LICHTENFELS

Selbsttests: Ein kleines Kitzeln mit großem Nutzen

„Ui, das kitzelt”: Die siebenjährige Hannah macht ihren ersten Selbsttest. Foto: Markus Drossel

Hannah ist neugierig. Ganz vorsichtig nimmt sie das dünne lange Plastikstäbchen mit dem Wattebausch an der Spitze in die Hand und führt es in das Nasenloch ein. Nicht weit, nur etwas mehr als zwei Zentimeter. „Ui, das kitzelt“, sagt sie und lässt beim Lächeln die Zahnlücke aufblicken. „Das war's schon“, sagt ihre Mutter. Hannah staunt.

So könnte es ab Dienstag nach Ostern vielen Kindern ergehen. Um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten oder – wie im Landkreis Lichtenfels – bald wieder aufnehmen zu können, soll es Schnelltestungen für die Kinder geben. Doch in sozialen Medien und in Messenger-Gruppen, wie WhatsApp machen Videos die Runde, eine vermeintliche Verunreinigung der Selbsttests mit Würmern beweisen sollen.

Lang, dunkel und dünn: Was ist da unter dem Mikroskop zu sehen?

Dina Amon, Marie Hoyme, Hannah Amon und Lena Hoyme hoffen, dass der Schulbetrieb bald wieder aufgenommen werden kann – d...

Auch an der Dr.-Roßbach-Schule gibt es Eltern, die kräftig Stimmung machen gegen die Selbsttests. Dina Amon und Lena Hoyme, die Klassenelternsprecherinnen der 1a, haben das selbst miterlebt. Die erfahrene Krankenschwester, die mit der Corona-Thematik täglich zu tun hat, und die Physiotherapeutin sind fassungslos – und stellen sich energisch gegen die Corona-Leugner. „Am Anfang dachte ich: Wer nimmt sich die Zeit, so ein Video zu faken?“, sagt Dina Amon.

Der Clip ist durchaus gut gemacht: Ein Mann legt ein nach seiner Aussage original verschweißtes Abstrichstäbchen von einem Selbsttest unter ein USB-Mikroskop, das das Bild auf einen Computer-Monitor überträgt. Zu sehen ist etwas dunkles Fadenähnliches, das sich mutmaßlich immer wieder zu bewegen scheint. Ein Wurm? „Eklig!“, urteilt der Mann. Das sei schon der dritte Test, den er prüfe, mit jeweils diesem Ergebnis.

Steril verpackt und verschweißt: So werden die Selbsttests ausgehändigt. Foto: Markus Drossel

„Es gibt mehrere solcher Videos. Die Personen, die darin vorkommen, sind immer verschiedene. Einzig das Monitorbild ist immer gleich“, so Amon. Unabhängige und anerkannte Faktencheck-Portale wie correctiv.org haben sich längst mithilfe von Mikrobiologen dem Thema angenommen. Sie widerlegten stichhaltig, dass es kein Wurm oder ein anderer Parasit sei, sondern eine Nylonfaser, die durch Luftzug oder elektrostatische Ladung bewegt wird. Also nichts Lebendiges. Und auch kein Roboter, wie manchmal behauptet wird.

So weit die Faktenlage. Corona-Leugner aber interessiert das nicht wirklich. „Leider kommt man mit logischen Argumenten oft nicht weiter“, seufzen die beiden Mütter. Doch mit diesem Widerstand gegen die Selbsttests sei ein Präsenzunterricht an Schulen akut gefährdet. Und er verunsichert auch die Erstklässlerin Hannah. Die Siebenjährige hat Angst: Was wäre, wenn sich die Hälfte ihrer Klassenkameradinnen nicht testen ließe? – „Mamas und Papas sind einfach keine ausgebildeten Lehrer. Die Lernatmosphäre ist eine andere, es gibt keine Mitschüler, die Kinder lassen sich im Heimunterricht zu leicht ablenken“, sagt Lena Hoyme. „Ab und an muss man dann auch mal streng sein, korrigieren und antreiben. Darunter leidet auch die Eltern-Kind-Beziehung.“ Dina Amon nickt. Sie hatte das Glück, dass sie sich zweieinhalb Monate nur auf ihre Kinder im Heimunterricht konzentrieren konnte, bis es aus beruflichen Gründen nicht mehr möglich war. Doch echte Schulathmosphäre wollte trotz intensiver Bemühungen nur selten aufkommen. Und viele andere Aufgaben des täglichen Lebens blieben liegen.

Die Freundinnen Marie und Hannah nehmen einen Selbsttest unter die Lupe.

Die Amons gaben ihre Kinder in die Notbetreuung. „Da waren sie nur wenige Stunden, trotzdem waren danach alle Aufgaben erledigt“, schildert die 38-Jährige. „Einfach kein Vergleich.“ Und den Töchtern tat es auch gut, mal wieder andere Gesichter zu sehen. Doch zwei Wochen vor Ostern war Schluss damit: Die Inzidenz im Landkreis stieg derart, dass die Schulen wieder schließen mussten. „Schnelltests sind die einzige Chance auf Präsenzunterricht“, sind sich Dina Amon und Lena Hoyme einig.

Gegner führen an, dass Kinder stigmatisiert würden, fiele ihr Test positiv aus. Die Tests müssen ja im Klassenzimmer vor den Augen der Lehrer gemacht werden. „Wenn die Testflüssigkeit auf die mit Namen beschrifteten Teststreifen aufgetragen wird, kann die Lehrerin diese ja aus dem Klassenzimmer nehmen und vor der Türe die Ergebnisse prüfen. Sollte dann ein Test positiv ausfallen, muss niemand wissen, welches Kind es ist. Die Klasse wird ja dann eh nach Hause geschickt“, schlägt Amon vor. Die Eltern des betroffenen Kindes könnten dann diskret informiert werden. Und dann muss auf den Selbst-Test der viel genauere PCR-Test folgen.

Weil die Selbsttests eine Chance auf Präsenzunterricht sind

Die Dr.-Roßbach-Grundschule in der Kronacher Straße in Lichtenfels. Foto: Markus Drossel

„Es geht einfach nicht, gegen alles zu sein und keine Alternativen zu bieten“, findet Lena Hoyme. „Wenn wir nicht testen und impfen, ist kein Land in Sicht.“ Täglich ist die Physiotherapeutin, die im Krankenhaus arbeitet, mit dem Thema Corona und den Auswirkungen konfrontiert. Ebenso wie Dina Amon auch. „Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, doch die Selbsttests sind eine große Chance. Wir riskieren sonst, dass bei den Kindern große Bildungslücken entstehen, die man nur schwer wieder schließen kann“, sagt Hoyme. Dina Amon überlegt und fügt an: „...wenn es diese Lücken nicht schon gibt.“

„Wir müssen etwas mehr Vertrauen haben“, werben die beiden Klassenelternsprecherinnen. Vertrauen in die Tests und die Impfstrategie zum einen, „Vertrauen aber auch in unsere Kinder. Die tragen mittlerweile Maske, als wäre es ganz selbstverständlich. Und sie werden das mit den Selbsttests hinbekommen. Vielleicht sogar noch besser, wenn man ihren Forscherinstinkt weckt oder ein Nasekitzellied dazu einübt? Dann wird es für die Kinder schnell zur Routine.“ Und Hannah würde endlich mal wieder ihre Schulfreunde sehen.

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