LICHTENFELS

Ruhe sanft mit „Baby Balla Balla“

Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es gedanklich schon mal zur eigenen Beerdigung.

„Liebes Corona-Tagebuch, wir sterben ja alle nicht besonders gerne. Hat wohl was damit zu tun, dass man nicht weiß, was danach kommt. Wenn man beispielsweise die Hölle befürchtet, dann mag man sich von diesem Leben hienieden gar nicht erst lösen, ganz egal, wie viel Arthrose man hat.

Was läuft genau im Himmel ab

Was genau im Himmel abläuft, darüber schweigen sich die Quellen aber auch weitgehend aus. Von Fußball und den Rolling Stones war jedenfalls nie die Rede. Wie erfrischend ist es da doch, wenn man Menschen begegnet, die klare Vorstellungen vom Abtreten haben.

Wobei es dann schon wieder so ist, dass man zum Rosinenpicker wird. Wenn mir mein Onkel beispielsweise davon erzählt, dass wir nach dem Hopsgehen im Grab verschimmeln, dann ist das zwar eine klare Vorstellung, aber sie stinkt zum Himmel. Oder zumindest zum Sargdeckel. Doch wenn mir meine liebe Bekannte Christiane erzählt, wir sitzen später alle recht wolkig zu sphärischen Klängen, dann weiß ich jetzt schon, dass das absolut nicht meine Musik ist. Aber weil wir vom Jenseits so wenig Ahnung haben, wollen wir wenigstens das Diesseits vom Jenseits gestalten. Immer wieder trifft man ja noch im Leben stehende Leute, die sich in Friedwäldern verbuddeln lassen wollen. Namenlos und sogar hinweislos bezüglich der tatsächlichen Liegestatt. Ein Mensch, den ich kenne, plant sogar, wenn seine Zeit gekommen ist, in den Wald zu gehen und nicht mehr rauszukommen. Er hat eine romantische Vorstellung von Humus und davon, der Welt wieder etwas zurückzugeben.

Neulich begegnete mir auch jemand, der mir von seinem Vorhaben erzählte, sich nach dem Verbrennen zum Diamanten pressen lassen zu wollen. Ich glaube, er träumte sogar davon, sich in dieser Konsistenz in die äußere Umlaufbahn befördern zu lassen. Das ist zwar schön, aber unerreichbar für Trauernde. Was man nämlich oft verdrängt, ist, dass auch Hinterbliebene ein Recht auf einen Ort haben, an dem sie um einen trauern können.

Ich bin darauf gekommen, als jemand in meiner Gegenwart davon sprach, seine Asche in die Ostsee verklappen lassen zu wollen. „Ja, aber wo soll ich dich denn dann besuchen kommen?“, wurde er von einem Kind gefragt. Ich fand, das Kind hatte seine berechtigte Sicht auf diese Dinge. Ich für meinen Teil habe eine lustige Vorstellung davon, auf der eigenen Beerdigung etwaige Gäste zu irritieren.

Ein auf Friedhöfen wahrhaft selten gehörtes Lied

Ein Lied nämlich, welches dann aus Respekt vor meinem letzten Wunsch von allen Gästen gesungen werden müsste, ist: „My Baby Baby Balla Balla“. Wer dann noch salbungsvolle Worte übrig hat, dem ist nicht zu helfen. Liebes Corona-Tagebuch, mag ja sein, dass man mich wegen der Balla-Balla-Sache mal nicht am Grab betrauern wird. Aber es wird wenigstens ein Ort sein, an dem man mir Vorwürfe machen kann.

Hach ja, es sind wirklich nachdenklich machende Zeiten, die wir da gerade haben.“

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