LICHTENFELS

Regiomed-Chefarzt: Krebsprävention nicht aufschieben

Regiomed-Chefarzt: Krebsprävention nicht aufschieben
Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind auch in Coronazeiten wichtig! Unser Archivbild enstand im evangelischen Krankenhaus Lutherstift im brandenburgischen Seelow, während bei einer Patientin im Zuge der Krebsvorsorge eine Darmspiegelung ausgeführt wurde. Foto: Patrick Pleul / dpa

Lichtenfels Ob Brust, Darm oder Prostata – Krebserkrankungen legen in einer Pandemie keine Pause ein. In Zeiten wie diesen werden jedoch Früherkennungsuntersuchungen und regelmäßige Gesundheits-Check-Ups von vielen Menschen aufgeschoben – auch im Raum Lichtenfels. Das Obermain-Tagblatt hat darüber mit Dr. Christof Lamberti, Chefarzt der Onkologie am Klinikum Coburg sowie Leiter des Onkologischen Zentrums bei Regiomed, gesprochen.

Obermain-Tagblatt: Herr Dr. Lamberti, es heißt, in Coronazeiten würden deutlich weniger Menschen zum Arzt gehen, da sie Angst haben, sich dort anzustecken. Trifft das Ihrer Erfahrung nach auch auf Krebsvorsorgeuntersuchungen in der Region Lichtenfels-Coburg zu?

Regiomed-Chefarzt: Krebsprävention nicht aufschieben
Dr. med. Christof Lamberti, Leiter des onkologischen Zentrums bei Regiomed. Foto: red

Dr. Christof Lamberti: Auch wenn verwertbare Zahlen noch nicht vorliegen, haben wir in Gesprächen mit Patienten definitiv festgestellt, dass viele Menschen in Sachen Vorsorgeuntersuchungen im vergangenen Jahr sehr zögerlich waren und es auch immer noch sind. In der internistischen Onkologie leisten wir ja vor allem Nachsorge bei Tumorpatienten, geben aber auch Vorsorgeempfehlungen, unter anderem im Rahmen unserer Sprechstunden am MVZ Lichtenfels. Hier sind immer wieder Bedenken zu hören, ob die empfohlene Früherkennungsuntersuchung jetzt tatsächlich notwendig sei oder man lieber doch noch warten könne.

„Es sollte jedem bewusst sein, dass eine Darmspiegelung im Alter von 50 oder 55 Jahren das Darmkrebsrisiko bereits um über 30 und das Sterberisiko um über 40 Prozent senkt.“
Dr. Christof Lamberti, Chefarzt der Onkologie Klinikum Coburg

Was raten Sie in so einem Fall?

Lamberti: Hier lässt sich je nach Situation pragmatisch arbeiten. Wenn jemand jünger, beschwerdefrei und nicht familiär vorbelastet ist, kann man schon sagen, dass die Vorsorgeuntersuchung nicht unbedingt in Corona-Hochzeiten erfolgen muss. Umgekehrt lässt sich bei familiärer Vorbelastung oder aus anderen dringlichen Gründen eine Früherkennung auch in Pandemiezeiten auf sicherem Wege umsetzen. Im Moment ist es einfach wichtig, dass wir hier keinen verlieren, denn der Mensch neigt dazu, Unangenehmes zur Seite zu legen. Vorsorge ist für viele eher etwas Negatives und wenn man einen Grund hat, dann geht man es auch nicht so stringent an. Das trifft vor allem bei Männern zu.

Das heißt, Frauen und Männer verhalten sich hier unterschiedlich?

Lamberti: Es gibt eine Studie, die besagt, dass verheiratete Männer länger leben. Und das ist auch so. Wir sehen das bei onkologischen Besprechungen und Therapieentscheidungen, wo die Ehefrauen viel stringenter agieren. Sie sind es oft, die ihren Mann dazu bewegen, zum Arzt zu gehen oder sich für eine bestimmte Therapie zu entscheiden. Das mag unter anderem daran liegen, dass Frauen schon sehr früh und auch regelmäßig gynäkologische Kontrollen wahrnehmen. Bei Männern geht das ja erst mit 45 bis 50 Jahren los.

Es ist immer eine gewisse Unlust vorhanden und bei einer Darmspiegelung beispielsweise spielen auch noch der Aufwand des Abführens und womöglich das Schamgefühl eine Rolle. Man kann und sollte hier aber gerade Männer immer wieder motivieren. Denn wir in der Onkologie sehen ja tagtäglich die Konsequenzen fortgeschrittener Tumorerkrankungen. Gerade bei Darmkrebs sind die Symptome oft erst spät oder gar nicht vorhanden und dann kann die Krankheit bereits fortgeschritten sein, wenn man es schleifen lässt.

Es sollte jedem bewusst sein, dass eine Darmspiegelung im Alter von 50 oder 55 Jahren das Darmkrebsrisiko bereits um über 30 und das Sterberisiko um über 40 Prozent senkt. Auch bei Menschen ohne Beschwerden ist deshalb die Vorsorge wichtig, damit man den Krebs rechtzeitig – also bevor Symptome auftreten – erkennt.

Nehmen wir einmal an, der Worst Case tritt ein und die Diagnose Krebs wird gestellt. Wie verhält es sich eigentlich mit der Versorgung von Krebspatienten in Coronazeiten?

Lamberti: Viele Praxen und Kliniken waren seit Beginn der Pandemie personell wegen Quarantänemaßnahmen oder Erkrankungen von Mitarbeitern limitiert. Hinzu kamen die geforderten Schutzmaßnahmen und Abstandregeln, so dass die Patientenzahlen zurückgefahren werden mussten.

In der Onkologie wiederum gab es Unterschiede was operative Eingriffe zum einen und die Chemo- und Immuntherapie zum anderen angeht. Letztere konnten und mussten nahezu unverändert fortgeführt werden. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wurden in Deutschland zu keinem Zeitpunkt keine onkologischen Operationen durchgeführt. Es gab und gibt aber nach wie vor Verzögerungen. Hier geht es ja nicht nur um den OP-Termin selbst, sondern auch um die notwendigen OP-Vorbereitungen und die anschließende intensivmedizinische Überwachung, die gerade bei sehr komplexen onkologischen Operationen wie beim Bauchspeicheldrüsenkrebs unabdingbare Voraussetzungen sind.

Schlechtere Heilungsschancen bei Verschiebung der Therapie

Wirkt sich eine solche Verschiebung nicht negativ auf die Prognose aus?

Lamberti: Das kommt auf den Tumor an. Es gibt eine kanadische Studie, die sich damit befasst hat, was passiert, wenn eine onkologische Therapie um vier Wochen verschoben werden muss. Das Ergebnis der Experten lautete, dass sich mit allen vier Wochen, die man schiebt, die Prognose um schätzungsweise fünf bis 15 Prozent verschlechtert. Die tatsächlichen Auswirkungen werden wir aber wohl erst in den nächsten Jahren zu spüren bekommen. Gleiches gilt für die ,Kollateralschäden‘, die durch eine verzögerte Behandlung oder eine zu spät wahrgenommene Früherkennungsuntersuchung entstehen. Hier ist aber noch wichtig zu sagen, dass die Prognose generell vom Stadium abhängt, also wie groß der Tumor zu diesem Zeitpunkt ist und ob er schon lokal in die Lymphknoten oder gar in andere Organe gestreut hat.

Es geht demnach nichts über eine regelmäßige Prävention, sowohl bei Männern als auch bei Frauen?

Lamberti: Richtig. Auch bei Frauen ist zu beobachten, dass nach den Wechseljahren der Wille zur Vorsorge oftmals abnimmt. Doch gerade Gebärmutter- oder Eierstockkrebs kommen eher bei älteren Frauen vor, weshalb auch hier die Prävention sehr wichtig ist. Natürlich gibt es auch Krebsarten, für die es keine Früherkennung gibt. Zu nennen sei hier der Lungenkrebs als weltweiter ,Tumorblockbuster‘. Um diesen zu vermeiden, kommt es vor allem auf den Lebensstil an und es wird empfohlen, gewisse Risiken wie Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel zu vermeiden. Natürlich wissen wir alle, dass gesunde Ernährung und Bewegung nicht der absolute Garant dafür sind, keinen Krebs zu bekommen. Regelmäßige Vorsorge wiederum spielt hier aber schon eine zentrale Rolle, wie sich auch an den Zahlen beim Dickdarmkrebs erkennen lässt, der in den letzten Jahren zurückgegangen ist – und das, obwohl nur ein relativ geringer Anteil, nämlich 30 bis 35 Prozent, die Darmvorsorge in Anspruch nimmt. Deshalb sollten diese Arten von Untersuchungen auch in Pandemiezeiten keinesfalls auf die lange Bank geschoben werden.

 

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