LICHTENFELS

Regiomed hilft afghanischem Kind: Tapferer kleiner Hakim

Nach den erfolgreichen Operationen: (v. li.) Chefarzt Dr. Jörg Harrer, Pflegemutter Susan Helen Reißenberger, Hakim, Stationsleitung Petra Meixner, Oberarzt Dr. Maximilian Schenke sowie Krankenhausdirektor Robert Wieland. Foto: Red

Dass der siebenjährige Hakim irgendwann ein aufrechtes Leben wird führen können, war noch Anfang dieses Jahres gar nicht selbstverständlich. Denn der kleine Junge, dessen rechtes Bein aufgrund einer nicht heilen wollenden Knochenentzündung stark verformt war, lebt in Afghanistan – ohne Hoffnung auf eine adäquate medizinische Versorgung.

Doch durch den Verein „Kinder brauchen uns“ aus Mühlheim sollte sich das Blatt wenden: Hakim wurde zusammen mit mehreren anderen afghanischen Kindern für eine Behandlung in Deutschland ausgewählt. Als Dr. Jörg Harrer, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie am Regiomed Klinikum Lichtenfels, von Hakims Schicksal erfuhr, zögerte er nicht lange und sagte zu, die nötigen Operationen zu übernehmen.

Aufenthalt bei einer Gastfamilie

Mitten in die Faschingszeit hinein landete Hakim in Begleitung der ehrenamtlichen Helfer des Vereins in Deutschland. Für die Dauer seines Aufenthalts lebt er bei Familie Reißenberger-Apfel in Lautertal, wo er liebevoll umsorgt wird. Die Familie kennt sich damit aus, hat sie sich doch bereits 2015 sehr engagiert in die Flüchtlingshilfe eingebracht und ist daher offen für dieses Thema.

Susan Helen Reißenberger ist aktives Mitglied im Verein „Kinder brauchen uns“ und begleitet normalerweise mehrmals jährlich kranke Kinder aus Afghanistan zur Behandlung nach Deutschland – und die genesenen wieder zurück. Normalerweise. Denn im Corona-Jahr ist doch einiges anders. So warten derzeit etliche inzwischen genesene Kinder voller Sehnsucht auf ihre Heimreise.

Es versteht sich von selbst, dass sie alle unter Heimweh leiden und natürlich schnellstmöglich nach Hause zu ihren Familien wollen. Ebenso warten in Afghanistan kranke Kinder, die dringend eine gute medizinische Versorgung benötigen. Diese ist übrigens nur durch Spenden möglich.

Zwar bezahlen alle Helfer ihre Flüge selbst, aber für die Transporte der Kinder vor Ort und ihre Flüge übernimmt der Verein die Kosten.

Hakim konnte gerade noch rechtzeitig die Reise nach Deutschland antreten, bevor der Flugverkehr weitestgehend eingestellt wurde. Doch warum ist es überhaupt nötig, dass der Junge für eine Behandlung nach Deutschland kommen muss? „Hakim hatte eine schwere Osteitis, also eine Knochenentzündung am rechten Oberschenkel. Hierdurch kam es zu einem Knochenbruch, der nicht heilen konnte und dadurch wiederum zu einer starken Verformung des Knochens. An ein normales Gehen war nicht zu denken und Schmerzen musste der kleine Mann außerdem leiden“, so Dr. Harrer.

Reißenberger kennt darüber hinaus die Gegebenheiten in Afghanistan: „Hakim hätte in seiner Heimat keine Hoffnung auf Heilung gehabt. Einerseits ist die medizinische Versorgung in Afghanistan ohnehin nicht mit der in Deutschland vergleichbar. Andererseits müssen Patienten dort bereits vor der Behandlung große Summen an die Ärzte bezahlen – für die meist arme Bevölkerung in aller Regel nicht machbar. Hier in Deutschland kann Hakim so geholfen werden, dass er später ein normales Leben führen kann.“

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, wenngleich die ersten Schritte buchstäblich getan sind. Am 12. März wurde der Junge das erste Mal von Dr. Harrer operiert. Auch wenn er aufgrund der Sprachbarriere nicht ganz verstehen konnte, warum er, kaum in Deutschland gelandet, schon wieder von seiner Pflegefamilie getrennt sein musste, hat er die schwere Operation und auch die Zeit in der Klinik sehr tapfer getragen.

Ein komplizierter operativer Eingriff

„Wir alle sind sehr dankbar, dass Hakim im Klinikum Lichtenfels so liebevoll umsorgt wurde, vor allem auch in den Stunden, die ich nicht bei ihm sein konnte“, freut sich Susan Reißenberger. Im Rahmen dieses Eingriffs wurde das betroffene Knochenstück – immerhin zehn Zentimeter – komplett aus dem Oberschenkel entfernt und mittels Knochenzement und einer Metallplatte überbrückt.

Das Röntgenbild zeigt den operativen Eingriff sehr deutlich. Foto: red

Zur Unterstützung des Heilungsprozesses folgte eine ambulante Antibiotikatherapie, die sehr gut anschlug. Und hier folgt wieder ein „Normalerweise“. Denn normalerweise wäre Hakim nach der Entlassung aus der Klinik eingeschult worden. Normalerweise hätte er sich mit seinen neuen Schulfreunden treffen, Spaß haben und nebenbei Deutsch lernen können.

Aber Corona sorgt auch hier für Einschränkungen, und so verbrachte Hakim diese Zeit zusammen mit seiner Pflegefamilie zu Hause. Anfang Mai folgte die zweite Operation, wieder im Klinikum Lichtenfels in der Abteilung von Dr. Harrer. Diesmal wurden die Metallplatte und der Zement wieder entfernt und ein Fixateur externe angebracht, also ein außenliegendes Gestell, das in den Knochenenden verankert ist. Dieses sorgt dafür, dass der Knochen zum einen stabilisiert ist, zum anderen wird ein wenige Zentimeter langes Knochenstück über diesen Fixateur vom hüftnahen Oberschenkel in Richtung Knie durch den Knochendefekt geschoben. Dieser sogenannte Segmenttransport stellt ein bewährtes, aber äußerst kompliziertes und anspruchsvolles Verfahren da.

An dieser Stelle sollten noch einmal die Spender erwähnt werden, ohne die Hakims Behandlung in Lichtenfels nicht möglich wäre: Ein Orthopädiehaus unterstützt mit Krücken und einem Rollstuhl und ein Coburger Unternehmen übergab eine großzügige Geldspende, aus der unter anderem der Fixateur finanziert werden konnte.

In dem Bereich, in dem der Knochen auseinander gezogen wird, bildet sich nun neuer Knochen und der bestehende Defekt wird langsam geschlossen und überbrückt: einen Millimeter täglich – mehr Knochenneubildung ist pro Tag nicht möglich. Am Ende werden zehn Zentimeter Knochen neu gebildet und der Defekt komplett geschlossen sein. Zehn Zentimeter, ein Millimeter pro Tag, das macht in Summe 100 Tage, bis dieser Teil der Behandlung abgeschlossen sein wird.

Eine schwierige und schmerzhafte Prozedur

Und dann benötigt es noch etwa drei- bis viermal so lange, bis der anfangs noch nicht stabile Knochen ausgeheilt ist und der Fixateur wieder entfernt werden kann. Eine lange, schwierige und teils auch schmerzhafte Prozedur für den tapferen Jungen.

Wenn alles gut läuft, wird der Fixateur dann in einem weiteren Eingriff entfernt und Hakim kann im wahrsten Sinne des Wortes auf zwei gesunden Beinen seiner Zukunft entgegengehen. Susan Reißenberger wird dann sicherlich mit dabei sein, wenn Hakims Eltern ihn nach der langen Zeit in Deutschland wieder zu Hause in die Arme schließen können.

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