Stadtwerke Lichtenfels: Erdgas noch einige Jahre nutzen

Dietmar Weiß, der Werkleiter der Stadtwerke Lichtenfels.Fotos: Stadtwerke Lichtenfels Foto: Red

Energiewende, Klimawandel, Versorgungssicherheit – die Lichtenfelser Stadtwerke stehen vor großen Herausforderungen. Werkleiter Dietmar Weiß spricht darüber hinaus über die finanzielle Situation, die beiden Parkhäuser und künftige Modelle zur Wärmeversorgung.

Frage: In der Stadtratssitzung am 25. Oktober sprach der Vertreter des Bayerischen Kommunalen Prüfungsverbands (BKPV) bei der Vorstellung der Jahresrechnung 2020 von einer „relativ angespannten“ Finanzlage. Wie ist es um die finanzielle Situation der Stadtwerke bestellt?

Dietmar Weiß: Die vom BKPV angesprochene relativ angespannte Lage ist damit zu begründen, dass die Verlustsparten ÖPNV und Parkhäuser bei gleichzeitig hohen Investitionen in die Pflichtaufgaben durch kurzfristige Kreditaufnahmen und Kapitaleinlagen der Stadt Lichtenfels in Form eines Liquiditätsausgleichs gestützt werden mussten.

Wie stellt sich die Situation heute dar?

Weiß: Dadurch, dass die Stadtwerke ein Eigenbetrieb der Stadt Lichtenfels sind, sind wir sicher aufgestellt. Unsere „Mutter“ steht immer hinter uns. Trotzdem sind wir wirtschaftlich selbstständig, was zur Folge hat, dass es bei manchen Sparten, die Erlöse erzielen, kurzfristig zu Engpässen kommen kann. Ein Beispiel: Wenn wir zu Jahresbeginn Rückzahlungen an unsere Kunden leisten müssen, weil deren Abschläge zu hoch waren, können kurzfristige Kredite manchmal nötig werden. Die Situation entspannt sich aber immer schnell, da ab dem Februar wieder die Abschlagszahlungen bei uns einlaufen. Wir sind kurzfristig und mittelfristig gut aufgestellt. Und wir haben, das hat auch der BKPV festgestellt, eine hohe Eigenkapitalausstattung.

Wie sieht die Situation bei den defizitären Parkhäusern aus?

Weiß: Durch die Corona-Pandemie sind die Einnahmen aus den Benutzungsentgelten in den Parkhäusern Unteres Tor (Inbetriebnahme 1997, 153 Stellplätze) und Oberes Tor (Inbetriebnahme 1988, 219 Stellplätze) erheblich gesunken. Außerdem hatten wir uns durch die Inbetriebnahme des Schranken-Kassen-Systems im August 2016 eine bessere Auslastung der Parkhäuser erhofft, weil die Kunden ihre Parkgebühren dadurch nicht mehr im Voraus bezahlen müssen. Leider ist dies nicht eingetreten. Weiterhin sind die Parkhäuser in die Jahre gekommen, sodass ständig saniert werden muss. Außerdem sind die Gebühren für die Parkhäuser im Vergleich zu anderen Städten recht günstig. Die ersten 30 Minuten sind frei, jede weitere angefangene Stunde kostet 50 Cent. Zusätzlich haben wir in jedem Parkhaus zwei kostenlose Lademöglichkeiten für Elektroautos. Gezahlt werden muss hier nur die Parkgebühr.

Wollen Sie die Ladekapazität ausbauen?

Weiß: In den Parkhäusern nicht, aber dank Fördermöglichkeiten werden wir demnächst eine Ausschreibung machen für Ladesäulen am Marktplatz in Richtung Oberen Stadtturm und eventuell am Schützenanger

Seit 2019 haben die Stadtwerke ihren Sitz im Eichenweg 15. Foto: Red

Wie sieht es mit Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern der Parkhäuser aus?

Weiß: Seit August 2020 betreiben wir eine PV-Anlage auf dem Dach des Parkhauses Oberes Tor. 2020 hat sie 17 497 kWh produziert, 2021 waren es 89 856 kWh. Wir haben auch überlegt, das Parkhaus Unteres Tor mit einer PV-Anlage auszurüsten, aber eine Studie hat ergeben, dass die Blendwirkung der Solarzellen für den Stadtgraben problematisch ist. Wir müssten hier erst eine Überdachung bauen, um darauf die Solarmodule installieren zu können , und das lohnt sich nicht. Beim Parkhaus Oberes Tor hatte sich wegen des bereits bestehenden Trapezdaches die PV-Anlage angeboten.

Wie sind die Stadtwerke beim Thema erneuerbare Energien aufgestellt?

Weiß: Wir haben die PV-Anlage in Kösten im Regionalnachweisregister des Umweltbundesamts registrieren lassen und wollen noch im Laufe dieses Jahres einen Regionalstromtarif anbieten. Die PV-Anlage in Kösten wurde im Mai 2020 in Betrieb genommen und hat 2020 genau 1 189 541 kWh Strom geliefert, 2021 wurden 2 477 535 kWh Strom produziert. In Reundorf produzieren wir seit der Inbetriebnahme im November 2019 im Jahr 2020 81 188 kWh Strom, im Jahr 2021 waren es 69 650 kWh Strom.

Sind weitere Photovoltaik-Anlagen geplant?

Weiß: Wir haben mit den Grundstücksbesitzern der Flächen neben der PV-Anlage Kösten Kontakt aufgenommen, um diese um etwa die gleiche Größe auszubauen, sodass künftig insgesamt circa fünf Millionen kWh Strom im Jahr dort produziert werden können. Je nachdem, wie sich die wirtschaftliche Situation darstellt, ist eine Erweiterung in 2023/24 geplant.

Außerdem ist im Rahmen eines Energienutzungsplans, den die Stadt ausschreiben lassen will, ein Solarkataster geplant. Hier soll festgestellt werden, auf welchen Gebäuden sich Photovoltaik rechnen würde. Darüber wollen wir noch im Bauausschuss sprechen.

Welche Projekte sind in den kommenden Jahren geplant?

Weiß: Wir haben bei der Vorstellung des Wirtschaftsplanes 2022 im Stadtrat darauf hingewiesen, dass in den Jahren 2022 und 2023 zuerst Pflichtaufgaben erfüllt werden müssen, um die Versorgungssicherheit für Wasser und Erdgas zu erfüllen. Dies sind der Neubau des Wasserhochbehälters Seubelsdorf mit 2000 Kubikmetern sowie der Neubau der Übergabestation Ü III bei Seubelsdorf und die jeweiligen Zuleitungen in die Stadt. Es ist auch vorgesehen, dass die künftige Übergabestation Ü III für den Transport von Wasserstoff ertüchtigt werden kann.

Apropos Wasserstoff: Die Lichtenfelser Firma Rießner Gase baut zusammen mit Siemens in Wunsiedel die größte Elektrolyseanlage in Bayern zur Erzeugung von Grünem Wasserstoff. Wäre das nicht ein Vorbild für Lichtenfels?

Weiß: Grüner Wasserstoff wird ja klimaneutral aus regenerativer Energie, beispielsweise aus Strom von Solar- und Windkraftanlagen, hergestellt. Und Wunsiedel hat ja viel Strom aus Windkraftanlagen.

Lichtenfels hat keine.

Weiß: Ein Windrad lohnt sich ab einer Windgeschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde. Als Standort käme nur der Jura in Frage. Wenn man die Energiewende will, muss die Stadt im Rahmen des Energienutzungsplans auch untersuchen, ob es Möglichkeiten gibt, Windräder zu bauen. Wenn man eine Energiewende will, muss man alle Möglichkeiten ausschöpfen.

Die Solar-Lärmschutzwand in Reundorf, die im Januar 2020 ans Netz ging. Foto: Stadtwerke Lichtenfels

Wie sieht die strategische Ausrichtung der Stadtwerke aus?

Weiß: Wie gesagt, wollen wir für die Stadt Lichtenfels einen Energienutzungsplan ausschreiben und aufstellen lassen, anhand dessen dann weitere Strategien entwickelt werden. Neben den bereits angesprochenen Punkten PV-Anlagen und Windkraft ist eine regenerative Wärmeversorgung durch ortsnahe Nahwärmenetze in Neubaugebieten anstelle einer Erdgasversorgung möglich. Dies ist aber wirtschaftlich nur sinnvoll, wenn ein hoher Anschlussgrad erzielt wird. Eine Umstellung der Wärmeversorgung der Kernstadt auf Fernwärme ist wohl auszuschließen, da zum einen ein entsprechend großer Wärmeproduzent wie beispielsweise ein Müllheizkraftwerk fehlt, und zum anderen für die Verlegung von Fernwärmeleitungen ein zweistelliger Millionenbetrag aufzuwenden wäre. Außer den oben genannten Strukturmaßnahmen zur Sicherstellung der Versorgung ist derzeit kein weiterer Ausbau des Erdgasnetzes beabsichtigt. Bei der Erschließung von Neubaugebieten werden wir auch dort unsere Aktivitäten einschränken. Der Leitungsbau wird sich künftig auf Erneuerungen oder Sanierungen beschränken.

Wie sehen Sie die Abhängigkeit Deutschlands von Energie aus Russland?

Weiß: Auch während des kaltes Kriegs hat Russland immer Erdgas geliefert. Erdgas wird jetzt als Druckmittel eingesetzt, aber Russlands Wirtschaft ist zu einem sehr großen Anteil von Öl- und Gaslieferungen abhängig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Energielieferungen eingestellt werden. Trotzdem müssen wir schauen, von Kohlenstoff basierten Energieträgern wegzukommen, und auf Wasserstoff und regenerative Energie setzen. Doch wir haben in Lichtenfels etwa 3600 Gaskunden, weshalb eine Umstellung nicht von heute auf morgen möglich ist. Aber es besteht die Möglichkeit, Wasserstoff durch das Gasnetz zu leiten. Schon jetzt können einige Gasbrennwertgeräte teilweise mit Wasserstoff betrieben werden, in ein paar Jahren soll es echte Wasserstoffbrenner geben. Bis dahin werden wir Erdgas weiter als Brennstoff nutzen.

 

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