LICHTENFELS

Stefan Voll: Kultur ist wert(e)voll

„Wann kommt endlich wieder Theater nach Lichtenfels?", das fragen sich Kulturfans aufgrund der Pandemie schon viel zu lange. Das Szenenfoto zeigt eine Aufführung von „Die Verwandlung“. Foto: Theater Schloss Massbach

Die ganze Theatersaison fällt aus. Ein herber Schlag für Stefan Voll als Vorsitzenden des Kulturrings. Aber er sieht mit Optimismus in die Zukunft.

„Es kommt schon etwas Wehmut auf, wenn man derzeit mit dem Fahrrad an der weitgehend ,ungenutzten' Stadthalle vorbeifährt. Schnell sieht man sich animiert, eine Defizitbilanz ob der seit über einem Jahr nicht mehr stattfindenden Theaterveranstaltungen des Kulturrings Lichtenfels aufzustellen. Und da kommt der OT-Impuls mit der Anfrage, wie es denn um die Lichtenfelser Theaterkultur in Coronazeiten bestellt ist, was eine reflektierende Bestandsaufnahme nahelegt.

Freilich müssen während der Pandemie erst die gesundheitsbedingten Notwendigkeiten des Alltags in den Mittelpunkt rücken. Aber zur psychischen Gesundheit gehört schließlich auch das mentale Wohlbefinden und hierfür ist auch vor allem die ,gelebte Kultur' mitverantwortlich.

Sie sind derzeit verwaist, die (Theater-)Bretter, die die Welt bedeuten … und das hat Konsequenzen … zunächst nicht spürbar wie etwa die körperlichen Beeinträchtigungen. Keine Konzerte und Kulturveranstaltungen seit über einem Jahr und auch die Theateraufführungen des Kulturrings mussten für die komplette Spielzeit 20/21 abgesagt werden.

Dabei wären Werke wie Lessings ,Emilia Galotti', Storms ,Schimmelreiter' oder eine Theaterfassung vom Erfolgsfilm ,Honig im Kopf' und vieles mehr auf dem Programm gestanden. Und das ist umso bedauerlicher, als die Besucherzahl in der Stadthalle in den letzten Jahren stetig gestiegen ist und stets mehr als 200 Besucher zu den Aufführungen kamen. Es fehlt also etwas … und nicht nur etwas, sondern viel …

Theater ist wichtige Begegnung

Denn Theater ist wichtig, Theater ist Begegnung, ist kritische Auseinandersetzung. Es schenkt Momente des gemeinsamen Erlebens von teilweise bekannten Stoffen in anderem Gewand, aber auch von Neuem und Unbekanntem. Theater ist diachron, es greift die Vergangenheit auf, transportiert sie bisweilen in die Gegenwart und hilft dadurch Geschichte zu begreifen. Es ist jedoch auch fiktional, bewegt sich in Sphären des Konjunktivs, liefert Zukunftsoptionen. In erster Linie ist das Theater eine Begegnungsstätte für Publikum und Kunstschaffende.

Darauf zu verzichten, lässt eine Work-Life-Balance in weite Ferne rücken. Die aktuelle eingeschränkte Alltagswirklichkeit hält kaum persönlich-bereichernde Momente bereit. Die digitale Welt gestattet nur ein Leben aus zweiter Hand, dem die Unmittelbarkeit des subjektiven Erlebens fehlt. Und gerade die spürbare Authentizität und die personale Nähe sind schließlich Trumpfkarten des Theaters, die unsere medial überflutete Alltagswelt nicht in gleichem Maße im Ärmel hat.

Das Internet mit seiner scheinbar unbegrenzten Informationsfülle generiert die Illusion einer großen Weltgemeinschaft und doch sind sich die Menschen in unserer coronageschädigten Gesellschaft durch die Kontaktarmut fremder denn je.

Vielleicht kann aber das Theater mit seinen unterschiedlichen Erfahrungsdimensionen den Blick auf andere Themen und Notwendigkeiten richten und ein Miteinander und Füreinander herbeiführen, was der Politik und der Wirtschaft weitgehend nicht gelingt. ,Ich bin ausgehungert!', war der vieldeutige Kommentar einer langjährigen Theaterabonnentin bei einer kürzlichen Begegnung in der Innenstadt auf die Frage, wie sie die lang andauernde Theaterabstinenz erlebe.

Stefan Voll Foto: red

Theater kann ein Ort der vorurteilsfreien Begegnung sein, wo Konflikte spielerisch erlebt und bewältigt werden, wo sich Gegensätzliches mit Unvorhersehbarem trifft und vielleicht gerade dadurch ein Verstehen und Verständnis herbeigeführt wird. Und das geschieht umso intensiver und nachhaltiger als das Theater ein Ort ist, wo Freude und Leid, Glück und Unglück, Hochgefühl und Trauer erlebt werden, was in einer immer gefühlskälter werdenden Konsumgesellschaft einen wichtigen Gegenpool darstellt.

Das Oszillieren zwischen Betroffenheit und befreiendem Lachen führt häufig zur Erkenntnis und daraus entsteht neuer Lebensmut, aber auch Ausgleich, Ablenkung und Erholung.

Es kann also vieles, das Theater. Mehr als die technischen Medien. Denn Theater ist die tätige Reflexion des Menschen über sich selbst. Und diese Auseinandersetzung, diese persönliche Lebensbereicherung fehlt in Coronazeiten. Ein nicht auf den ersten Blick spürbarer Rückschritt, denn Kultur ist wertvoll im Sinne von spannenden Erlebnisdimensionen, ist aber auch wertevoll, also in der Lage Werte zu reflektieren. Der Schriftsteller Sigmund Graff bemerkte: ,Es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt, als die Menschen zum Nachdenken zu bringen.'

Bleibt zu hoffen, dass unser anspruchsvolles Lichtenfelser Theater bald wieder sein Publikum aus dem Alltag herausführt, Erlebnisdimensionen eröffnet und seine Besucher jeweils neu ins Überlegen kommen, neue Einsichten gewinnen und diese für sich wirksam werden lassen!

Stücke, die auf die Lichtenfelser warten

Insofern gehen die Kulturringverantwortlichen um Geschäftsführer Stephan Franke zuversichtlich in die neue Spielzeit, warten doch folgende Stücke auf das Lichtenfelser Publikum:

• „Endspiel“, Drama von Samuell Beckett (Oktober 20) • „Nach Paris“, Komödie von Samuel Benchetrit (Dezember 20) • „Die fetten Jahre sind vorbei“, Romanze nach einem Film von Heinz Baumgartner (Februar 21) • 1984, Schauspiel nach George Orwell (März 21) • „Schmetterlinge sind frei“, Komödie von Leonard Gershe (April 21)“

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