Strukturelle Aufarbeitung, die Täter und Opfer benennt

Zur Stellungnahme von Mo-Li Bamberger „Bedeutung Bambergers hervorheben“ (OT von Mittwoch, 19. Oktober, Seite 4) erreichte die Redaktion folgende Lesermeinung:
Das Sonnenhaus in der Kronacher Straße 21 wurde vor dreieinhalb Jahren von der Stadt erworben. Foto: Steffen Huber

Mit großem Interesse verfolge ich die Berichterstattung des Obermain-Tagblatts zum Sonnenhaus in der Kronacher Straße und die angestoßene Diskussion um Straßennamen.

Professor Dippold hatte bereits in einer sehr eindrucksvollen Rede im November 2019 die dunkle Vergangenheit der Striwa und ihrer Besitzer skizziert. Diese sind auch in den Besitz des Sonnenhauses und von dessen wertvollem Inventar gekommen. Die politische Diskussion findet aber bisher allenfalls rudimentär statt.

Als gebürtiger Lichtenfelser und als jemand, der sich durch seine Facharbeit 2001 mit der Geschichte der Kronacher Straße auseinandergesetzt hat – und diese Geschichte ist in weiten Teilen jüdische Geschichte in Lichtenfels – kann ich mich streckenweise nur wundern.

Ich wundere mich, dass nach wie vor Menschen an öffentlichen Plätzen ohne einordnenden Zusatz gewürdigt werden. Jeder Besucher des Merania-Hallenbads kann die Würdigung von Conrad und Grete Wagner in der Eingangshalle lesen. Was fehlt, ist die Erklärung, dass die „Gönner“, die ihr Vermögen zum großen Teil als Folge von Enteignung und Zwangsarbeit erworben haben, als das bezeichnet, was sie schlichtweg auch sind: große Profiteure der Nazi-Diktatur (OT vom 13. November 2019).

Ich habe seit meinen Recherchen zu meiner Facharbeit 2001 Kontakt zu Mo-Li Bamberger, der Witwe von Klaus Bamberger. Es ist für mich immer wieder sehr bewegend, wie Mo-Li Bamberger berichtet, dass ihr 2008 verstorbener Mann bis zuletzt an seiner Heimatstadt hing. Einige Besuche nach dem Krieg zeugen von dieser Bindung.

Es ist Mo-Li Bamberg sehr hoch anzurechnen, dass sie sich auch monetär an der Erinnerungskultur beteiligen möchte. Umso problematischer ist die Nicht-Reaktion der Stadt Lichtenfels seit mittlerweile drei Jahren auf ihre Anfrage.

Ich bin sehr stolz, dass meine Heimatstadt Lichtenfels mittlerweile viele Zeichen setzt. Gerade meine ehemalige Schule, engagierte Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler, erforschen die Zeit des Nationalsozialismus (Die 13 Führerscheine seien hier genannt). Die Stolpersteine wurden ebenso unter großer öffentlicher Anteilnahme verlegt.

Dennoch muss es mehr als Zeichen geben, es braucht eine strukturelle Aufarbeitung, die Täter und Opfer benennt, egal ob in Straßennamen oder an Orten im öffentlichen Raum. Wir sind dies den Opfern schuldig.

Ich bin davon überzeugt, dass eine ehrliche Auseinandersetzung uns auch als Stadtgesellschaft weiterbringt.

Dr. Martin Messingschlager Lichtenfels

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