MARKTGRAITZ

Spuren der Burgunder am Obermain

Blick auf Marktgraitz: Joachim Andraschke weiß Interessantes über die Ursprünge des orts zu berichten.Archiv- Foto: Thomas neder

Sie kamen einst vom schwedischen Grodha bis nach Graitz: die Burgunder. Historiker Dr. Joachim Andraschke berichtet in zwei Gastbeiträgen für OTverbindet über eine Zeit, in der ganze Völker auf Wanderschaft waren. Er hat sich die fränkische Namensforschung als Forschungsschwerpunkt gesetzt.

„Welche namenkundlichen Spuren haben die Burgunder in unseren Breiten hinterlassen? Da sind zum einen zahlreiche Personennamen, die sich in fränkischen Urkunden des 9. bis 11. Jahrhunderts erhalten haben. Sie lauten etwa: Erkengern, Eisprecht, Iorit, Guotwiz, Egiltheo, Filmar, Vilmut, Irmindeo, Gnoz, Tudo, Badolf, Willimar, Willemunt, Lodan, Ruderich, Fastolf, Usmer. An ihrem ostgermanischen Charakter besteht kein Zweifel.

Und dann gibt es noch zahlreiche Ortsnamen, die ostgermanisch-burgundische Rufnamen enthalten. Es sind dies beispielsweise die folgenden unterfränkischen Orte: Gochsheim, Geltersheim, Thüngersheim, Himmelstadt, Gibelstadt, Gnodstadt, Gaustadt, Heidingsfeld, Wülflingen, Hettstadt, Großumstadt.

In Oberfranken sind es dann zum Beispiel die Orte: Eggolsheim, Gundelsheim, Botelstadt, Trunstadt, Willersdorf, Dreuschendorf, Drügendorf, Grasmannsdorf, Feulersdorf, Pödeldorf, Frensdorf, Stublang, Stübich, Uetzing, Debring, Lilling.

Doch auch Flur- und Ortsnamen weisen auf die Burgunder hin. Hier sei an Knetzgau/die Knetzberge erinnert, die sich mit dem altnordisch bezeugten Wort knatti „Bergkuppe, Gipfel“ verbinden lassen. Auch der Ortsname Marktgraitz enthält solch ein altes skandinavisches Namenwort und zwar grod oder grand in der Bedeutung von Kies oder Sandbank. Dieses Flurnamenelement ist in Norwegen und Südschweden zahlreich enthalten.

Schließlich existieren aber auch Ortsnamen, deren zugrunde liegende Personennamen nur ostgermanisch oder norwegisch bezeugt werden können und ausschließlich Namenparallelen in Norwegen und Franken aufweisen. Dies ist ein starker Hinweis auf die Herkunft der Burgunder aus Norwegen. Es sind dies etwa Gokstad in Norwegen, das einen Personennamen *Gauk enthält, der auch dem Ortsnamen Gochsheim zugrunde liegt.

Ferner Gülchsheim (1119 Gullihisheim), das sich mit dem norwegischen Gullikstad/Region Trondheim vergleicht. In dieser Region begegnet dann ein weiterer Ort Ulkestad, der sich mit Ullstadt vergleicht, ferner Valstad (1559 Wallestad, 1590 Waldstedt), das mit unserem Unter- und Ober-Wallenstadt parallelisiert werden kann. Dann existiert ein Ort Throndsted der mit Trunstadt am Main verglichen werden kann und denen beide der norwegisch-burgundische Rufname Thrond zugrunde liegt. Laden diese Namenparallelen nicht geradezu zu Orts- und Städtepartnerschaften ein?

Spuren in der heimischen Mundart

Welche Spuren haben die Burgunder aber in unserer heimischen Mundart hinterlassen? Ja, es gibt durchaus Spuren und da kommt unser fränkisches ,unner' für „unser“ ins Spiel. Es ist das fränkische Kennwort schlechthin. Es trennt den nord- vom süddeutschen Sprachraum und stellt eine eigenständige Lautentwicklung dar, die eine Verbindung nach Skandinavien aufweist. Bei allen Unterschieden, die das Ostfränkische aufgrund der Mundartschranken aufweist, haben wir mit unserem ,Unner' ein sehr verbindendes Element. Da hält nicht mal das ,fei(n)' mit. Von Miltenberg bis Hof ist es in aller Munde. Entstanden ist es durch einen Lautprozess in urgermanischer Zeit, der sich im Norden des germanischen Sprachraums entwickelt hatte und in dem das -s- ausfiel (vgl. norwegisch var).

Wie sieht es nun aber im Obermainbogen mit Burgundersiedlungen aus? Hier sind Bodelstadt, Uetzing, Stublang, Wallenstadt und Marktgraitz zu nennen. Letzteres untersuchte Verfasser kürzlich namenkundlich im Zuge der Erstellung einer Festschrift. Und hierbei konnte ein verblüffender Befund erbracht werden. Nicht nur, dass der Ortsname selbst eine nordische Herkunft aufweist, auch der Altnamenbestand an Personen- und Flurnamen weist entschieden nach Skandinavien. Doch bislang galt der Ort slawischen Ursprungs, nämlich von der slawischen Bedeutung für „Burgsiedlung“.

Für die Slawenforschung war dies eine vermeintliche Stütze in Bezug auf eine mögliche Herrschaftsausübung im 8. Jahrhudert durch die Slawen. Denn man meinte, dass es offenbar noch zur Anlage von Befestigungen kam. Dazu ist zu bemerken, dass die Slawen erst im 9. Jahrhundert damit begannen, Burganlagen zu bauen (sogenannte Burgwallzeit), allerdings außerhalb Frankens. Wer nun aber ernsthaft glaubte, die Slawen wären in der Region zu Eigenstaatlichkeit und territorialer Herrschaft befähigt gewesen – das setzt Burgenbau mit Kontroll- und Herrschaftsfunktion letztlich voraus – , der verkennt die eigentliche Hausmacht in Ostfranken vollständig, denn die war in Händen der Karolinger unter der Herrschaft Karls des Großen.

Gerade im 8. und 9. Jahrhundert aber sehen wir die fränkische Staatsmacht kraftvoll am Werk, wenn wir uns die fränkische Binnenkolonisation, den Ausbau der Pfarrstruktur und die siegreichen Kriegszüge gegen Slawen und Awaren an den östlichen Grenzen vor Augen führen. Die Chimäre von einer regional starken slawischen Besiedlung samt einer Burganlage in Graitz entspringt letztlich einer Wunschvorstellung und hat ihre Wurzeln in der Schwärmerei der Slawophilie des 19. Jahrhunderts.

Fakt ist, dass Marktgraitz Sitz eines Zentgerichts, Urpfarreiort und Mittelpunktssiedlung war. Die fränkischen Zenten sind in der Mitte bis späten 7. Jahrhunderts eingerichtet worden, also vor einer slawischen Besiedlung. Auch die Urpfarreien wurden vor einer Ansiedlung von Slawen durch die Franken gegründet. Alle diese strukturanalytischen Beobachtungen sprechen klar gegen eine slawische Herkunft.

Entgegen der Auffassung der älteren Forschung, die eine slawische Einwanderung in Franken seit dem 6. Jahrhundert sehen wollte, kann nach dem Urteil der historischen Quellen, der archäologischen Hinterlassenschaften und dem Namenbefund von einer geschlossenen slawischen Besiedlung in Oberfranken gar keine Rede sein.

Joachim Andraschke Foto: red

Die Rolle der Slawen

Die Slawen sind um 716 bis 730 nach Christus, verstärkt aber erst seit den Kriegszügen gegen die Sorben und böhmischen Wenden zwischen 789 und 816 nach Christus vornehmlich im Radenzgau angesiedelt worden. Während einer späteren aber schwächeren Ansiedlung im Zuge des vom Adel getragenen hochmittelalterlichen Landesausbaus (vornehmlich in Kombination mit Bergbau) gelangten um 1000 erneut Slawen in bestimmte fränkische Adelsterritorien (etwa um Königsfeld, Scheßlitz und Kronach). Die Lage der Siedlungen in Ungunstlagen ohne Anteil an Lössböden zeigt, dass die Slawen vornehmlich im Zuge des karolingerzeitlichen Landesaubaus angesiedelt wurden.

Es existiert kein archäologischer Nachweis von slawischer Siedlungskonzentration in den Gunstlagen des Altsiedellandes, keine slawischen Nekropolen und keine gesichert slawische Keramik vor 700. Slawische Keramik des 8./9. Jahrhunderts ist in den archäologisch untersuchten Arealen des Altsiedellandes zudem stark unterrepräsentiert (Anteil unter fünf Prozent). Der slawische Bevölkerungsanteil im oberfränkischen Altsiedelland kann im 8./9. Jahrhundert nur ein vergleichsweise geringer gewesen sein. Es handelt sich also um eine Minderheit im frühdeutschen Umfeld.

Doch zurück zu Graitz. Das dem Namen zugrunde liegende *grod/grand kann nun tatsächlich in Orts- und Flurnamen nachgewiesen werden. In Franken gibt es zudem mehrere Flurnamen Graitz, wie der folgenden Karte entnommen werden kann. Die skandinavischen Beispiele sind außerdem Orte, die das gleiche Namenelement enthalten.

Flurnamen germanischer Herkunft

Aber auch die ältesten Flurnamen der Gemarkung sind germanischer Herkunft. Bemerkenswert sind zwei Bergnamen, die klar nach Skandinavien weisen. Es ist dies der Bergname Heer und die Reifenleite. Das Wort Reif- bedeutet „Berg“ und ist in zahlreichen Bergnamen Frankens vertreten. Auch hier zeigt die Verbreitung entschieden in das ostgermanische und skandinavische Milieu: Der Befund ist eindeutig: Marktgraitz bildete im 4./5. Jh. eine burgundische Siedlungskammer. Dies dürfte auch für weitere Orte Frankens Gültigkeit haben. Vielleicht lesen wir den Nibelungenstoff ja künftig mit anderen Augen. Und vielleicht erkennen wir ja, dass die Burgunder nicht ausgelöscht wurden, sondern in unseren Orts- und Flurnamen, ja in Relikten sogar in unserem Dialekt und in unnern frängischn Genen fortleben. Und möge der/die Leser/-in künftig den Begriff Burgunder nicht nur mit einer Weinsorte assoziieren.“

 

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