LICHTENFELS

Neue Arbeitswelt am Obermain: Wie Corona „New Work“ beschleunigt

Neue Arbeitswelt am Obermain: Wie Corona „New Work“ beschleunigt
So sieht die neue Arbeitswelt bei vielen Arbeitnehmern im Landkreis aus: Svende Böhm, Mitarbeiterin im Bereich Handel & Marktplatz bei Baur, spart sich nicht nur das Pendeln zwischen Lichtenfels und Weismain, sondern profitiert auch von der Flexibilität, die das Home Office für d... Foto: Baur-Gruppe

Es ist ein Megatrend, der bereits vor der Corona-Pandemie in vollem Gange war und jetzt beschleunigt wird. Die Rede ist von „New Work“, sprich einem grundlegenden Wandel der Arbeitswelt, bei dem es um mehr Flexibilität sowie neue Führungs- und Organisationsformen geht. In Zeiten der Digitalisierung, Globalisierung und des demografischen Wandels heißt es für Unternehmen, klassische Konzepte von Arbeit neu zu denken, beispielsweise was die Beziehung von Arbeitsort und Arbeit angeht.

Dass Präsenz und Leistung durchaus getrennt voneinander betrachtet werden sollten, dürfte vielen Firmen spätestens seit Beginn der Coronakrise bewusst geworden sein und ist auch jetzt, mitten im harten Lockdown relevanter denn je. Im Fokus steht dabei vor allem der Aspekt Home Office und die damit verbundenen Herausforderungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Ein Blick auf die Lage im Landkreis Lichtenfels zeigt jedenfalls, dass es hier durchaus Vorreiter gibt, die den Wandel hin zu einer flexibleren Arbeitswelt dank Weitsicht und der richtigen Infrastruktur bislang gut meistern konnten.

Die Baur Gruppe hat die Weichen rechtzeitig gestellt

Bei der Baur Gruppe in Burgkunstadt hat man bereits im Jahr 2015 angefangen, die Art der Zusammenarbeit neu zu gestalten und die Weichen für „New Work“ zu stellen. Wie Pressesprecher Stefan Gagel betont, sei das Unternehmen schon immer für Home Office aufgeschlossen gewesen: „Nahezu alle Mitarbeiter, die aufgrund ihrer Aufgabenstellung mobil arbeiten können, wurden mit der passenden Technik ausgestattet und können von daheim auf die Unterlagen zugreifen.“ Seit Beginn der Pandemie sei das nun für den Großteil der Belegschaft in den Bereichen Customer Service, Marketing, Personalwesen und Controlling – insgesamt etwa 1500 Mitarbeiter – der Fall. Und das funktioniere erstaunlich gut.

Von der Belegschaft kommt überwiegend positives Feedback, auch wenn vielen der soziale Kontakt zu den Kollegen fehle. Svende Böhm beispielsweise ist Mitarbeiterin im Bereich „Handel & Marktplatz“ und hat vor Corona nur hin und wieder von daheim aus gearbeitet. Mit Beginn der Pandemie hat sich das radikal verändert: „Seit Frühjahr 2020 bin ich fast dauerhaft daheim. Das ist jetzt quasi der neue Standard. Und es klappt auch ausgesprochen gut, da die Technik reibungslos funktioniert und sich mein Team super im Home Office zurecht findet. Nur ab und an hakt mal die Internetverbindung.“

Sie weiß die gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu schätzen, vermisst aber auch den Austausch mit Kollegen aus anderen Abteilungen. „Das können auch virtuelle Treffen am Feierabend nicht vollständig ersetzen“, so die 28-Jährige.

Weitsicht sowie passende Ausrüstung wichtig

Ebenfalls gut vorbereitet war man auch bei der IBC Solar AG in Bad Staffelstein. „Unsere IT-Abteilung war sehr umsichtig und hat bereits vor der Corona-Pandemie zusammen mit der Personalabteilung und dem Vorstand eine Strategie entwickelt, um unseren Mitarbeitern ortsunabhängiges Arbeiten zu ermöglichen“, erklärt Julius Möhrstedt, Assistent des Boards.

Für den „modernen Arbeitsplatz der Zukunft“ brauche es natürlich auch die passende Infrastruktur, was unter anderem bei der Anschaffung von Soft- und Hardware berücksichtigt wurde. Das heißt, statt Desktop-PC setzte man auf Laptops, statt klassischer Telefonanlagen mit Hardware-Telefonen auf sogenannte Softphones und Voice-over-IP, so dass Mitarbeiter ganz einfach via Notebook oder PC mit einem Headset telefonieren können.

Binnen zwei Tagen wechselten 250 Mitarbeiter ins Home Office

Wie Julius Möhrstedt ebenfalls anmerkt, wurde die Entwicklung hin zum mobilen Arbeitsplatz durch Corona massiv beschleunigt. Im Frühjahr 2020 habe man es binnen zwei Tagen geschafft, dass über 250 Mitarbeiter ins Home Office wechseln konnten, also gut 80 Prozent der Belegschaft des Bad Staffelsteiner Standorts.

Neue Arbeitswelt am Obermain: Wie Corona „New Work“ beschleunigt
Digitale Team-Meetings gehören bei der IBC Solar in Bad Staffelstein mittlerweile zum Alltag – die Teamleiter legen Wert... Foto: IBC Solar AG

„Natürlich mussten sich die Prozesse erst einmal einspielen und waren auch mit Herausforderungen verbunden, zum Beispiel bei der bereichsübergreifenden Umsetzung“, so Möhrstedt weiter. „Doch wir haben mit Freude feststellen dürfen, dass die Loyalität innerhalb unserer Belegschaft sehr groß ist. Jeder hat mit angepackt und dazu beigetragen, dass es funktioniert, zum Beispiel indem digital affinere Kollegen entsprechende Unterstützung in ihren Teams geleistet haben.“

Chancen und Grenzen der neuen Arbeitswelt

Ob Weiterbildungen, Tagungen, Betriebsfeiern, die Einführung neuer Mitarbeiter oder auch Kundengespräche – vieles läuft bei Firmen am Obermain mittlerweile ausschließlich digital ab. Damit sind durchaus Vorteile verbunden, wie Peter Dechant, Geschäftsführer der Dechant GmbH erklärt: „Bei uns waren immer wieder Gespräche in ganz Deutschland angestanden, zu denen gereist werden musste. Dies entfällt jetzt zum größten Teil. Meine Jahresfahrleistung hat sich im Jahr 2020 von 50 000 auf 25 000 Kilometer halbiert.“

Doch wie er ebenfalls betont, betreffen diese Ersparnisse nur sehr wenig Mitarbeiter, da die meisten für ihre Arbeit vor Ort sein müssen. Dies sei coronabedingt mit erheblichen Mehraufwendungen aufgrund erhöhter Hygieneauflagen verbunden.

Auch bei der Werkzeugbau Siegfried Hofmann GmbH (Lichtenfels) gehören Videokonferenzen mittlerweile für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Alltag. „Das ist eine Entwicklung, die wir ehrlicherweise so vor einem Jahr noch nicht vorhergesehen haben“, so Pressesprecher Bastian Wild. Als produktionslastiges Unternehmen sei Homeoffice jedoch nicht in allen Bereichen möglich, weshalb der Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter höchste Priorität habe. „Wir haben dafür gesorgt, dass überall die Mindestabstände eingehalten werden können und ausreichend Möglichkeiten zur Reinigung und Desinfektion vorhanden sind.“

Arbeitnehmer profitieren vom papierlosen Büro

Interessante Einblicke in die neue Arbeitswelt gibt es auch von Arbeitnehmerseite. So sitzt beispielsweise der Arbeitgeber von Matthias Knitt nicht etwa im Raum Lichtenfels oder gar Oberfranken, sondern in Duisburg und München. Der IT-Consultant ist an fünf von fünf Tagen im Home Office tätig. „Die infrastrukturellen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit von zu Hause aus wurden bei uns schon frühzeitig geschaffen“, berichtet er. „Die Vorteile sind auf jeden Fall die wegfallenden Fahrzeiten und in den meisten Fällen eine bessere Konzentration, weil man ungestört arbeiten kann, ohne ständig unterbrochen zu werden“, so der 31-Jährige. Als ebenfalls positiv empfindet er zudem die Umstellungen von Training und Schulungen, die jetzt über eine Online-Plattform stattfinden.

Welche Vorzüge das „digitale Büro“ hat, weiß auch Ralf Hirle aus Michelau zu schätzen, der bei einem Immobiliendienstleister in Bamberg als Vertriebsleiter tätig ist. „Wir arbeiten zu 99 Prozent papierlos und sind technisch gut aufgestellt, so dass die Umstellung auf das mobile Arbeiten kein Problem war“, erläutert Hirle. Und fügt hinzu: „Es ist vor allem für Pendler einfach genial, wie viel Zeit man sich spart, die man dann produktiv zu Hause nutzen kann – natürlich nur, wenn die Voraussetzungen wie schnelles Internet, passende Räumlichkeiten und auch Ruhe vorhanden sind.“

„Es ist vor allem für Pendler einfach genial, wie viel Zeit man sich spart, die man dann produktiv zu Hause nutzen kann – natürlich nur, wenn die Voraussetzungen wie schnelles Internet, passende Räumlichkeiten und auch Ruhe vorhanden sind.“

Ralf Hirle (Michelau), bei Immobiliendienstleister in Bamberg beschäftigt

Flexibilität von allen Seiten nötig

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Derzeit stehen die Räume des Co-Working-Space der Baur Gruppe leer, da der Großteil der Belegschaft „remote“ arbeiten ka... Foto: Baur-Gruppe

Die Herausforderungen des mobilen Arbeitens wiederum kennt der Lichtenfelser Thomas Meiser nur zu gut und stellt sich diesen quasi von zwei Seiten: Als Arbeitnehmer, aber gleichzeitig auch als Führungskraft. Denn als leitender Angestellter bei einem fränkischen Automobilzulieferer trägt er die Verantwortung über einen Bereich mit europaweit verteilten Mitarbeitern. „Man darf nicht vergessen, dass mit der Arbeit von zuhause aus auch eine Belastung für Mitarbeiter einhergeht, insbesondere wenn Kinder zu betreuen sind. Hier gilt es, als Arbeitgeber flexibel zu sein und zum Beispiel den Arbeitszeitkorridor zu erweitern.“ Darüber hinaus fehle natürlich auch der informelle Austausch, der oftmals für neue Ideen und Impulse sorgt und derzeit mehr oder weniger starr ausschließlich auf virtuellem Wege stattfindet.

Und nach Corona? Beim Blick in die Zukunft wiederum sind sich die meisten Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer einig, dass der physische Arbeitsplatz zwar nicht überflüssig wird, aber Wechselmodelle zunehmen dürften. Das heißt: ein gesunder Mix aus mobilem Arbeiten und Präsenz. Während das eine mehr Flexibilität, Freiheit und auch Zufriedenheit bei den Angestellten schafft, trägt das andere zum Zugehörigkeitsgefühl bei und stärkt die Identifikation mit dem Unternehmen. Die Pandemie jedenfalls hat gezeigt, was in Sachen New Work alles möglich ist und auch mit welcher Geschwindigkeit.

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