LICHTENFELS

Pflegekinder sind besondere Kinder

Statistisches Bundesamt zu "Familien in Deutschland - Ergebnisse des Mikrozensus 2006"
Pflegekinder bereichern das Leben der Familien, die sie aufnehmen. Foto: Frank Leonhardt

„Bauchmamas“, Biografiearbeit und Ausgrenzung für die Pflegekinder Lisa und Klara (alle Namen geändert) aus dem Landkreis Lichtenfels hatte Teil 1 unserer Serie zum Thema. Sie leben seit rund neun Jahren bei Familie Müller und können jederzeit Fragen zu ihrer Herkunft stellen. Sie besuchen die örtliche Schule und sind Mitglied in mehreren Vereinen. Dennoch kommt es oft zur Ausgrenzung – und das nicht nur von gleichaltrigen Klassenkameraden, sondern auch von Erwachsenen. „Kinder haben meist keine Berührungsängste, vielmehr die Erwachsenen“, beobachten die Pflegeeltern. Ein „Rucksack an Erfahrungen“, die kein anderer restlos verstehen wird können, und zugehörige Reaktionen der Kinder verdienen mehr Nachsicht.

Bitte um mehr Verständnis für Pflegefamilien

Frau Müller hat eine Bitte: „Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft, unsere Mitmenschen, gerade diese Kinder, die Pflegekinder aufnehmen und helfen so aufzuwachsen wie jedes andere Kind.“ Alle könnten ihren Beitrag dazu leisten: „Manchmal reicht schon ein Lachen oder eine Geste, die dem Kind Freude oder Liebe gibt. Verständnis für ihr Verhalten und Rücksicht bei Fehlverhalten. Es ist nichts schlimmer, als eine Ablehnung oder das Zurückweisen.“ Denn Trennungen haben Pflegekinder schon hinter sich. Diese sitzen tief im Unterbewusstsein und zeigen sich gerade dann, wenn Erlebtes wieder erlebt wird. Zu solchen und weiteren Themen betreut Nikolas Auer, Psychologe und Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, daher die große Tochter und die Eltern in Gesprächen.

Schon vor der Pflegschaft, aber auch während derselben werden die Pflegeeltern gut unterstützt: In Seminaren werden sowohl Theorie und die Hintergründe für solche Maßnahmen erörtert als auch ganz praktisch in Rollenspielen schwierige Situationen und Gefühlslagen nachgestellt: Themen wie „Biografiearbeit“, „Pubertät“ oder „Alkoholsyndrom“ sind ein fester Bestandteil des Programms. Aber auch: Welche Gefühle hätte ich, wenn ich die leibliche Mutter dieses Kindes wäre? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich einer Mutter ihr Kind „wegnehme“, das Kind vom Jugendamt aus der leiblichen Familie genommen wird?

Letzteres kann Frau Müller verneinen: Sie hat ihren beiden Töchtern eine neue Chance und Struktur im Leben gegeben. Da gehören nicht nur der regelmäßige Schulbesuch, Hobbys und Therapiegespräche dazu. Rituale rund um die Tierpflege im Garten oder die Gute-Nacht-Geschichte am Abend demonstrieren Sicherheit und Verlässlichkeit für die Kinder.

Viele Akteure helfen bei der Erziehung der Kinder

Auf der anderen Seite stehen hinter vielen Entscheidungen rund um die kindliche Zukunft mehrere Akteure. „Dass wir als Pflegeeltern nicht allein bei der Erziehung sind, war uns schnell klar. Im Gegensatz zu Familien mit leiblichen Kindern reden bei vielen Entscheidungen, die unsere Kinder betreffen, das Jugendamt mit dem jeweiligen Fachpersonal, das Gericht und natürlich die Bauchmama, die leiblichen Eltern, mit. Alle sind an der Erziehung des Kindes beteiligt“, sagt die Pflegemutter. „Für jede Situation gibt es Regularien. Soll das Kind getauft werden oder nicht, dürfen wir eine höhere Schule besuchen und viele andere Alltagsthemen müssen besprochen werden. Hilfepläne und Besuche bei uns daheim gehören zum Alltag. Das haben wir vorher gewusst.“

Mittlerweile fühlen sich die Pflegeeltern jedoch sicher in ihrem Status, dass die Mädchen auf Dauer zu ihnen gehören. „Wissen tut man es nie. Diese Gewissheit kommt mit den Jahren. Je länger sie hier sind, desto schwieriger wird es, sie zurückzuführen. Aber es kommt natürlich immer auf den Einzelfall an“, erzählt Herr Müller. Er und seine Frau sind mit sich längst im Reinen in Bezug auf ihre Rolle als Pflegeeltern: „Ich erinnere mich oft, dass mir fast die Tränen gekommen sind, als wir Lisa das erste Mal im Kinderheim besucht haben. Ich habe mich oft für meine Kinder gefragt: Was wäre, wenn wir nicht für sie da wären? Wo würden sie dann aufwachsen? Wie würden sich die Kinder entwickeln?

Wie präsent sind die leiblichen Eltern für Pflegekinder? Foto: pixabay

Fast alle Pflegekinder bringen ihr „Päckchen“ mit in die Pflegefamilie“, erzählt die Pflegemutter. Als sie ihre zweite Tochter Klara dort abgeholt haben, befanden sich einige der Kinder, die die Pflegemutter vor einem Jahr schon gesehen hatte, immer noch in der Einrichtung. „Bei allen Bemühungen, die die Einrichtungen leisten: Dieses Familiäre kann ein Heim gar nicht leisten.

Dennoch werden die beiden Mädchen nicht „verhätschelt“: Auch sie dürfen nur eine Stunde pro Tag am Tablet spielen, auch sie sollen ihren Teller nach dem Essen in die Küche räumen. „Liebevoll und konsequent erziehen“, betont Frau Müller. Ihre Familienmitglieder tragen drei verschiedene Nachnamen. Auch das sei nicht immer leicht: „Zugehörigkeit zur Pflegefamilie ist ein nicht zu unterschätzender Wunsch vieler Pflegekinder“, weiß der Pflegevater. Der Familienname spielt eine wichtige Rolle. „Sie wollen denselben Nachnamen wie wir. Für Kinder ist das auch ein Zugehörigkeitsgefühl. Lisa hat Ihren sogar mal in einem Zeugnis durchgestrichen“, erzählt Frau Müller.

Sie hat bisher zweimal die gesetzliche Elternzeit in Anspruch und anschließend Sonderurlaub genommen. Die Rückkehr in ihren alten Beruf steht an. In Zeiten von Home-Schooling auch eine Frage der Organisation. „Ich möchte das unter einen Hut bekommen. Ich hänge an meinem Beruf, aber ich möchte auch für meine Kinder da sein. Sie brauchen mich manchmal vielleicht öfter, als andere in ihrem Alter. Und ich möchte ihnen das geben, das für sie so wertvoll ist: Sicherheit und Zeit.“

Trotz aller Einschränkungen würden es die Pflegeeltern wieder machen

Denjenigen, die mit sich damit beschäftigen ein Pflegekind bei sich aufzunehmen, empfehlen Frau und Herr Müller vor allem: „Ehrlich zu sich selbst zu sein. Warum möchte ich ein Kind aufnehmen? Und sich bewusst machen, dass es besondere Kinder sind. Es wird anders im Vergleich zu anderen Familien werden – sowohl im Alltag, als auch in der Erziehung, bei der eben immer mehr Menschen beteiligt sind. Auf der anderen Seite können wir sagen: All unsere Einschränkungen und Entbehrungen sind es wert. Wir würden es wieder machen und wir sind unheimlich froh die beiden Kinder zu haben. Und dies ohne Wenn und Aber.“

Informationen über Pflegschaften gibt das Jugendamt des Landkreises Lichtenfels: Frau Bergmann-Gareis, Tel. (09571) 18 114, Zimmer E62) oder Frau Karp, Tel. (09571) 18 566, Zimmer 310.

Wie gestaltet sich das Leben mit einem Pflegekind?

Der Idealfall ist, wenn ein Kind in der Pflegefamilie seinen positiven Lebensmittelpunkt, in den Pflegeeltern seine Ersatz- beziehungsweise. sozialen Eltern findet und die Umgangskontakte mit den leiblichen Eltern ohne Störungen möglich sind.

Wenn alle Beteiligten – leibliche Eltern, Pflegeeltern und Jugendamt – zum Wohle des Kindes zusammenarbeiten, hat das Pflegekind eine reelle Chance, sich positiv und seinen Anlagen und Stärken entsprechend zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, die später in der Erwachsenenwelt berufliche Anforderungen, die eigene Bestreitung des Lebensunterhaltes und Krisen selbstbewusst und kritisch bewältigen kann.

Pflegeeltern leisten eine schwierige Aufgabe mit hohen Anforderungen. Mit der Aufnahme eines Kindes stellen sie ihr bisheriges Leben völlig um. Tagesabläufe können sich ändern, Beziehungen und auch Geschwisterkonstellationen müssen sich bewähren oder neu ausrichten.

Das Pflegekind darf nicht zum Außenseiter, sondern soll zu einem vollwertigen Mitglied der Familie werden.

Neben all den Anforderungen an Pflegeeltern darf nicht unerwähnt bleiben, dass Pflegeeltern mit den ihnen anvertrauten Kindern auch viel Freude haben und sie die Kinder als Bereicherung im familiären Kontext erleben. Die Fachkräfte im Pflegekinderwesen erleben im Austausch mit den Pflegeeltern mit, wie diese Entwicklungsfortschritte der Kinder begeistert miterleben und welch intensive emotionale Bereicherung Pflegeeltern und -kind durch spontane Glücksmomente miteinander erfahren.

Den Pflegeeltern gebührt hoher Respekt und Anerkennung für die mehr als wertvolle Arbeit.

Quelle: Sachgebiet Jugend und Familie im Landratsamt Lichtenfels

Voraussetzungen für Pflegeeltern

Pflegestellenbewerber werden vom Pflegekinderfachdienst des Jugendamtes umfassend informiert, beraten und in ihrer Eignung überprüft. Grundsatz ist es, für ein bestimmtes Kind die Pflegeeltern zu finden, die es mit seiner Situation und seinem Entwicklungsstand, seinen Stärken und Bedürfnissen sowie seinem Lebenshintergrund uneingeschränkt akzeptieren und annehmen können – und die sich den Anforderungen, die das Kind an sie stellt, gewachsen fühlen sowie dem Kind auch in schwierigen Phasen zur Seite stehen.

Zu Beginn eines Pflegeverhältnisses kann die weitere Entwicklung des Kindes (sozial, emotional, geistig, körperlich) nicht vorausgesehen werden. Von den Pflegeeltern ist daher ein hohes Maß an Flexibilität, Toleranz und Energie gefordert. Erfahrungen mit eigenen Kindern, eine positive Lebenseinstellung und Lebensfreude sowie ein gesundes Maß an Bodenständigkeit, Gelassenheit und eigener Lebenszufriedenheit können dabei sehr hilfreich sein.

Pflegeeltern sollten ferner Offenheit für Kontakte des Kindes zu seiner Herkunftsfamilie und für die Umsetzung dieser Kontakte – nach Absprache mit dem Jugendamt- mitbringen. Pflegekinder sind Kinder mit zwei Familien: der Herkunftsfamilie und der Pflegefamilie. Nur wenn sich jeder Teil dieses Systems mit den anderen Teilen arrangiert und diese akzeptiert, hat das Kind eine reelle Chance, mögliche Defizite auszugleichen, sich positiv weiterzuentwickeln und stabile Bindungen einzugehen.

Letztendlich sollten Pflegeeltern bereit sein, mit dem Jugendamt und weiteren Institutionen zum Wohle des Kindes zusammenzuarbeiten.

Quelle: Sachgebiet Jugend und Familie im Landratsamt Lichtenfels

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