LICHTENFELS

Pfarrerin Anne Salzbrenner über den Corona-Streit

Pfarrerin Anne Salzbrenner sorgt sich um den Riss in der Gesellschaft als Folge der Pandemie. Foto: Till Mayer

Die Kirchenaustritte schmerzen Pfarrerin Anne Salzbrenner am meisten. Genauer die, die sich auf ihre klare Haltung als Geistliche gegenüber den Corona-Rebellen am Obermain bezogen. „Das war schon hart und verletzend, welche Worte da gewählt wurden“, meint die Geistliche.

„Mir ist es als Pfarrerin wichtig, im Gespräch mit der Kirchengemeinde zu sein“, erklärt sie. Und da gibt es in Sachen Folgen der Pandemie so manches zu diskutieren. Vor allem, wenn die evangelische Kirche Trägerin von Kindergärten ist. „Nicht alle Mitarbeiter wollen sich zum Beispiel impfen lassen. Das ist ihr Recht. Aber ich will sie trotzdem auf die Wichtigkeit der Imfpungen zur Eindämmung der Pandemie hinweisen“, erklärt Salzbrenner.

Das leidige Thema der Selbsttests

Mit Eltern geht es um das leidige Thema der Selbsttests. „Da hat sich herausgestellt, viele Eltern lehnen nicht prinzipiell die Tests ab. Es geht ihnen darum, dass ihre Kinder ungern die Teststäbchen in der Nase haben wollen, und da schon mal Tränen fließen. Aber ein Spucktest, der wäre okay“, erklärt die Pfarrerin. „Aber die wiederum werden von staatlicher Seite nicht oder zu wenig ins Spiel gebracht. Warum ist mir ein Rätsel. Er ist laut Apotheker genauso zuverlässig“, sagt Anne Salzbrenner kopfschüttelnd.

„Ständig wechselnde oder nicht nachvollziehbare Verordnungen machen den Umgang mit der Pandemie nicht leichter“, kritisiert sie. Und fügt hinzu: „Und klar, darüber und über manche Maßnahme ist es gut, dass auch diskutiert wird.“

„Angst vor einer nicht gekannten Pandemie: Wie gut fühlt sich das erst mal an, jemandem zu glauben, der einfach sagt: Corona ist nur eine gewöhnliche Grippewelle.“
Anne Salzbrenner, Pfarrerin

Aber die Grenzen sind erreicht, wenn es in das Reich der Verschwörungstheorien geht. „Und da höre ich von Menschen aus der Kirchengemeinde plötzlich Dinge, von denen ich es nie erwartet hätte“, erklärt die Geistliche. Sie spricht in erster Linie nicht von denen, die die Gefahren durch das Corona-Virus geringer einschätzen. „Und das trotz all der Millionen Toten von Bergamo bis Brasilien. Das ist für mich schon wirklich schwer nachvollziehbar“, erklärt sie. Es geht aber vor allem um die, die vom Gechippt-Werden reden. Von der BRD GmbH, der Neuen Weltordnung und der mächtigen Pharmaindustrie, die sich die ganze Pandemie nur ausgedacht hat. „Und vom Antisemitismus, der jetzt wieder sein hässliches Gesicht zeigt“, erklärt Anne Salzbrenner. „Da kommt sie wieder daher, die alte Lüge vom Juden, der für alles Böse verantwortlich ist. Es ist unfassbar“, sagt Salzbrenner.

Die wirrsten Verschwörungstheorien

Neulich war sie bei einer Familie die ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion hatte. „Wir leben doch hier in einer Diktatur“, tönte es da der Pfarrerin im Rahmen einer Corona-Diskussion entgegen. „Ich dachte wirklich, ich verstehe die Welt nicht mehr. Die Älteren der Familie hatten eine Diktatur erlebt“, schüttelt Salzbrenner den Kopf. Warum sie meinen, in einer Diktatur zu leben, das hätten dann die Mitglieder der Familie auch nicht so recht auf den Punkt bringen können. „,Wegen der Ausgangssperre‘, hieß es letztendlich“, erklärt Salzbrenner.

„Menschen, die wirklich meinen, sie würden in einer Diktatur leben, denen stelle ich stets die Frage, wie sie darauf kommen. Einfach nur mit Argumenten dagegenhalten, das führt zu nichts“, ist sich die Pfarrerin sicher. Da lebe das Gegenüber längst in einer Parallelwelt. „Die einzige Chance ist es, dass die Person auf die eigene Widersprüchlichkeit ihrer Aussagen aufmerksam wird“, meint die Pfarrerin. Das geschieht selten genug.

Mit Sorge sieht sie, wie das Thema Freunde, Familien und die ganze Gesellschaft spaltet. „Das geschieht auch hier am Obermain. Offiziell haben wir hier keine Querdenker-Organisation. De facto ist es die gleiche Gemengelage aus AfD-lern, Reichsbürgern, Esoterikern und Impfgegnern – aber eben auch Menschen, die sich um die Einhaltung von Grundrechten Sorgen machen“, erklärt die Pfarrerin. „Wenn die Letztgenannten aber denken, sie könnten die Rechtsaußen unter Kontrolle halten, dann, befürchte ich, täuschen sie sich gewaltig. Es läuft genau anders rum. Sie bringen Antidemokraten voran, wenn sie mit ihnen Seite an Seite demonstrieren “, erklärt die Pfarrerin.

Über 300 Demonstranten brachten Corona-Gegner in Lichtenfels bei ihren Demos schon auf die Beine. „Auch wenn darunter viele Auswärtige waren, ist das für eine Kleinstadt wie Lichtenfels schon erschütternd“, sagt sie.

„Ich denke, viele Menschen sind in einer komplizierten Welt an immer einfacheren Antworten interessiert. Angst vor einer nicht gekannten Pandemie. Wie gut fühlt sich das erst mal an, jemandem zu glauben, der einfach sagt: Corona ist nur eine gewöhnliche Grippewelle. Fertig“, erklärt Anne Salzbrenner. Aber natürlich löse sich so keine Pandemie auf. „Was passiert, wenn nicht oder nur mangelhaft reagiert wird, das bekamen die Menschen zum Beispiel in Brasilien zu spüren. Und auch bei uns stieß das Gesundheitssystem an seine Grenzen“, fügt sie hinzu.

Eine Masse von schamlosen Lügen

„Was wirklich neu ist, ist die Masse von völlig schamlosen Lügen und Fake News“, sagt die Pfarrerin. Ein Grund, warum die Geistliche auch nicht mit den Querdenkern und Co. auf ein Podium will. „Da besteht einfach nicht die Möglichkeit zu prüfen, welche Behauptung der anderen Seite stimmt halbwegs oder ist schlicht gelogen.“ Wenn die Wahrheit gerne mal Alternativen haben darf, weiß die Pfarrerin, ist es leider hoffnungslos zu diskutieren.

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