LICHTENFELS

Neue Serie: Familiennamen am Obermain

Marktgraitz, gesehen vom Berglein aus. Schon frühe Überlieferungen belegen hier einen Schwerpunkt des Familiennamens Seubold. Foto: Roland Dietz

Wer hat sich nicht schon mal gefragt, woher sein Familienname stammt, was er bedeutet? In dieser neuen Reihe werden einige Beispiele des Obermain-Gebietes vorgestellt und ihre Herkunft erklärt.

Ursprünglich hatte jede Person nur einen Namen, der dann etwa durch Nachbenennung auf den Sohn überging. Die Eltern konnten aber für die Namen ihrer Kinder auch die Bestandteile ihrer eigenen Namen neu kombinieren. Ein Ehepaar Kunimund und Adelgunda etwa konnte dann Kinder namens Kunigunda und Adelmund haben.

Im elften Jahrhundert werden christliche Namen modern

Diese germanische Bildungsweise aber starb im neunten beziehungsweise zehnten Jahrhundert ab. Lediglich durch Nachbenennung erhielt sich ein gewisser Teil dieser altdeutschen Namen. Zusehends wurden sie durch christliche Namen wie Martin, Andreas oder Markus verdrängt, die sich später übrigens zu den Familiennamen Martin/Mertel/Merz, Endres und Marx entwickelten. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Heiligenverehrung.

Durch die allmähliche Reduktion altdeutscher Namen und häufigere christliche Modenamen wurde aber eine Unterscheidung von gleichnamigen Personen in den Märkten und Städten schwierig. So setzte sich vom elften bis 13. Jahrhundert allmählich von Italien und Frankreich kommend die Sitte der Bei- und Familiennamen durch. So gab es dann etwa einen Ullrich, genannt der Schmied, und Ulrich von Kranach beziehungsweise der Kranacher (= Kronacher).

Mehrere Träger des selben Namens machen Beinamen nötig

Wenn ein solcher Beiname vererbt und für eine Familie zur Kennzeichnung fest wurde, spricht man von einem Familiennamen. Dieser Prozess lässt sich für Bamberg bereits im zwölften Jahrhundert nachweisen, das Umland hinkte dieser Entwicklung etwas hinterher. Begünstigt wurde dieser Prozess durch die Bevölkerungszunahme vor allem in den Zentren, die im Zuge des Klimaoptimums vom elften bis 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte.

Um 1300 trugen nahezu alle Bevölkerungsteile einen Familiennamen, wie man aus den frühen Lehen- und Zinsbüchern ersehen kann. Im 14. Jahrhundert ist dieser Prozess der Familiennamenbildung dann auch weitestgehend in den ländlichen Randzonen abgeschlossen.

Der Name Seubold hat sich am Obermain über Jahrhunderte erhalten

Typologisch gibt es nun mehrere Gruppen von Familiennamen. Eine große Gruppe sind solche, die nach dem Beruf oder der Herkunft benannt wurden. Darunter fallen solche, die auch heute noch durchsichtig sind wie die Berufsnamen Fischer, Wagner und Schmitt (= Schmied) oder der Herkunftsname Motschenbacher.

Der Familienname Seubold gehört nun zur Gruppe der Familiennamen, die aus ursprünglichen Rufnamen entstanden sind. Er ist also der seltenen Gruppe von Familiennamen zuzuordnen, die auf der ursprünglichen Einnamigkeit beruhen und sich durch Nachbenennung in einem Siedlungsareal über Jahrhunderte erhalten haben, bis sie zu Familiennamen erstarrten.

Zu dieser Gruppe gehören etwa drei Prozent der insgesamt etwa 250 000 Familiennamen in Deutschland. Der Name Seubold ist heute vorzugsweise im Landkreis Lichtenfels verbreitet, aber auch in den Landkreisen Kronach und Coburg zu finden (insgesamt 36 Telefonanschlüsse, Stand 2004).

In der Region häufig, landesweit dagegen selten

Vermutlich leben in diesem Raum etwa 120 Namensträger. Er ist damit in der Region relativ häufig, landesweit jedoch selten anzutreffen. Die frühe Überlieferung des Familiennamens im Staatsarchiv lässt einen Schwerpunkt um Marktgraitz erkennen. Der älteste Nachweis ist allerdings zu Schönsreuth bei Lichtenfels zu finden: Schönsreuth: 1479 Claus Seybolt zu Schenßrewt (StABa: A.231/IV, Nr.38599, f.6?), Marktgraitz: 1514 Contz Seubolt (StACo: LA E 60, f.83), Trainau: 1555 Contz Seubolt (StABa: Stb.721, f.186?), Mannsgereuth: 1555 Fritz Seubolt (StABa: Stb.721, f.187).

Auch in der Fränkischen Schweiz erscheinen frühe Belege im Untertanenbuch des Hochstifts Bamberg, jedoch ist der Name dort heute ausgestorben: Rüssenbach: 1555 Hanns Seubolt, Claus Seubolt (StABa: Stb.721, f.30?, f.31), Seelig: 1555 Heintz Seubolt (StABa: Stb.721, f.360).

Von Seubold und Seibold über Seibolt zu Sigibald

Wie aber ist nun der Name zu deuten? Nun, die etwas infantile Vermutung, der Name habe etwas mit Wildschweinen zu tun, ist ins Reich der Volksetymologie zu verweisen. Wie man schön am ältesten Beleg erkennen kann, lautete der Familienname einmal Seibolt. Die lautliche Veränderung hin zu Seubold ist mundartlich bedingt – genauso wie etwa im Dialektwort „bfeufm“ für „pfeifen“ oder „Pfeife“. Die Namensvariante Seibold taucht im Landkreis Bamberg 34 Mal und im Landkreis Lichtenfels sechs Mal auf.

Deutlich zu sehen: Seubold kommt im Landkreis Lichtenfels besonders häufig vor. Foto: Joachim Andraschke

Seubold/Seibolt basiert auf dem germanisch-frühdeutschen Personennamen Sigibald „der Siegkühne“. Dieser Name liegt übrigens auch dem Ortsnamen Seubelsdorf zugrunde, der im Jahre 1143 als Sigeboltestorf überliefert ist.

Der Rufname Sigibald ist bereits seit dem frühen sechsten Jahrhundert bezeugt (vgl. Ernst Förstemann: Altdeutsches Namenbuch. Die Personennamen. Bonn 1900, Sp.1320). Erwähnenswert sind etwa der heilige Sigisbald (geboren um 460), Bischof von Sées (Frankreich), dann Sigebald, um 716 Bischof von Metz, und ein adliger Sigibald, der seinen umfangreichen Besitz in der Pfalz dem Kloster Weißenburg im Elsass schenkte.

Frühe Verbreitung im westfränkischen Reichsgebiet

Die frühe Verbreitung des Rufnamens Sigibald im westfränkischen Reichsgebiet macht es wahrscheinlich, dass der einstige Namensträger einer jener Franken war, die im späten sechsten und siebten Jahrhundert das Obermain-Gebiet besetzten.

Dies passt auch vorzüglich zur Einordnung des Dorfnamens Seubelsdorf, der sich damit in die ältermerowingerzeitliche Siedlungskammer Staffelstein – Seubelsdorf – Lichtenfels (mit frühfränkischem Zentsitz) einreiht.

Die Familiennamen Seubold und Seibold sind damit als Namensfossilien der ersten Generation von Westfranken im Obermain-Gebiet anzusehen.

Zur Person

Dr. Joachim Andraschke (mittlerer Kaulberg 51, 96049 Bamberg) ist freiberuflicher Namenforscher, Historiker und Genealoge.

Jüngst ist eine Festschrift „950 Jahre Ersterwähnung Marktgraitz“ aus seiner Feder erschienen. Vergangenes Jahr veröffentlichte er ein Buch zur Geschichte der Slawen in Oberfranken und 2016 seine Dissertation zu den germanisch-frühdeutschen Ortsnamen des Regnitz- und Obermaingebietes. Die Bücher sind bei ihm privat erhältlich (https://andraschke.de). Darüber hinaus erstellt er private Stammbäume und Familiennamengutachten.

Für sein Engagement für die fränkische Landeskunde (Vortragswesen, Veröffentlichungen, Ehrenamt), die er einem breiten Publikum bekannt macht, ist er 2019 mit dem Preis des Frankenbundes geehrt worden. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte liegen bei den Themen „Burgunder in Franken“ und „sakrale Namen in Franken unter anderem mit Bezug zu heidnischen Götternamen und Kultplätzen“. Wem ein Sponsoring dieser Forschungsvorhaben vorstellbar ist, darf gerne Kontakt aufnehmen, zumal außerhalb der universitären und staatlichen Einrichtungen solche Forschungen finanziell kaum gefördert werden.

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