Coronavirus - Intensivstation in Thüringen

LICHTENFELS/KLOSTER BANZ

Regiomed: „Die Situation ist besorgniserregend“

Finanziell auf dem Weg der Besserung, personell aber wegen der Corona-Pandemie unter strikter Beobachtung – so könnte die Diagnose nach der Sitzung des Kreistags am Montagnachmittag in der Hanns-Seidel-Stiftung in Kloster Banz über den „Patienten“ Regiomed lauten. Während Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke den Kreisrätinnen und Kreisräten unter anderem von einem Rückgang des Defizits berichten konnte, ging der für das Lichtenfelser Klinikum zuständige Geschäftsführer Robert Wieland besonders auf die angespannte Personalsituation ein.

Beide Berichte waren von der Corona-Pandemie bestimmt. Laut Schmidtke werden im gesamten Klinikverbund mit den Krankenhäusern in Coburg, Lichtenfels, Neustadt, Hildburghausen, Sonneberg und Neuhaus Stand Montag 184 Covid-19-Patienten behandelt, davon 22 intensiv, und 13 müssen beatmet werden. Hinzu kämen 16 Verdachtsfälle. Aufgrund der steigenden Sieben-Tagen-Inzidenz erwartet der Hauptgeschäftsführer weitere Hospitalisierungen in den kommenden zwei Wochen.

„Die Situation hat für die gesamte Versorgung äußerste Konsequenzen“, sagte Schmidtke und verwies auf die Entscheidung der Regierung von Oberfranken, nach der ab dem 1. Dezember alle planbaren Eingriffe verschoben werden müssen. Dazu wurden unter anderem Lichtenfels und Coburg als Covid-Schwerpunktversorgungs-Kliniken bestimmt.

Der Chef des Klinikverbunds stellte dazu die Elektivboards vor. Das sind die vier Stufen, nach denen die ärztlichen Direktoren und die Geschäftsführung die Patienten kategorisieren. Die Stufe Rot verlange eine Therapie innerhalb weniger Stunden, Gelb-a bedeute eine Operation innerhalb weniger Tage, Gelb-b innerhalb der nächsten Wochen und Grün erst in ein paar Monaten. „Jeder Patient, der dringend behandelt werden muss, wird behandelt.“

Der Hauptgeschäftsführer ging außerdem auf den offenen Brief einiger Mediziner – darunter Mitarbeiter von Regiomed – in einer thüringischen Zeitung ein, in dem die Aufhebung aller Covid-Maßnahmen gefordert wird (diese Redaktion berichtete): „Bei der Entwicklung der Pandemie ist genau das passiert, was alle befürchtet hatten. Die Situation ist für alle sehr belastend, weil die Mitarbeiter extrem gefordert sind.“ Sowohl das Pflegepersonal als auch die Ärzte seien erschöpft, die Krankenquote sei hoch. „Uns mangelt es nicht an Betten, uns mangelt es an Personal. Deshalb ist die Situation sehr besorgniserregend.“

„Uns mangelt es nicht an Betten, uns mangelt es an Personal. Deshalb

ist die Situation sehr besorgniserregend.“

Alexander Schmidtke, Hauptgeschäftsführer Regiomed

Darum ärgere es ihn, wenn sich Mitarbeiter so verhalten, so Schmidtke weiter und sagte, dass mit diesen das Gespräch gesucht werde. „Deren Verhalten mag irritieren, aber auch Ärzte sowie Pflegerinnen und Pfleger bilden die Gesellschaft ab.“ Ebenso Unverständnis äußerte hierzu Landrat Christian Meißner: „Es ist bedauerlich, dass Ärzte so einen riesengroßen Blödsinn veröffentlichen, besonders im Hinblick auf die 86 Toten, die bis Montag an oder Mit Covid-19 im Landkreis verstorben sind.“

Zur wirtschaftlichen Lage meinte Regiomed-Chef Schmidtke, dass es bei den ersten drei Pandemie-Wellen noch „bekömmliche Ausgleichszahlungen“ gegeben habe, diese aktuell jedoch wegfallen würden. Derzeit erhalte man für Covid-19-Patienten bis zu 100 Euro pro Tag, nicht berücksichtigt würden jedoch die zahlreichen gesperrten Betten. „Im ersten Halbjahr haben wir 16,5 Millionen Euro an Freihalte-Pauschalen erhalten, mit denen wir einen großen Teil der Unmsatzrückgänge ausgleichen konnten“, sagte Schmidtke und bedauerte, dass der Preisanstieg von 300 bis 400 Prozent in diesem Jahr im Gesundheitswesen nicht durch Mehrkosten-Zuschläge ausgeglichen werde.

In diesem Jahr, so der Hauptgeschäftsführer weiter, werde der zu erwartende Verlust von 3,7 Millionen Euro trotzdem deutlich unter dem Minus von 6,7 Millionen Euro im vergangenen Jahr liegen. „Obwohl der Sanierungsprozess wegen Corona nicht umzusetzen ist, können wir zufrieden sein mit dem Ergebnis.“

Schmidtke sprach an, dass 243 Maßnahmen im Sanierungsgutachten mit einem Einsparpotenzial von 28 Millionen Euro aufgeführt seien. Von diesen befänden sich 64 in der Umsetzung, das entspreche einem Volumen von 17 Millionen. „Unser Ziel ist es, wieder Rücklagen zu bilden und investitionsfähig zu werden.“

Schmidtke ging auch auf die Medical School mit 135 Studierenden ein, von denen im nächsten Jahr 17 ihren Abschluss machen: „Unser Ziel ist es, Ärzte aus der Region für die Region auszubilden.“ Um den Fachkräftemangel in der Pflege zu beheben, bilde Regiomed über den eigenen Bedarf aus und biete ein großes Weiterbildungsangebot an.

Stand Montag werden im Lichtenfelser Klinikum vier Covid-Patienten intensiv betreut, davon drei beatmet. Geschäftsführer Robert Wieland erläuterte des Weiteren, dass die Zahl der Intensivbetten am Dienstag von sechs auf acht erhöht werde. Insgesamt gebe es in Lichtenfels 276 Betten, 49 seien jedoch wegen Covid-19 gesperrt. Für die normale Versorgung von Corona-Patienten habe man in Lichtenfels zwei zusätzliche Stationen mit insgesamt 27 Plätzen, von denen 21 aktuell belegt seien.

Nicht erfreulich sei die Situation auf der Intensivstation, bei der sich neun Mitarbeiter im Krankenstand befänden. Bis Montag hatte man drei von fünf OP-Sälen im Betrieb, seit Dienstag sei es noch einer, wobei ein zweiter im Notfall aktiviert werden könne. Wieland: „Wir gewinnen dadurch Personal, besonders aus dem Bereich der Anästhesie.“ Als weitere Konsequenzen von Covid-19 nannte der Geschäftsführer die Einschränkung des Besucherverkehrs auf der Palliativstation sowie den Einsatz von Bundeswehrsoldaten, die im Logistik-Bereich im Klinikum tätig seien.

39 Mitarbeiter des Pflegedienstes im Krankenstand

Auch über die Personalsituation hatte Wieland zu berichten. Im Bereich der Intensivpflege seien aktuell sechs Stellen offen, in der Normalpflege 8,5. Im Krankenstand befänden sich 39 Mitarbeiter des Pflegedienstes sowie acht des ärztlichen Dienstes. Von den 20 Absolventen der Pflegeschule würden fünf die Ausbildung wiederholen, zehn habe man übernommen und fünf hätten bei einem anderen Arbeitgeber eine Stelle angenommen. Zufrieden zeigte sich Wieland mit der Impfquote von 90 Prozent der Mitarbeiter, von denen keiner den genannten offenen Brief unterschrieben habe.

Schließlich sprach der Geschäftsführer die Reorganisation im Pflegemanagement an. „Wir sind in der glücklichen Lage, dass bei uns erfahrene Stations- und Bereichsleitungen arbeiten. Diese werden künftig viel eigenständiger werden und direkt an die Geschäftsführung und Klinikleitung angedockt sein.“ So könne eine Stationsleitung sich neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst aussuchen, nämlich diejenigen, die am besten auf die Station passen.