LICHTENFELS

Neue Straße in Lichtenfels: Sofie-Seliger-Weg hält Erinnerung wach

Neue Straße in Lichtenfels: Sofie-Seliger-Weg hält Erinnerung wach
Mit vereinten Kräften etwas bewirkend: Meirat Reon, Annemie Dietz und Peter Dietz. Foto: Markus Häggberg

Es gibt eine neue Straße in Lichtenfels: Sie heißt Sofie-Seliger-Weg. Doch der Weg, der zu dieser Straße führte, begann mit dem Tode jener Sofie Seliger. Am Sonntagmorgen kam es anlässlich der Einweihung zu rührenden Szenen unter den Augen vieler.

Neue Straße in Lichtenfels: Sofie-Seliger-Weg hält Erinnerung wach
Ergriffen und dankbar sprachen Meirat Reon und ihr Bruder Avnar Seliger von dem Akt, der ihrer Urgroßmutter zu Ehren sta... Foto: Markus Häggberg

Avner Seliger und Meirat Reon sind Geschwister. Für diesen Tag, diese Stunde und dieses Ereignis kamen sie aus Haifa angereist, denn ihre Großmutter sollte eine Würdigung erfahren. Doch, sie wussten von ihrer Großmutter, aber sie wussten nicht eben viel. Jetzt gibt das Schild in drei Meter Höhe über ihren Köpfen Auskunft: „Sofie Seliger (1881-1938), Ehefrau des Lehrers der jüdischen Gemeinde von Lichtenfels, Arnold Seliger. Opfer nationalsozialistischer Gewalt während der Novemberpogrome 1938.“ Ihr zu Ehren und im Beisein ihrer Urenkel kam es um 9.30 Uhr zu einer Gedenkfeier.

Kamerateams aus New York und des Bayerischen Rundfunks waren vor Ort

Der Sofie-Seliger-Weg ist eine Abzweigung der St.-Veit-Straße. An die Diktatur des Dritten Reichs erinnert hier nichts. Links und im Rücken des Weges gibt es einen kleinen Park und rechts des Weges Wohnblock-Architektur des 21. Jahrhunderts.

Neue Straße in Lichtenfels: Sofie-Seliger-Weg hält Erinnerung wach
Das Ehepaar Annemie und Peter Dietz war eine treibende Kraft hinter der Wegbenennung. Meirat Reon ließ es sich nicht neh... Foto: Markus Häggberg

Doch gegen 9.20 Uhr füllt es sich hier: Bürgermeister Andreas Hügerich ist da, Landrat Christian Meißner ebenso, man trägt gedeckte Farben. Stadträte sind gekommen, Stadtarchivarin Christine Wittenbauer gleichfalls, überdies Kirchenvertreter und auch Gymnasiallehrer Manfred Brösamle-Lambrecht, seines Zeichens ein Begleiter eines Schülerprojektes, bei dem vor Jahren nach dem Verbleib einstiger jüdischer Mitbürger geforscht wurde.

Weil das Thema Wellen bis nach New York schlug, war auch ein New Yorker Kamerateam vor Ort, ein größres Presseaufkommen sowie auch der Bayerische Rundfunk. Doch es kam nicht zu Getöse und Auflauf. Es wurde gedämpft gesprochen. Und immer wieder war da die Besonderheit von Avner und Meirats Anwesenheit.

„Es ist eine große Ehre,

dass der Urenkel und

die Urenkelin von Sofie Seliger heute unter uns sind.“

Andreas Hügerich, Erster Bürgermeister

„Es ist eine große Ehre, dass der Urenkel und die Urenkelin von Sofie Seliger heute unter uns sind“, erklärte in seinen Begrüßungsworten dann auch Andreas Hügerich. Er erklärte den Gästen, dass im Stadtrat „gleich klar war, dass es hier für diesen Weg nur einen Namen geben kann“. Sofie Seliger, so das Stadtoberhaupt weiter, sei „nicht nur ein Name, sondern die Geschichte von einem Menschen, der jeden Tag in unserer Stadt etwas erlebt hat“.

Dann berichtete Hügerich von Briefkorrespondenzen der Seligers, in denen die Repressalien gegen sie besonders gegenwärtig geworden seien. Christian Meißner sollte später angesichts dessen hervorheben, dass sich der „Holocaust nicht irgendwo abgespielt hat, weit weg von hier (…), denn die Täter waren unter uns“.

Neue Straße in Lichtenfels: Sofie-Seliger-Weg hält Erinnerung wach
Auch der Bayerische Rundfunk war vor Ort, Szenen einer Begegnung einzufangen. Foto: Markus Häggberg

Es waren Lichtenfelser Täter, die Sofie Seliger wohl auch mit Messern traktierten. Und es war eine NS-Behörde, die lapidar von Selbstmord sprechen sollte. Wegen Mangels an Beweisen musste nach dem Krieg eine Anklage fallengelassen werden.

Spontane und herzliche Umarmung: Dank an das Ehepaar Dietz

Doch neben all den offiziellen Worten waren es auch die unerwarteten Momente, die das Ereignis formten. Da wäre die Begegnung der Urenkel mit dem Ehepaar Peter und Annemie Dietz gewesen, zwei aktiven Befürwortern der Wegbenennung. Es kam zu einer Umarmung in aller Herzlichkeit und in aller Natürlichkeit.

Noch eine bewegende Begegnung

Doch da kam es zu noch einer weiteren Begegnung, derjenigen, mit der heutigen Bayreuther Studentin Vera Deinlein, die schon 2016 im Bambergischen eine Seminararbeit über Seligers schrieb. Auch sie stand unter dem Wegschild und wurde von Avner Seliger und Meirat Reon mit freundlichem Staunen ins Gespräch gezogen.

Neue Straße in Lichtenfels: Sofie-Seliger-Weg hält Erinnerung wach
Das enthüllte Straßenschild. Foto: Markus Häggberg

„Ich kann es gar nicht fassen, dass es passiert“, so die 22-Jährige über die Verwebung von Geschichte, Realtität und Freundlichkeit. Und dann erinnerte sie sich: „Avnar hat mit seiner Frau zu Abend gegessen und zusammen gegoogelt und meine Seminararbeit online entdeckt. Er hat mich auch kontaktiert.“

Wohl eine Stunde lang blieb man vor Ort. Und der Höhepunkt des Ganzen bestand darin, dass Meirat Reon unter Mithilfe des Ehepaars Dietz und Christine Wittenbauer die Abdeckung über dem Straßennamen abzog. Wenig später fand sich das Geschwisterpaar unweit der ehemaligen Synagoge wieder, jenem Ort, an welchem vor Jahren zum Gedenken an ihre Urgroßeltern „Stolpersteine“ in den Boden eingelassen worden waren.

 

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