LICHTENFELS

Überstunden an Ostern in der Lichtenfelser Arbeitsagentur

Alle Hände voll zu tun hat momentan Arbeitsvermittlerin Kerstin Schmitt. Foto: Till Mayer

Mit den ersten warmen Tagen im März ist der Arbeitsmarkt in der jahreszeitlich üblichen Aufbruchsstimmung. Die Betriebe auf dem Bau, dem Tourismus und dem Hotel- und Gaststättengewerbe bereiten sich auf die kommende Saison vor und holen bereits erste über den Winter freigestellte Mitarbeiter zurück. Doch hinter den Kulis-sen laufen in der Arbeitsagentur erste Vorbereitungen für das, was unaufhaltsam näher kommt. Arbeitsvermittlerin Kerstin Schmitt darüber, wie sie diese Zeit erlebt:

„Mittwoch, 12. Februar: Ganz früh geht es nach Würzburg. Ich werde mit mehreren Kolleginnen zum Kurzarbeitergeld geschult. Aus ganz Bayern kommen die Vermittler der Arbeitgeberservices.

„Doch das alles wirkt noch sehr weit weg und irreal wie im Science Fiction.“
Arbeitsvermittlerin Kerstin Schmitt über die Vorbereitung im Februar

Zweite Februarhälfte: In den kommenden Tagen wird ein Maßnahmeplan mit Eskalationsstufen erstellt, wie wir im Falle einer Ausbreitung des Virus in der Region uns am besten rüsten, um Betriebe und Bürger zu unterstützen. Doch das alles wirkt noch sehr weit weg und irreal wie im Science Fiction.

Die ersten Märzwochen: Immer mehr Betriebe spüren wirtschaftlich die Folgen von Covid-19. Die ersten Arbeitgeber fragen an, was sie im Falle von Kurzarbeit beachten müssen.

Bundesweiter Ansturm auf die telefonische Beratung

Freitag, 13. März: „Wir haben es mit einem Gegner zu tun, den wir nicht kennen“, sagt Kanzlerin Angela Merkel über das Coronavirus. Fast alle Bundesländer haben mittlerweile angekündigt, ihre Schulen und Kindertagesstätten zu schließen. Diese Ankündigung löst einen bundesweiten Ansturm auf die telefonische Beratung aus. Bis 18 Uhr führe ich pausenlos Gespräche mit Betrieben, größtenteils geht es um Kurzarbeit. Die Situation hat sich nahezu komplett geändert. Wir strukturieren daher innerhalb von einer Woche unsere gesamte Agentur für Arbeit um, nicht nur in Lichtenfels, sondern bundesweit.

18. März: Im Rahmen des Shutdowns werden in ganz Deutschland die Läden sowie die Gastronomie geschlossen. Auch die Arbeitsagenturen werden für Publikumsverkehr außer für Notfälle zugemacht, um die dauerhafte Servicebereitschaft zu gewährleisten. Existenzsicherung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber hat für uns jetzt oberste Priorität. Wir werden gezielt auf die Bereiche Telefonie, Beratung und die Bearbeitung von Leistungen wie Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld angesetzt.

Arbeitsvermittlerin Kerstin Schmitt kümmert sich um Kurzarbeitergeld. Ihre eigene Familie ist auch betroffen. Foto: Till Mayer

Auch meine Familie ist betroffen. Normalerweise startet für meine Eltern jetzt die Saison in der „Staffelbergklause“, die sie auf dem Staffelberg betreiben. Unser Biergarten ist verwaist und führt einen Dornröschenschlaf. Aber es ist nicht die Zeit für persönliche Sentimentalität. Mir ist bewusst, in diesen Tagen sichern wir in der Agentur mit unserer Arbeit entscheidend den sozialen und gesellschaftlichen Frieden und sind ein wichtiger Faktor des Rettungsschirms der Regierung zur Stabilisierung der deutschen Wirtschaft, und ich bin ein Teil davon.

In den kommenden Wochen führe ich weiterhin viele Telefonate zum Thema Kurzarbeitergeld. Es gibt hier keinen branchenspezifischen Schwerpunkt, nahezu alle sind betroffen, vom Friseur von nebenan bis zum Industriebetrieb.

Sorgentelefon für Gastronomen und Einzelhändler

Bis Ende März haben in unserem Bezirk gut 3500 Betriebe Kurzarbeit angezeigt, wie viele sie letztlich in Anspruch nehmen, bleibt offen. Häufig bin ich auch das Sorgentelefon, denn vor allem im Gastrobereich und im Einzelhandel haben viele Existenzängste.

31. März: Heute werden die Arbeitslosenzahlen veröffentlicht, noch kein Anstieg. Es rufen vermehrt Arbeitgeber an, die es seit über 40 Jahren dabei sind. Da sie noch nie Kurzarbeit hatten, haben sie viele Fragen. Der Umgang mit ihnen ist herzlich und wertschätzend. Bringt uns die Krise menschlich näher?

10. bis 13. April: Auch an Wochenenden und Feiertagen packen wir bis 22 Uhr mit an. Allein von Karfreitag bis Ostermontag bearbeiten wir 700 Kurzarbeitergeld-Anträge. Ostern, das Fest des Leidens und der Auferstehung, hat für mich heuer etwas Besonderes. Während ich Überstunden mache, sitzen viele meiner Freunde zu Hause (Friseur, Reisebüro, Koch und so weiter), für die wir in dieser Zeit da sind.

Fach- und Saisonkräfte haben schon Arbeitsverträge für die Zeit danach

In den kommenden Tagen lässt das Anrufaufkommen nach. Positiv ist, dass viele Unternehmen mit Kurzarbeit derzeit Entlassungen vermeiden. Keine Zustände wie in den USA, wo die Arbeitslosigkeit mittlerweile wie ein Tsunami über das ganze Land schwappt. Jedoch laufen zunehmend befristete Verträge aus, werden nicht verlängert. Wir bekommen mittlerweile einige Stellen für systemrelevante Bereiche gemeldet, auf die wir unsere Vermittlungstätigkeiten vorrangig konzentrieren. Darunter fallen zum Beispiel das Gesundheitswesen, der Lebensmittelhandel, die Logistik sowie Saisonkräfte in der Landwirtschaft. In normalen Zeiten gibt es hier wenige Bewerber, jetzt sind die Stellen begehrt. Viele Fach- und Saisonkräfte haben für das Ende des Shutdowns feste Einstellzusagen, teilweise Arbeitsverträge bereits unterschrieben und warten.

30. April: Heute werden die Arbeitslosenzahlen für April bekannt gegeben. Seit Beginn der Corona-Krise haben im Agenturbezirk Bamberg-Coburg insgesamt 5624 Betriebe Kurzarbeit für voraussichtlich 73 640 Arbeitskräfte angezeigt. Bei uns in Lichtenfels sind es 640 Betriebe und 7490 Menschen. Die Wiedereröffnung des Einzelhandels am vergangenen Montag brachte erste Wiedereinstellungen.

Erste Arbeitslose werden wieder eingestellt

5. Mai: Es werden umfassende Lockerungen bekannt gegeben. Erste Anrufe von Arbeitslosen, die in den nächsten Tagen wieder eingestellt werden. Ich spüre deutlich die Freude und Erleichterung bei ihnen.

8. Mai, 19.45 Uhr bei meinen Eltern. Auch für uns geht es wieder bergauf auf den Staffelberg. Die Vorbereitungen laufen. Wir werden am 18. Mai doppelt so viele Bierbänke aufstellen.

In den vergangenen Wochen ist mir einiges bewusst geworden: Nur wer etwas verliert, weiß, was es ihm wert ist. In kleinen Dingen das Große sehen, im schlichten das Schöne. Unbeschwert ein kühles, süffiges Bier mit Freunden genießen ist ein Event.

Und die Agentur für Arbeit Lichtenfels? Wir haben vorerst noch geschlossen und doch geöffnet, sind weiter für Sie da, wenn Sie uns brauchen. Denn erst in den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob die Lockerungen aufrecht erhalten werden können.“

 

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