LICHTENFELS

Rechtssprechung in Lichtenfels im Mittelalter

Rechtssprechung in Lichtenfels im Mittelalter
Das Titelblatt der Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507 zeigt verschiedene Folterinstrumente und Hinrichtungsarten, di... Foto: Repro: Karlheinz Hößel

Eigentlich hat keiner gerne Konflikte mit dem Gesetz. Und doch muss so mancher vor Gericht erscheinen. Der moderner Rechtstaat versucht, hier allen Seiten gerecht zu werden und auch den Tätern ihre Würde zu lassen und ihnen eine Chance auf Resozialisierung zu geben. Diese Aspekte spielten in der Jurisdiktion des Mittelalters und der frühen Neuzeit keine Rolle. Dennoch gibt es auch durchaus verbindende Elemente wie die Öffentlichkeit der Verfahren und den Versuch, eine der Tat angemessene Strafe zu finden, wenn die auch nach unseren heutigen Maßstäben oftmals sehr drakonisch war.

In Lichtenfels gab es vor dem 19. Jahrhundert verschiedene Instanzen, die Recht sprechen durften. Die Stadt selbst, also der Bürgermeister und der Rat, verhandelten und entschieden minder schwere Fälle wie zum Beispiel Verstöße gegen die Sonntagsruhe und das Wasserrecht. Neben Geldstrafen kamen auch Haftstrafen im Bürgerturm oder die öffentliche Zurschaustellung am Pranger am Rathaus oder im „Narrenhäuslein“, einem frei schwingenden, hölzernen Käfig auf dem Kirchhof, zur Anwendung. Auch der „Schandkorb“ und dessen Eintauchen in den Mühlbach konnten zur Strafe verhängt werden.

Oberamtmann und Vogt vertraten den Bischof

Ging es um Strafen, die Leib und Leben betrafen, so war natürlich der Stadt- und Landesherr, der Bischof von Bamberg, die maßgebliche Instanz, der dieses Recht durch seine Beamten vor Ort, den Oberamtmann und den Vogt, wahrnehmen ließ. Das älteste Hochgericht oder Zentgericht hatte seinen Sitz wohl in Staffelstein, doch bereits unter den Meraniern erfolgte die Verlegung nach Lichtenfels, wo spätesten seit 1374 jährlich die drei hohen Gerichte abgehalten wurden.

Die rechtliche Grundlage dazu war seit 1507 die Bamberger Halsgerichtsordnung, die in diesem Jahr erlassen wurde. Ausgearbeitet hatte sie der bischöfliche Hofmeister Johann von Schwarzenberg. Wie die Vorschriften dieser Gerichtsordnung dann zur Anwendung kamen und ein Urteil gefällt wurde, berichtet das Lichtenfelser Amtsurbar von 1513.

Der Ablauf eines Gerichtstags: Personal und Vorbereitung

An dieser Stelle soll einmal nachgezeichnet werden, wie ein solcher Gerichtstag in Lichtenfels seit dem 16. Jahrhundert verlief. Es handelt sich dabei um ein minutiös vorgeschriebenes, genauen Regeln und Ritualen folgendes Geschehen.

Der „Schöpfen-Stuhl“, so die offizielle Bezeichnung für das ordentliche Gericht, tagte auf dem Marktplatz unter freiem Himmel bei der „Kretzen“ dem Marktbrunnen, dem Vorläufer des jetzigen Floriansbrunnens.

Den Vorsitz führte der vom Bischof eingesetzte Vogt, dem die Ratsherren der Stadt zur Seite standen und ebenso zwei Landschöffen aus dem Amt Lichtenfels. Diese Herren versammelten sich auf dem Rathaus, damals noch am Südrand des Marktplatzes gelegen. Dann wurde zu „Gericht geläutet“. Nach dem dritten Läuten, der offiziellen Eröffnung des Gerichtstages, zog man auf den Markt und nahm dort die durch Schranken definierten Plätze ein.

Ankläger und Henker holen den Angeklagten

Der Richter rief nun die Schöffen und auch den protokollierenden Gerichtsschreiber namentlich auf und ließ sie sich niedersetzen. Danach wurde auch der Henker, der sogenannte Nachrichter, vorgerufen. Der hatte die Aufgabe, zunächst zusammen mit dem Ankläger den Angeklagten aus dem Lochgefängnis (am Markt hinter dem ehemaligen Gasthaus „Zum Hirschen“) zu holen und zur Verhandlung zu bringen.

Auf dem Weg vom Gefängnis zum Verhandlungsort musste der Ankläger den Beschuldigten dreimal „beschreien“, das heißt, ihm die Anklage bekannt machen. Das geschah zum ersten Mal am Eingang zum Knopsberg-Weg, etwa in Höhe der späteren Stadtapotheke, dann vor dem früheren Schwalben-Haus, dem ehemaligen Kaufhaus Endres, und zum dritten Mal vor dem Pranger vorm Rathaus.

Das Brechen des Stabes macht das Urteil rechtskräftig

Nun begann der eigentliche Prozess, indem der Fürsprecher des Angeklagten, in moderner Diktion sein Verteidiger, um Gnade bat und vorbrachte, was für den Angeklagten sprach. Danach war die Reihe am Schreiber, der vortrug, auf welche Aussagen sich die Anklage stützte. Nach einer Phase der Beratung und Überlegung folgte die Urteilsverkündung mit der Formel „Der Angeklagte, so gegenwärtig vor diesem Gericht steht, sei seiner Übeltaten wegen mit dem Beil (oder am Galgen oder durch das Rad usw.) vom Leben zum Tode bestraft“.

Dieses Urteil wurde durch die Schöffen mit den Worten „Herr Richter, wie das Urteil verlesen worden ist, also ist die Strafe“ beschlossen. Daraufhin wurde noch bekannt gegeben, dass jeder, der versuchen würde, die erkannte Strafe zu vereiteln oder zu rächen, der gleichen Strafe verfalle. Mit dem Brechen des Stabes war das Urteil rechtskräftig und der Richter überließ den Verurteilten dem Henker mit den Worten: „Meister Caspar, ich befehle dir bei deinem Eid, das Urteil zu vollziehen!“

Das Hochgericht ist die Hinrichtungsstätte

Dann begaben sich die Beteiligten zum Hochgericht, der Hinrichtungsstätte nordöstlich des heutigen Friedhofs, wo es heute noch eine gleichnamige Straße gibt. Bevor man den eigentlichen Platz betrat, hielt der Zug noch mal an und der Gerichtsknecht rief warnend aus, dass keiner dem Scharfrichter etwas antun oder drohen solle, selbst wenn die Hinrichtung misslänge. Nach der Urteilsvollstreckung fragte dann der Henker noch mal beim Richter nach, ob er recht gerichtet habe, was dieser mit den Worten „So du gerichtet hast, wie Urteil und Recht ergeben hat, so lass ich´s dabei bleiben“ beantwortete.

Damit war das Schauspiel, das wohl auch immer viel Publikum anzog, beendet. Hingerichtete Verbrecher wurden dann auch gleich in der Nähe des Hochgerichts bestattet, ein ehrenvoller Platz auf dem Friedhof um die Kirche blieb ihnen versagt.

Todesstrafe wirkt nicht so abschreckend wie erhofft

Die erhoffte abschreckende Wirkung der Todesstrafe und anderer drakonischer Strafen war aber wohl nicht so groß, wie es zu erwarten wäre. Immer wieder musste der Scharfrichter aus Bamberg nach Lichtenfels kommen, um hier seines Amtes zu walten. So hielt er sich in den Jahren 1538 und 1539 mehrere Tage in der Stadt auf.

Rechtssprechung in Lichtenfels im Mittelalter
Die beim Prozess beteiligten Personen, Schöffen und der Henker, im Bild ganz hinten, wurden vom Vogt vor Beginn vereidig... Foto: Repro: Karlheinz Hößel

1538 ging es dabei um einen gewissen Caspar Hofmann, der schließlich in Lichtenfels mit dem Schwert hingerichtet wurde. Doch schon Tage zuvor war der Henker mit ihm beschäftigt. Die Rechnung, die er damals stellt, umfasst Verpflegungskosten, Schließgeld (Kosten für die Unterbringung des Gefangenen und dessen Bewachung), Fraggeld (Bezahlung für die „peinliche Befragung“, also die Folter) und die Gebühren für den Urteilsvollzug, die Hinrichtung selbst. Insgesamt erhielt er 16 Gulden 6 Pfund und 24 Pfennige, eine stattliche Summe!

Finanziell nicht schlecht gestellt, aber außerhalb der Gesellschaft

Viele der Scharfrichter waren finanziell nicht schlecht gestellt, nichtsdestotrotz galt ihr Beruf als „unehrlich“ und sie standen außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Auch ein anderer verdiente an dieser Hinrichtung, nämlich der „arme Hans“, der Mann, der den Verurteilten zur Richtstätte geleitete, ihm dabei gut zuredete und für einen reibungslosen Ablauf sorgte. Er erhielt für seine Dienste acht Pfennige.

Die Folter bestand häufig in der sogenannten „Bamberger Tortur“, die eine milde Form der „peinlichen Befragung“ darstellt. Sie kam zur Anwendung, wenn der Angeklagte zuvor nicht gestanden hatte und auch die Beweisführung unzureichend war. Willkürlich wurde sie nicht eingesetzt und eine Reihe von Personen, zum Beispiel Kinder, Schwangere und Behinderte, waren ausgenommen. Kam sie zur Anwendung, dann wurde der Delinquent mit dem Rücken auf einen Bock gefesselt und mit einer Rute oder Peitsche geschlagen.

Manche Täter werden auch in Bamberg hingerichtet

Schon im folgenden Jahr 1539 weilte der Scharfrichter wieder in der Stadt. Diesmal um einen Claus Bauer „peinlich“ zu befragen und anschließend mit Ruten zu schlagen. Bauer war kein unbeschriebenes Blatt. Bereits 25 Jahre zuvor, 1505, war er in Lichtenfels an den Pranger gestellt, mit Ruten geschlagen und des Landes verwiesen worden.

Aber nicht alle gefangenen Täter wurden in Lichtenfels selbst abgeurteilt. Viele von ihnen wurden nach einer gewissen Haft vor Ort und der Befragung und Folter nach Bamberg weitergegeben, wo dann ihr Urteil vollstreckt wurde.

Diese Art der Urteilsfindung und Bestrafung blieb für nahezu drei Jahrhunderte, bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts, gebräuchlich. Erst mit den Ideen der Aufklärung und den Vorstellungen allgemeiner Menschen- und Bürgerrechte änderte sich das Denken und damit auch die Praxis unserer Strafjustiz.

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