LICHTENFELS

Norbert Jungkunz: Seelsorge auf Sicht

Pastoralreferent Norbert Jungkunz setzt sich für Arbeitnehmer ein. Foto: Red

Von „Seelsorge auf Sicht“ spricht Norbert Jungkunz, wenn er über seine Arbeit zu Zeiten von Corona spricht. Als Pastoralreferent steht er unter anderem Arbeitnehmern und ihren Vertretern zur Seite.

„Die vielbenutzte Redewendung ,Fahren auf Sicht' beschreibt treffend, wie sich Leben und Arbeit in der Betriebsseelsorge seit dem vergangenen Jahr anfühlt. Wie der Nebel zwingt die Pandemie die Geschwindigkeit des Lebens und der Wirtschaft herunterzufahren und sich vorsichtig, auf Abstand und der Situation angepasst zu verhalten. ,Fahren auf Sicht' kostet Kraft und Konzentration, Ablenkung ist da nicht zu gebrauchen. ,Fahren auf Sicht' fordert ein gutes Reaktionsvermögen und eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit. Schließlich geht es darum die Gesundheit zu schützen.

Natürlich haben wir im Team der Betriebsseelsorge, der Arbeitslosenberatung und der Konfliktberatungsstelle unser Unterstützungsangebot für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufrechterhalten. Allerdings hat sich die Arbeit verändert. Die aufsuchende Seelsorge, der Kontakt zu den Betrieben musste dem Gebot der Kontaktminimierung folgend reduziert werden. Dann mussten wir Abstand nehmen von Begegnungs- und Bildungsveranstaltungen, die dem Austausch, der gegenseitigen Stärkung und Orientierung von Erwerbslosen, Arbeitnehmern oder Betriebsräten dienten. Solche Begegnungsräume entstehen jetzt auf Internetplattformen und Online Meetings. Da spüre ich deutlich, dass ich noch viel dazulernen kann. Es finden mit Hilfe dieser Techniken Begegnungen statt. Personen können sich sehen und hören. Doch ersetzen diese die Wirkung und Vertiefung von Beziehungen nicht.

Seelsorge im Vier-Augen-Gespräch

Seelsorge im vergangenen Jahr findet häufiger im Vier-Augen-Gespräch statt. Konflikte oder Krisen werden zum Beispiel bei einem gemeinsamen Spaziergang beleuchtet und beraten. Gemeinsam auf dem Weg zum Staffelberg Lebensgeschichten zu teilen, nach Hoffnungen zu suchen, gibt den Personen nicht nur einen besonderen Rahmen, sondern auch eine große Würde und Nähe (trotz AHA Regel). Die Endlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens, die uns diese Krankheit vor Augen führt, lassen die Sinnfrage neu aufsteigen.

Die massiven Veränderungen in der Arbeitswelt, die diese Zeit prägen, treffen Menschen in ganz unterschiedlicher Weise. Manchen zieht es den Boden unter den Füssen weg. Sie verlieren Erwerbsarbeit und finden sich plötzlich bei der Tafel wieder. Solche Verunsicherungen erschüttern den Zusammenhalt in der Gesellschaft und machen die Betroffenen einsam.

Komplette Überforderung

Andere arbeiten in mobil von Zuhause aus und erleben die komplette Überforderung, weil sie mit dieser Entgrenzung von Arbeit und Privatleben nicht klar kommen. Es sind gerade Kinder aus den ärmeren Familien, die unter den Anforderungen des Homeschooling besonders leiden. Unternehmen haben „Homeoffice“ als Vorteil erkannt. Auch Beschäftigte entdecken gute Seiten daran, wenn „die Arbeit nach Hause“ kommt. Das Minus zeigt sich allerdings bereits im Verlust von Kollegialität und Zugehörigkeit.

Deutlich nehme ich auch die Veränderungen wahr, die nicht Folge der Pandemie sind. Die Entlassungen und Restrukturierungen in Unternehmen der Automotivbranche. Kurzarbeit hat Arbeitsplatzverluste verhindert. In den Arbeitslosenberatungsstellen der Katholischen Betriebsseelsorge zeigt sich aber, dass niedrige Löhne dazu führen, dass Menschen in der Kurzarbeit zusätzlich Hartz IV beantragen müssen.

Nach sozialer Gerechtigkeit fragen

Solche konkreten Erfahrungen in Beratung und Seelsorge machen mich vorsichtig. ,Fahren auf Sicht' heißt dann genau hinzuschauen, Unrecht wahrzunehmen und nach sozialer Gerechtigkeit zu fragen. ,Seelsorge auf Sicht' nimmt den Menschen wahr. Nach einem Jahr des Hoffens, der Enttäuschung, des Bangens und der Verunsicherung begegnen mir zunehmend dünnhäutige Menschen. Die Anfragen in der Beratungsstelle gegen Mobbing in Bamberg steigen. Häufig fehlt es Führungskräften an der Wertschätzung gegenüber dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin. Gerade in dieser Pandemie mit ihren Folgen sind die Wertschätzung und der Schutz der Beschäftigten unverzichtbar.

Ausdruck dieser Wertschätzung und Würde einer Belegschaft sind für mich die Betriebsräte. Dieses, meiner Ansicht nach, verkannte Ehrenamt wird von Frauen und Männern ausgefüllt, die in der Regel mit ganzer Kraft für die Interessen der Belegschaften eintreten. Gerade in der Pandemie hat sich diese demokratische Einrichtung in den Unternehmen bewährt. Schon aus Gründen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes muss ich die Beschäftigten in der Region auffordern in den Unternehmen zusammenzustehen und Betriebsräte zu wählen.

Starke Zeichen der Solidarität

Vor einem Jahr waren in der Öffentlichkeit starke Zeichen der Solidarität mit den Beschäftigten in den Pflegeheimen und Krankenhäuser wahrzunehmen. Doch hat diese Corona Krise die Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen und die Entwertung der Arbeit in systemrelevanten Berufen zugunsten der Kapitalinteressen entlarvt. Immer wieder sind es die Gewerkschaften des DGB gewesen, die diese Fehlentwicklungen angeprangert und Alternativen eingeklagt haben. Diese Gewerkschaften sind die treibenden Kräfte im Einsatz für soziale Gerechtigkeit und für die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Das Motto zum 1. Mai 2021 ,Solidarität ist Zukunft' macht mir Hoffnung. Eine gute Zukunft für alle ist nur durch ein Verhalten möglich, dass das Gemeinwohl in den Blick nimmt. Da kann jede und jeder sich überlegen, was er dazu beitragen kann, dass die Zukunft, die schon heute beginnt, gut wird. Auch frage ich mich, welche Kräfte die Solidarität in unserer Gesellschaft stärken und welchen Rückhalt diese Kräfte benötigen.

An dieser Tatsache, dass wir diese Pandemie nur gemeinsam bewältigen können, hat sich auch nach einem Jahr nichts geändert. Das gilt lokal, regional, global und über alle sozialen Schichten hinweg. Solidarität ist gefragt. Gerechtigkeit ist gefordert. Das gilt sowohl für die Folgen der Klimakrise, als auch für die Überwindung der Pandemie. Werden die Gewinner dieser Zeit ihren Beitrag zum Gemeinwohl in der Zukunft leisten?

Stärkung der Arbeitnehmer und Arbeitslosen

Für mich und die Kolleginnen und Kollegen in der Betriebsseelsorge gehört die Stärkung der Arbeitnehmer und Arbeitslosen in dieser Zeit zu unserem kirchlichen Auftrag. Wir verstehen uns, mit den Worten unseres verstorbenen Kollegen Josef Motschmann formuliert: „Zwoa zwische alla Schdüll, obe mid an fesdn Buedn unde di Füüß, dä scho zwaadausend Joah old is“.

Wir unterstützen Ratsuchende unabhängig von Konfession und kostenlos. Unsere Beratungsstellen sind unter www.arbeitnehmerpastoral-bamberg.de zu finden.“

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