LICHTENFELS

Oberfränkische Gewässer im Stress

Bei den „Hungerfelsen“ genannten Mainfelsen oberhalb der Brücke bei Schwürbitz ist deutlich zu erkennen, wie wenig Wasser der Main zurzeit führt, Foto: Horst Habermann

Die wochenlange Hitze und die fehlenden Niederschläge setzten der Gewässerwelt Oberfrankens zu. Die weiter abfallenden Grundwasserstände und niedrigen Abflüsse machen vielen Fischarten zu schaffen. „Das Leben in unseren Gewässern leidet zunehmend, viele Bäche sind bereits jetzt ausgetrocknet!“, schlägt Bezirkstagspräsident Henry Schramm Alarm. In einer Pressemitteilung des Bezirks ruft er zu vermehrten Anstrengungen beim Wasserrückhalt und Gewässerschutz auf.

Ein Blick auf die Niedrigwasser-Karten des Bayerischen Landesamtes für Umwelt zeigt die besorgniserregende Situation in Oberfranken. An den meisten regionalen Messstationen ist der Wert für den mittleren Tagesabfluss derzeit als sehr niedrig angegeben.

„Viele Jurabäche im westlichen Oberfranken sind bereits trocken gefallen oder stehen kurz davor.“
Dr. Thomas Speierl, Leiter der Fachberatung für Fischerei des Bezirks

„Viele Jurabäche im westlichen Oberfranken sind bereits trocken gefallen oder stehen kurz davor“, berichtet der Leiter der Fachberatung für Fischerei des Bezirks Oberfranken, Dr. Thomas Speierl. Er beobachtet die Situation mit Sorge und sieht im Hitzesommer 2015 eine Zäsur: „Seitdem stellen wir in vielen Bereichen rückläufige Abflüsse fest, vorrangig im Westen Oberfrankens trocknen viele Fließgewässer jedes Jahr wieder aufs Neue aus. Die Zeiträume mit Wasserführung werden zunehmend kürzer.“

Dies habe natürlich auch Auswirkungen auf den Fischbestand, eine mögliche Wiederbesiedlung und insgesamt auf die Artenzusammensetzung. Denn besonders an den großen Flüssen Regnitz und Main gehen durch die trocken gefallenen Zubringer wichtige Rückzugsräume für Jungfische und Laichgebiete verloren.

Die große Flüsse führen Niedrigwasser und sind viel zu warm

Gleichzeitig sinken die Pegelstände der großen Flüsse Sächsische Saale, Itz, Wiesent, Regnitz und Main in den niedrigen bis sehr niedrigen Bereich. Ein Alarmplan für den bayerischen Main wurde bereits aktiviert. Die Situation wird genau beobachtet, denn weiter rückläufige Abflüsse und hohe Wassertemperaturen bis zu 27 Grad erhöhen das Risiko von Fischsterben.

„Die Fischereiberechtigten vor Ort berichten bereits, dass sich die Artenzusammensetzung ändert“, so Speierl. Vor allem der Europäische Wels und die eingeschleppten Schwarzmeergrundelarten werden von der Situation begünstigt. „Für die an kaltes Wasser angepassten Arten wie Bachforelle, Äsche, Rutte oder Bachneunauge wird der Lebensraum jedoch zunehmend knapper“, berichtet er. Diese Arten tolerieren Wassertemperaturen bis etwa 18 Grad. Der Bezirksfischereiverein Coburg habe in diesen Tagen bis zu 25 Grad in ihren Forellenbächen gemessen.

Ohne Regen wird sich die Lage weiter verschärfen

„Ohne ausreichende Niederschläge in den kommenden Tagen wird sich die Lage weiter verschärfen“, ist sich der Fischereifachberater sicher. Da in diesem Jahr auch die südbayerischen Bezirke stark von der Trockenheit betroffen seien, sei fraglich, ob eine Unterstützung für die fränkische Main-Regnitz-Achse durch Wasser aus der Donau-Überleitung möglich ist.

Um die angespannte Lage in den Gewässern Oberfrankens zu lösen, steht die Fachberatung für Fischerei in engem Austausch mit den Wasserwirtschaftsämtern, Landratsämtern, Fischereiberechtigten und Teichwirten. An den Ausleitungsstrecken und Wasserkraftanlagen gilt es, die Rest- und Mindestwassermengen zu sichern, so die Fachberatung für Fischerei.

„Mangelndes Wasserangebot und die erhöhten Wassertemperaturen führen dazu, dass keine Forellen mehr gehalten werden können.“
Simon Abt, Leiter der Lehranstalt für Fischerei in Aufseß

Einen wichtigen Beitrag zum Wasserrückhalt in der Fläche leisten Fischteiche. Doch auch hier führt die Hitze zu Problemen. „Mangelndes Wasserangebot und die erhöhten Wassertemperaturen führen dazu, dass keine Forellen mehr gehalten werden können“, warnt Simon Abt, Leiter der Lehranstalt für Fischerei in Aufseß. Oft wird die Forellenteichwirtschaft daher auf einen Mischbetrieb oder Karpfenteichwirtschaft umgestellt. Warmwasserfische wie der Karpfen und Begleitfische wie die Schleie können auch mit niedrigem Sauerstoffgehalt und höheren Wassertemperaturen gut umgehen.

Mit Sorge beobachtet Abt jedoch, dass viele Teichwirte aufgrund verschiedenster Probleme, zum Beispiel mit dem Fischotter oder Kormoran, generell aufgeben. Denn Karpfenteiche können durch ihre Wasserflächen in der aktuellen Trockenperiode wichtige und wertvolle Ökosystemleistung liefern: Die Teichwirtschaft sorgt für einen Wasserrückhalt in der Fläche und hat einen wichtigen Effekt für die Grundwasserbildung. Zudem sind sie „Wasserspender“ für durstige Tiere und bieten auch vielen amphibischen Arten Lebensraum.

Ein bedeckter Himmel kann alles noch verschlimmern

Auch an den Baggerseen nehmen die Wasserstände kontinuierlich ab. Dort, wo keine Anbindung an den Fluss herrscht, und auch keine günstigen Anschlüsse an den Grundwasserstrom vorkommen, können Fische bei Sauerstoffmangel nicht in günstige Zonen ausweichen. Die zunehmenden Algenaufkommen zeigen vielerorts auch die Belastung der Baggerseen an. An einigen Gewässern laufen Pumpen und Umwälzanlagen, wie zum Beispiel am Baggersee Ebensfeld im Landkreis Lichtenfels, um ein Sauerstoffdefizit zu verhindern.

Auch ein Wetterumschwung mit bedecktem Himmel wäre kein Ausweg, berichtet Dr. Viktor Schwinger von der Fachberatung für Fischerei. „Nach einer längeren sonnigen Phase kann ein bedeckter Himmel das Fischsterben-Risiko in Baggerseen und anderen Stillgewässern erheblich erhöhen. Durch die reduzierte Sonneneinstrahlung ist die Photosynthese der Algen beeinträchtigt, was zu ihrem Massensterben führen kann.“ Die Folge wäre ein massiver sauerstoffzehrender Abbau der abgestorbenen Algenmasse, was wiederum das so genannte Umkippen und damit ein Fischsterben in Seen oder Teichen hervorrufen könnte.

Rücksicht nehmen auf die gestresste Fischwelt

„In der momentanen Situation müssen wir gemeinsam Sorge tragen für unsere Gewässer!“: Bezirkstagspräsident Henry Schramm an alle, Wasser zu sparen und den Garten generell mit Regenwasser zu gießen, statt das Wasser aus dem Fluss oder Bach zu entnehmen. Insgesamt müsse man im privaten, landwirtschaftlichen und kommunalen Bereich zukünftig mehr Wasser speichern, egal, ob im Teich, der Regenwasserzisterne oder im Rückhaltebecken.

Dr. Thomas Speierl weist zudem darauf hin, dass jeder, der Wasser aus einem Bach oder Fluss für einen landwirtschaftlichen Betrieb entnehmen will, eine Genehmigung des Landratsamtes benötigt. Ein naturnah gestaltetes Gewässer mit Ufergehölzsaum und tiefen Gumpen könne helfen, die Wassertemperatur dank Beschattung zu senken. Zudem sollten Erholungssuchende, Badende und Freizeitsportler Rücksicht auf die gestresste Fischwelt nehmen. (red)

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