LICHTENFELS

Thorsten Wagner zu Corona und dem Lichtenfelser Tennispark

Corona und der Lichtenfelser Tennispark
Thorsten Wagner empfand sich wie abgeschnitten und hinter einem Gitter. Nichts zu tun, Zukunftsangst und unklare Perspektiven. Foto: Markus Häggberg

260,87. So viele Quadratmeter hat ein Tennisfeld, und jeder Spieler bleibt auf seiner Seite. Man begegnet sich einfach nicht jenseits des Netzes. Und trotzdem war es Spielern wegen Corona über Monate hinweg nicht gestattet, ihrem Sport nachzugehen. Gleichzeitig tummelten sich in Supermärkten gleicher Größe mehr als ein Dutzend Menschen. Thorsten Wagner hat über Monate die Welt nicht mehr verstanden, hat Frustration und Zukunftsangst kennengelernt. Einblicke in die Seelenlagen eines Lichtenfelsers, der auch vom Tennis lebt.

Es ist ein sonniger Tag Ende Mai 2021. An der Adresse Friedenslinde 1 befindet sich der Tennispark. Eine große Halle überspannt drei Tennisfelder und beherbergt Gastronomie, Squash, Badminton, Kegeln und Vereinsheim. Auch eine kleine Golf-Anlage findet sich hier und der Ort, an dem Schläger bespannt werden.

Thorsten Wagner genießt die zurückgekehrte Betriebsamkeit

Das Licht in der Halle ist verloschen, sie ist dunkel. Und doch gibt es optimistische Klänge. Schon von Weitem ist das für diesen Sport typische Ploppgeräusch zu hören. Es sind die Ballwechsel auf den drei Sandplätzen jenseits der Straße und gegenüber der Halle, die Thorsten Wagner ein Gefühl von zurückkehrendem Alltag schenken.

Der Mann, zu dessen Eigenheiten eine auf dem Kopf verkehrt herum sitzende Tenniskappe zu zählen scheint, schätzt jetzt die Betriebsamkeit hier. Ein kleines Turnier unter wenigen Augen findet statt, es ploppt, es gibt Netzangriffe, Bälle wechseln longline die Seiten, es kommt zu Applaus und Aufstöhnen. Vor allem aber auch zu Bestellungen und zu dem Wunsch, die Ergebnisse mögen schriftlich fixiert werden. Immerhin geht es jetzt und hier um Ranglistenpunkte. So gratuliert Wagner Spielern, hält Pläusche und trägt Spielergebnisse ein.

Kein Umsatz, kein Sportunterricht, aber Fixkosten

Seit 2016 ist der Mann, der lediglich auf Stundenbasis auch Lehrer an einer Wirtschaftsschule ist, Pächter der hiesigen Halle und hat Ausgaben. Corona hat ihm mitgespielt. Keine Umsätze, aber dafür 3500 Euro Fixkosten pro Monat. Strom, Gas, Versicherungen, Grundstückskosten, Firmenwagen. Staatliche Hilfe, so sagt er, habe er nicht erhalten. „Meine Hauptzeit stecke ich hier in das Geschäft.“ Aber er jammert nicht. Dafür lässt er tief blicken.

Ja, er habe mal kurz davor gestanden, den Laden dicht zu machen. Es war zu der Zeit, als auch kein Unterricht von Angesicht zu Angesicht stattfinden konnte, sondern nur online passierte. Online aber lässt sich kein Sportunterricht geben, und auch dieses Fach unterrichtet er ja. So saß er da, in seiner Wohnung oberhalb der Tennishalle und mit trüber Aussicht. Besonders trüb wurde sie am 13. November.

Weil ein Fitness-Studio-Betreiber klagt, muss Wagner schließen

Corona und der Lichtenfelser Tennispark
Was nun, Herr Wagner? Über Corona-Monate hinweg beschäftigte den Tennispark-Betreiber diese Frage. Foto: Markus Häggberg

Der 13. November 2020 war ein Freitag. Die Temperaturen in Lichtenfels stiegen nicht über sechs Grad Celsius, und irgendwo feierte der Tennisprofi Yannick Hanfmann (Platz 95 der Weltrangliste) seinen 29. Geburtstag. Mit ihm feierten der einstige Wimbledon-Halbfinalist Jerzy Janowicz und die vormaligen österreichischen Tennisschwestern Sandra und Daniela Klemenschtis. Ein Tag wie für Tennis gemacht. Möchte man meinen. Doch ab diesem Tag hatte die Halle von Thorsten Wagner geschlossen zu sein.

Von Donnerstag auf Freitag und das darum, weil irgendwo in Bayern ein Fitness-Studio-Betreiber auf Öffnung geklagt hatte, die Regierung aber daraufhin beschloss: „Bevor wir Fitness-Studios öffnen, machen wir Tennis auch mit zu“, wie sich Wagner ausdrückt. Am 12. November fiel das Urteil, am 13. war es rechtskräftig.

Einkaufen gehen, um Menschen zu treffen

Davor gab es noch ein paar Einnahmen, denn Wagner gab Tennisunterricht, und es durften Einzel gespielt werden. „Man kam schon im Trainingsanzug und musste mit Maske rein und auf das Feld, die Umkleiden und die Gastronomie hatten ja geschlossen zu sein.“

„Da war ich von 100 auf Null runter – kaum Unterricht, kein Tennis, keine beruflichen Begegnungen.“ Wenn Thorsten Wagner Menschen treffen wollte, musste er schon einkaufen gehen. Als diese Bemerkung fällt, lächelt der Mann. Aber es ist ein bitteres Lächeln, eben darum, weil zur gleichen Zeit ja auch Fußball-Bundesliga stattfand. 8250 Quadratmeter Spielfläche für 22 Spieler und drei Schiedsrichter. Ohne Masken und bei körperbetontem Spiel.

Zumindest Zeit für die nächtliche Übertragung des Grand-Slam-Turniers

Wagner zeigt sich angesichts dieses Umstands aber durchaus noch sportlich. „Nein, verstanden habe ich das nie“, sagt er einerseits. Andererseits hält er dem Fußball zugute, dass er in Deutschland eben einen besonderen Stellenwert besitzt und dass Profisportler ja ohne Wettkampf und Training wieder bei Null stünden.

Immerhin habe es ja auch Tennisturniere gegeben. Gerade dem ersten Grand-Slam-Turnier des neuen Jahres in Australien hat er sich nächstens besonders hingeben können. Er hatte ja Zeit. Leider liefen aber auch die Nebenkosten. Wochen des Wartens und Hoffens.

Der Wiedereinstieg in ein geregeltes Leben

Irgendwann kam der März und mit ihm so etwas wie eine Aufgabe. Endlich etwas tun, endlich etwas in Richtung Zukunft in die Hand nehmen. Die drei Außenplätze samt der Verbindungswege mussten hergerichtet werden. Es sind Sandplätze, und da geht es um Fragen der Bindung, denn Kälte macht sie schütter.

Wohl rund 1500 Quadratmeter und 120 Arbeitsstunden standen bevor. Drei Vollzeit-Arbeitswochen, wenn man so will. Unkraut jäten, zwei, drei Zentimeter Sand kratzend abtragen und wegbringen. Insgesamt sechs Tonnen. Neuen Sand besorgen, auftragen und verteilen. Wieder sechs Tonnen. Und vor allem den Platz walzen, immer wieder walzen. Letztlich mussten auch die Linien bearbeitet und gestrafft werden. „Das war der Wiedereinstieg in ein geregeltes Leben“, bilanziert Wagner rückblickend.

„Ich habe niemanden gehabt, der sein Abo für die Halle gekündigt hat, und es gab auch keinen, der (aus diesem Grund und wegen Nichtbenutzung) sein Geld zurückhaben wollte.“
Thorsten Wagner, Betreiber des Tennisparks
Corona und der Lichtenfelser Tennispark
Seit 1. April sind Turnier wieder erlaubt. Der Tennispark nutzte die Gelegenheit dazu und zu so etwas wie Normalität. Foto: Markus Häggberg

So viel zum März, dann kam der April. Und ein Hoffnungsschimmer. Am 9. April hieß es seitens des Bayerischen Tennis-Verbands (BTV) und des Deutschen Tennis-Bunds, dass – kein Scherz – rückwirkend zum 1. April Turniere im Freien wieder erlaubt sind. Mit Maske zwar, aber auch mit Gastronomie und Essen und Trinken zum Mitnehmen. Bedingung: Bereitstellung von Desinfektionsmittel, Einweg-Handtüchern und alledem.

Wagner erinnert sich an all das ruhig und bescheiden. Er betont, wie dankbar er für Aufmunterung aus seinem Tennisverein ist. Dabei entsinnt er sich gut der nicht zu erwartenden Kundentreue. „Ich habe niemanden gehabt, der sein Abo für die Halle gekündigt hat, und es gab auch keinen, der (aus diesem Grund und wegen Nichtbenutzung) sein Geld zurückhaben wollte.“ Doch um den Kontakt zu den Leuten zu halten, hat er ihnen, wenn sie auf ihren eigenen und privaten Plätzen spielten, Currywurst mit Pommes, Salat oder Toast-Hawaii gebracht oder die Schläger bespannt. Als Service, zum Zeichen der Verbundenheit, als Dankeschön für den Verbleib im Tennispark Lichtenfels.

Ein Spieler, der gerade noch draußen auf dem Sandplatz stand, tritt auf Wagner zu und bittet ihn um Bespannung seines Schlägers. Wagner steht auf, stellt sich zu dem freundlichen Bittsteller und löst sich aus seinen Erinnerungen. Im Radio läuft passend zu seinen letzten Worten Alanis Morissettes Welthit „Thank U“. Das Gespräch ist vorüber, Corona hoffentlich ausgestanden. Draußen jedenfalls geht das Turnier weiter.

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