter an Gewicht zu. Ist die Sau aber zu schwer, zahlen die Schlachthöfe noch weniger. Der Preis liegt dann bei gerade einmal 69 Cent pro Kilo.

Mittlerweile hatte Scheler den Stall betreten. Sofort scharten sich die Tiere um ihn. „Schweine sind einfach sehr neugierig, wollen wissen, was hier los ist, oder mich vielleicht einfach auch nur begrüßen“, erklärte er. Bei Leuten, die das nicht wissen, kann so der Eindruck entstehen, die Schweine hätten wenig Platz. Manche Organisation, merkte er kritisch an, verwendeten solche Momente gar, um mit Fotos oder Videokamera bewusst zu täuschen. Doch Scheler betont: „Schweine sind soziale Tiere. Es liegt auch in ihrer Natur, dass sie sich gerne nebeneinander legen – nicht weil sie es müssen, sondern weil sie es so wollen.“

Mehr Platz für die Tiere bedeutet gesündere Tiere

Gemäß der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung muss jedem Schwein mindestens ein Platz von 0,75 Quadratmetern zur Verfügung stehen. Stefan Scheler erfüllt mit 0,83 Quadratmeter bereits die Richtlinie der „Initiative Tierwohl“, kurz ITW, eines Zusammenschlusses von Handel, Fleischproduzenten und Landwirtschaft. „Dafür habe ich in jeder Bucht ein Tier weniger“, was auch der Gesundheit der Tiere zugute komme. Scheler geht davon aus, dass diese ITW-Norm irgendwann ohnehin Gesetz wird.

Ein Landwirt ist auch Unternehmer und muss sich nicht nur – oft alle paar Monate – auf neue Haltungsvorschriften oder Tierschutzkriterien einstellen, sondern generell auch gut wirtschaften können. Gerade größere Umbaumaßnahmen sind bei Ställen recht teuer und finanziell schwer zu stemmen.

Landwirte kritisieren zu wenig politische Unterstützung

Scheler schlug keinen Jammerton an, doch er nutzte die Gelegenheit, die derzeitige Situation während der Corona-Pandemie schonungslos zu schildern. Auf die Frage, was er sich denn von der Politik wünsche, erklärte er bezüglich der Afrikanischen Schweinepest: „Die Reaktionen der Politik hätten hier schon vor drei Monaten geschehen müssen.“ Verhandlungen mit Exportländern seien dringend vonnöten.

Corona-Hilfspakete müssten dergestalt ausgedehnt werden, dass auch die Landwirte davon profitieren und Betroffene ihre Notlage schultern können. „Das Hilfspaket III ist zwar grundsätzlich auf alle Unternehmer ausgerichtet, doch für viele Landwirte sind die Zugangshürden zu hoch und diese Finanzhilfen somit schlichtweg nicht abrufbar.“

„Wir erfahren von der Politik zwar vor Ort viel Verständnis, vermissen aber schon die tatsächliche Unterstützung.“
Hans-Jürgen Rebelein, BBV-Kreisgeschäftsführer

„Die Pandemie hat die Situation weiter verschärft und zeigt die Fehler der Politik auf“, sieht auch BBV-Kreisgeschäftsführer Hans-Jürgen Rebelein die Verantwortungsträger in die Pflicht. So sei das vor einigen Jahren beschlossene Aus für den Coburger Schlachthof für die regionalen Schweinehalter gerade in der jetzigen Lage fatal. Rebelein: „Wir erfahren von der Politik zwar vor Ort viel Verständnis, vermissen aber schon die tatsächliche Unterstützung.“

Wünschenswert wären schnelle Hilfen für die Schweinebetriebe, aber auch bezüglich der Milchpreise. Die Marktmacht des Einzelhandels, der „ohne Grund den Butterpreis kürzlich um 50 Cent pro Kilogramm senkte“, geht ihm zu weit. „Durch Qualitätsbewusstsein und auf regionale Anbieter ausgerichtetes Einkaufsverhalten können aber auch die Endverbraucher einen wichtigen Beitrag leisten“, betonte er.

Die Afrikanische Schweinepest

• Nur Haus- und Wildschweine können an der Afrikanischen Schweinepest (ASP) erkranken.

• Für andere Tiere und auch für den Menschen sind diese Viren ungefährlich. Der Kontakt zu infizierten Tieren oder der Verzehr von Schweinefleisch erkrankter Tiere ist für den Menschen unbedenklich.

• Vermutlich im September 2020 trat die ASP, die in Afrika ihren Ausbruch nahm, in Deutschland erstmals bei Wildschweinen auf.

• 90 Prozent der erkrankten Tiere sterben an der ASP, in der Regel innerhalb einer Woche.

• Viele Importländer verlangen Zertifikate, dass Deutschland frei von der ASP ist.

• Thailand soll das Importverbot für Schweinefleisch wieder aufgehoben haben, berichtete kürzlich die Interessensgemeinschaft der Schweinehalter in Deutschland (ISN) unter Berufung auf das Bundesagrarministerium. Dieser Markt ist zwar nicht besonders groß, doch wird dies als hoffnungsvolles Signal gewertet.

• Dem Tierseucheninformationssystem (TSIS) zufolge gab es von September 2020 bis Jahresende bundesweit 390 ASP-Nachweise, davon 375 in Brandenburg.

• Laut dem Tierseucheninformationssystem (TSIS) beziehungsweise nach telefonischer Auskunft eines Pressesprechers des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ist bislang in Deutschland kein einziger Fall bei Hausschweinen registriert worden. (mde)

Virtuelles Stallgespräch mit Landwirt Scheler aus Buchenrod
Landwirt Stefan Scheler mit seinen Schweinen. Foto: BBV
Virtuelles Stallgespräch mit Landwirt Scheler aus Buchenrod
Corona und die Afrikanische Schweinepest waren Themen des virtuellen Stallgesprächs mit Landwirt Stefan Scheler. Foto: BBV

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