LICHTENFELS

Sagen: Waren Irrlichter ungetauft verstorbene Kinder?

Sagen: Waren Irrlichter ungetauft verstorbene Kinder?
Heute eine Seltenheit, früher nicht. Kindergräber auf dem Altenkunstadter Friedhof. Foto: Andreas Motschmann

Die Säuglingssterblichkeit hatte um 1870 ihren Höhepunkt erreicht und war um 1900 immer noch hoch. Vor 120 Jahren starben im Deutschen Reich jährlich etwa 400.000 Kinder. Damit überlebte jeder fünfte Säugling das erste Lebensjahr nicht. Kein Wunder, dass es viele Volkssagen und Erzählungen gibt, die sich um ungetauft verstorbene Kinder ranken. Sie wurden mit Irrlichtern und dem Wilden Heer in Verbindung gebracht.

Der „Schritt ins Leben“ war vor wenigen Generationen höchst unsicher, denn viele Kinder überlebten das erste Lebensjahr nicht. Die Kinder wurden meist schnell getauft. In katholischen Gegenden fand die Taufe spätestens eine Woche nach der Geburt in Abwesenheit der Mutter statt. Die Angst, dass ein neugeborenes Kind stirbt, war angesichts der hohen Kindersterblichkeit groß. Deshalb wurden die Kinder am Obermain noch vor über einem halben Jahrhundert, im Gegensatz zu heute, nach wenigen Tagen getauft.

Der Tod vieler Geschwister gehörte zum Alltagsleben

So wurde der Autor dieser Zeilen, der ein Sonntagskind ist, nicht am darauf folgenden Sonntag oder ein paar Wochen später getauft, sondern nach drei Tagen am Mittwoch. Für diese rasche Taufzeremonie war die hohe Säuglingssterblichkeit ein wichtiger Grund: Ein ungetauftes Kind galt als verlorene Seele. Dass viele Kinder in einer Familie starben, erfuhr er durch Erzählungen seines Vaters, dessen fünf Geschwister in jungen Jahren starben.

Von frühester Jugend an wurde der 1927 gestorbene Altenkunstadter Heimatdichter Andreas Hofmann mit Not und Leid konfrontiert. Einige seiner Geschwister sind im frühen Kindesalter gestorben. Er verarbeitete diese Schicksalsschläge in einem seiner 83 Gedichte: „Meiner toten Schwester Eva“.

Die verstorbenen Kinder kommen jedes Jahr in den Geschichten der Wilden Jagd am Obermain vor. Die Geister der ohne letzte Ölung verstorbenen Menschen und die Seelen ungetauft verstorbener Kinder waren in den Erzählungen zu Tausenden dabei.

Nach Kirchlicher Lehrmeinung ein Makel der Erbsünde

Nach kirchlicher Lehrmeinung haftete ungetauft verstorbenen Kindern der Makel der Erbsünde an. Ohne Taufe wurde ihnen sowohl eine würdige Beisetzung als auch eine selige Bleibe im Jenseits verwehrt. Als ihr Aufenthaltsort galt der „Limbus puerorum“. Das war ein Ort zwischen Himmel und Hölle, von dem es keine Erlösung gab. Die Hinterbliebenen konnten, anders als beim Fegefeuer, selbst durch Gebete und Almosenspenden das Schicksal der Kinder nicht mehr zum Positiven wenden.

Kinder außerhalb des Friedhofes verscharrt

Gegen diese rigorose und unerbittlich anmutende Haltung der katholischen Kirche wetterte nicht nur Martin Luther in seinen Ausführungen zum Thema Taufe, auch andere Gelehrte und Theologen der neuen Glaubensrichtung gingen mit dieser strengen Jenseitsvorstellung teilweise hart ins Gericht. Nach evangelischem Glauben war es keineswegs zwingend, dass ein ungetauftes Kind nicht in den Himmel kommen konnte.

Die rigorose Ausgrenzung ungetaufter Kinder war über Jahrhunderte hindurch eine Folge der strengen Auslegung des katholischen Kirchenrechts. Ein ungetaufter Mensch wurde nicht als Christ gesehen, also durfte er auch nicht in der geweihten Erde des Friedhofs begraben werden.

In der Praxis wirkte sich das so aus, dass ungetaufte Kinder von katholischen Eltern außerhalb des Friedhofes, im Beisein der Eltern und des Totengräbers ohne die Anwesenheit des Priesters mehr oder weniger verscharrt wurden.

Mussten verstorbene Kinder im Wilden Heer mitziehen?

In den alten Filmdokumenten „Abendläuten“ des Bayerischen Rundfunks kann man um 1960 sehen, dass in Südbayern die Kindergräber außerhalb der Friedhofsmauer standen. Die Jahreszeitschrift „Burgadler“ der Eschenloher Heimatgeschichte aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen berichtet von einem Häuschen für ungetaufte Kinder außerhalb des Friedhofs. All das gehört zum Glück der Vergangenheit an.

Sagen: Waren Irrlichter ungetauft verstorbene Kinder?
In Eschenlohe, Landkreis Garmisch-Partenkirchen, gab es außerhalb des Friedhofs ein kleines Beinhaus für ungetaufte Kind... Foto: Anton Mayr Moarbauer/Jahreszeitschrift „Burgadler“ der Eschenloher Heimatgeschichte

Kehren wir zu den Volkssagen zurück. Irrgeister, Irrlichter und andere „Verwandte“ finden wir in vielen Geschichten, so auch in unserem Landkreis. So gibt es eine von der Burgkunstadter Burg. Dort soll man in den zwölf Nächten zwischen dem 25. Dezember und dem 5. Januar und in der Johannisnacht im Juni hin- und herhuschende Lichter sehen können. Im Volksglauben wurden oft die ungetauften verstorbenen Kinder mit den Irrlichtern in Verbindung gebracht. Sie mussten im Wilden Heer um die Jahreswende am Staffelberg herumziehen. Die Kinderseele musste so lange auf diese Weise umhergehen, bis sie erlöst wurde.

Verstorbene Mutter bei der Geburt war keine Seltenheit

Nicht nur die Säuglingssterblichkeit war hoch, es starben auch viele Mütter bei der Geburt oder kurz danach. Kinder, die um 1900 geboren wurden, kamen in den meisten Fällen zu Hause zur Welt. Eine Hebamme oder Nachbarinnen halfen der werdenden Mutter. Eine bei der Geburt gestorbene Frau war keine Seltenheit. So wundert es nicht, wenn dieses Unglück sich in Geschichten widerspiegelt.

Von einer verstorbenen Wöchnerin in Marktzeuln gibt es eine Erzählung. Sie sah sich täglich in der Nacht nach ihrem Kind um, das noch nicht getauft war. Erst nach der Taufe kam die Mutter nicht mehr. Ebenso zum offenen Grab finden sich frühere Regeln im Volksglauben: Solange das Grab der Verstorbenen offen stand, durfte das ungetaufte Kind nicht beim Namen genannt und nicht zur Taufe gebracht werden.

Die Säuglingssterblichkeit der im ersten Lebensjahr gestorbenen Kinder konnte in Deutschland erheblich gesenkt werden. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren stieg die Säuglingssterblichkeit aufgrund der verschlechterten Ernährungs- und Hygienebedingungen zwischenzeitlich nochmals an. Heute sterben nur etwa drei von 1.000 Lebendgeborenen, damit ist der Anteil der Säuglingssterblichkeit am gesamten Sterblichkeitsniveau minimal.

Meiner toten Schwester Eva

Als das Laub im Spätherbst fiel,

wehte übers Land,

Nahm es eine Rose mit,

Die am Wege stand......

Wehrlos zog das Röslein mit,

in ein stilles Tal,

wo kein Vogelton hindringt

und kein Sonnenstrahl.

Welk, verwittert liegt es dort,

Röslein, jung und rot,

Schönheit, Glanz sind längst verblüht,

Duft und Glut sind tot.

Armes Röslein starb so jung,

Voller Blüt und Duft;

Wird erst wieder auferblühn,

Wenn der Vater ruft......

Heimatdichter

Andreas Hofmann

 

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