SCHNEY

Till Mayer: Menschen der Ukraine eine Stimme geben

Svetlana hat vor Jahren ihr Augenlicht verloren. Vor den Kämpfen musste sie aus dem Donbas fliehen. Foto: Till Mayer

Zehntausende haben durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ihr Leben verloren. Millionen Menschen mussten fliehen. Die Zerstörung durch Putins Truppen sind immens. In den von ihnen besetzten Gebieten herrscht Rechtlosigkeit, Mord, Folter und Willkür.

Till Mayer berichtet schon seit 2007 aus der Ukraine und seit vielen Jahren über den Krieg im Osten des Landes. Er gibt gerade jetzt, während der mittlerweile dritten und völlig verheerenden russischen Invasion, der ukrainischen Bevölkerung eine Stimme. Regelmäßig reist er dafür in das Kriegsgebiet. Seine Reportagen schreibt er unter anderem für seine Heimatredaktion des Obermain-Tagblatts, aber auch für die Main-Post, die Augsburger Allgemeine und andere Zeitungen. Der Bildvortrag des OT–Redakteurs, der auf Einladung der Frankenakademie sprach, hinterließ nachdenkliche Gesichter im zahlreich erschienen Publikum.

Von Unsicherheit ob der weiteren Entwicklung und Wut und Verachtung in Richtung des russischen Staatschefs geprägt war die Gemütslage der Zuhörer, die sich an einer anschließenden Fragerunde rege beteiligten.

Die Vorstandsvorsitzende der Franken-Akademie Schloss Schney, Susann Biedefeld, und die stellvertretende Geschäftsführerin der Bildungseinrichtung, Dr. Franziska Bartl, hießen in einleitenden Worten den erfahrenen Referenten sowie die interessierten Besucher herzlich willkommen.

Was in der Berichterstattung mitunter zu kurz kommt, aber zur Gesamteinordnung eine wichtige Rolle spielt, ist die von Mayer auch an diesem Abend noch einmal betonte Tatsache, dass in der Ukraine bereits seit 2014 Krieg herrscht. Der 24. Februar 2022 markierte schließlich die dritte Invasion russischer Truppen seit 2014 und ließ den Krieg noch einmal eskalieren. Sie sorgt nun völlig entfesselt für Tod, Elend und Zerstörung in der Ukraine. „Als Putin 2021 sagte, die Ukrainer bilden keine Nation, war für mich klar, dass eine neue Eskalation ansteht“, meinte der Referent hierzu, der seit Jahren vor den Folgen des bis vor kurzem vergessenen Kriegs gewarnt hatte. Wenige Tage vor Beginn der Invasion wartete Mayer direkt an der Frontlinie im Donbas auf den Angriff. Musste dann aber für einen Auftrag nach Afghanistan. Kaum war er dort gelandet, kam die Nachricht, dass Russland erneut sein Nachbarland überfällt.

In den von Russland besetzten Gebieten werde gefoltert, vergewaltigt und gemordet, erklärte der Journalist und zeigte Fotos, die er auf dem Friedhof in Irpin gemacht hatte. Dort wurden gerade die identifizierten Toten aus den Massengräbern beigesetzt. Fotos auf den Grabkreuzen gab den ermordeten ein Gesicht. „Es ist unfassbar, dass diese grauenhaften Massaker in Teilen der Querdenker-Szene geleugnet werden.“

Till Mayer trifft die Menschen vor Ort, erlebt deren harte Lebenswirklichkeit. Uns in Deutschland lässt er an den Begegnungen und den Lebensgeschichten teilhaben. Eine gespenstische Stille erlebte der Journalist, als er im März im Westen der Ukraine ein Gebäude betritt, in dem sich 100 geflüchtete Kinder aufhalten. „Wo ist der Lärm, die Stimmen, die Geräusche von 100 Kindern, habe ich mich gefragt. Als ich in den ersten Schlafraum blickte, wusste ich, warum diese Stille herrscht. Dort lagen die Kinder schlafend oder völlig erschöpft.“ Hunderttausende Kinder seien durch den Krieg traumatisiert, schätzt er. Sie werden die Folgen des Erlebten nicht selten ein Leben lag mit sich tragen.

Natürlich nicht nur Kinder, fügt er hinzu. Nur auf dem ersten Blick widersprüchlich erscheint ein weiteres Foto von ihm, auf das er eingeht: Es zeigt Lena, eine Frau aus Odessa, wie sie mit ihrem Ehemann Tango tanzt. Lena ist ein gute Freundin von Till Mayer. „Das Tanzen ist ihre Therapie gegen den Krieg.“

Von der Geflüchteten zu einer Helferin

„Die Menschen in der Ukraine halten in der Not zusammen. Sie wissen, für was sie kämpfen“, so der Journalist, der im Rahmen seines Vortrags einige Beispiele aufführt. Kataryna zum Beispiel. Sie flieht Ende Februar aus dem damals umkämpften Kyjiw. In Lwiw gestrandet, meldet sie sich sofort als ehrenamtliche Helferin beim Roten Kreuz und verteilt Eintopfgerichte an Tausende von Flüchtenden. Auf einem anderen Foto von Till Mayer abgebildet ist eine Frau, die ohne Augenlicht aus dem Donbas fliehen musste. In der Stadt Dnipro sammelt sie Kraft für die Weiterreise und hilft einer betagten Mitbewohnerin im Zimmer: „Sie hat gesagt, man muss immer positiv bleiben, aber sie natürlich hat sie am Ende geweint. Bei all der Unsicherheit, bei all dem Wahnsinn.“

Geschäftsführer Dirk Hain, stellvertretende Geschäftsführerin Franziska Bartl und Vorstandsvorsitzende Susann Biedefeld ... Foto: Till Mayer

Mehr als tausend Worte sagen die weiteren Fotos, die das gebannt zuhörende Publikum auf der Leinwand zu sehen bekam. Da steht eine 80-jährigen Frau vor ihrem zerstörten Haus in Bachmut nahe der Donbas-Front. Hunderte Menschen hausen über zwei Monate lang in umkämpften Charkiw in U-Bahn-Stationen. „So ein Vortrag vermittelt ein viel intensiveres Bild als ein Bericht im Heute-Journal“, dankte Biedefeld dem Referenten nach dessen Vortrag. Auch die Zuhörer quittierten - ob des bitteren und uns wohl noch lange beschäftigenden Themas mit ernsten Mienen – diesen applaudierend.

„Natürlich wünschen wir uns baldigen Frieden. Wir dürfen zugleich nicht vergessen, dass es nicht nur ein Krieg für die Ukraine ist, sondern auch unser Krieg. Die Ukraine kämpft auch für die Demokratie“, warf Biedefeld in der anschließenden Gesprächsrunde einen wichtigen Gedanken in den Raum. Den auch Dr. Franziska Bartel unterstrich. Der Referent betonte: „Ich war Zivi und bin ein friedfertiger Mensch. Natürlich trete ich für eine gemeinsame internationale Abrüstung ein. Aber jetzt ist die Zeit leider eine andere. Es ist wichtig, dass wir in Deutschland eines verstehen: Putin sieht Kompromisse als Schwäche. Er hat eine Agenda – die Wiedergeburt eine mächtigen russischen Reichs. Sein Hunger würde mit der Ukraine nicht gestillt sein. Wird er nicht in der Ukraine geschlagen, haben wir bald in ganz Europa Krieg. Er muss jetzt gestoppt werden.“

Ob das intensive Recherchieren der menschlichen Schicksale vor Ort ihn nicht auch selbst belaste, lautete eine der Fragen aus den Zuschauerreihen. „Einerseits versuche ich trotz Empathie Distanz zu wahren. Aber jetzt sind viele Protagonisten meiner Reportagen Menschen, die ich seit Jahren kenne und schätze. Das ist nicht leicht für mich. Dennoch - was meine eigene emotionale Belastung anbelangt – das sind Peanuts im Vergleich zu dem, was die Ukrainer durchmachen müssen.“

Ein weiterer Zuhörer bat um Mayers Einschätzung, ob Verhandlungen mit Russland sinnvoll seien unter Zugeständnissen an Russland. Die Antwort des Referenten hierauf war an Deutlichkeit nicht zu überbieten: „Wir haben hier in Deutschland, quasi bequem von der Couch aus, gar nicht das Recht, über mögliche Zugeständnisse zu diskutieren, während in der Ukraine die Menschen für ihre und letztendlich auch unsere Freiheit kämpfen. Es unredlich gegenüber den Ukrainern, ihnen in den Rücken zu fallen mit Aussagen wie ,Gebt doch die Krim auf – oder den Donbas.' Das befeuert Putin. Wann und über was verhandelt wird, dass sollen die Ukrainerinnen und Ukrainer entscheiden.“ Eventuelle Verhandlungen müsste die Ukraine in jedem Falle aus einer Position der Stärke führen, betonte Mayer. Sonst bedeute es schlicht eine Unterwerfung.

Die Statements eines sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer, die diesen wichtigen Punkt völlig außer Acht ließen, empfinde er als „beschämend“. so der Journalist. „Wir haben dafür zu sorgen, dass das Völkerrecht eingehalten wird. Denn seine Einhaltung regelt unser aller Zusammenleben.“

Putin hat Verträge gebrochen

Zuhörer Peter Zillig meint in der Diskussion über den russischen Präsidenten: „Putin hat doch alle angelogen, da ist überhaupt keine Verhandlungsbasis da.“ Mayer stimmt ihm vollauf zu: „Genauso ist es. Verhandlungen brauchen Vertrauen, aber das ist nicht da. Man kann mit einem Faschisten wie Putin keine Verträge machen. Mit der Sowjetunion war das noch möglich. Putin hat schon viele wichtige Verträge gebrochen. Unter anderem die Sicherheitsgarantien, die Russland 1994 der Ukraine gab. Im Gegenzug hatten die Ukrainer ihr gewaltiges Atomwaffenarsenal an Russland abgetreten. Zehn Jahre später marschierte Russland in der Krim ein und Putin holte den Krieg in den Donbas“, erklärte der OT-Redakteur.

„Danke, dass Sie uns diese Einblicke gewährt haben – und passen Sie auf sich auf“, meinte Biedefeld zum Referenten noch einmal abschließend. Am Samstag reist Till Mayer wieder in Ukraine. Nach dem offiziellen Teil wurde bei einem Imbiss die Themen Krieg und notwendige Solidarität untereinander sowie im Dialog mit dem Referenten weiter eifrig diskutiert.

Die angesprochene Lena aus Odessa wird übrigens bald Mutter, wie der Referent wissen ließ. Mitten im Krieg erblickt ein Kind das Licht der Welt. Momentan sind viele skeptisch. Aber dem neuen ukrainischen Erdenbürger ist eine Kindheit zu wünschen, in der Jungen und Mädchen unbeschwert aufwachsen können.

 

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