LICHTENFELS

Mwst–Senkung am Obermain: Kaum Einfluss auf Kaufentscheidung

Mwst–Senkung am Obermain: Kaum Einfluss auf Kaufentscheidungen
Auch wenn die Mehrwertsteuersenkung im Modebereich nicht groß ins Gewicht gefallen ist, hat Andrea Deuerling von Mode Deuerling dennoch festgestellt, dass sich ihre Kunden über die Weitergabe des Rabatts gefreut haben. Foto: Marion Nikol

Es ist im Grunde eine einfache Frage, die sich jedoch gar nicht so leicht beantworten lässt: Was hat die Mehrwertsteuer-Senkung dem Einzelhandel wirklich gebracht? Seit einem halben Jahr gilt der reduzierte Steuersatz von 16 und 5 Prozent auf Güter und Dienstleistungen – eine Maßnahme, mit der die Bundesregierung den privaten Konsum ankurbeln und die von der Corona-Krise betroffene Wirtschaft unterstützen wollte.

Doch über den positiven Effekt sind sich selbst Experten führender Wirtschaftsinstitute uneinig. Die Meinungen gehen also auf Bundesebene stark auseinander. Wie aber sieht es auf lokaler Ebene aus. Und welches Fazit ziehen die Einzelhändler vor Ort?

Positive Entwicklung im Gebrauchtwagenbereich

Ein durchaus positives Resümee kann Oliver Bienlein, Geschäftsführer der Auto Bienlein GmbH in Burgkunstadt, ziehen: „Wir haben die Mehrwertsteuer-Senkung von Anfang an weitergegeben. Und aus meiner Sicht hat es schon etwas gebracht. In Kundengesprächen habe ich jedenfalls gemerkt, dass hier ein gewisser Kaufanreiz da war.“ Deshalb sei er insgesamt zufrieden mit den Umsätzen im zweiten Halbjahr, die deutlich besser ausgefallen seien, als anfangs befürchtet. „Wir haben zwar Rückgänge beim Neuwagenverkauf und in der Werkstatt zu verzeichnen, dafür aber im Gebrauchtwagenbereich sogar ein leichtes Plus im Vergleich zum Vorjahr, vor allem bei den jungen Gebrauchten.“

Den Umständen entsprechend zufrieden zeigt sich auch der Marktleiter des Elektrofachmarktes expert Lichtenfels, Thomas Bauer: „Natürlich hat uns Corona einen Einschnitt verpasst, aber unter dem Strich haben wir es gut gemeistert und sind auch froh, dass die Leute bei uns vor Ort eingekauft haben.“ Inwiefern die Senkung der Mehrwertsteuer dafür verantwortlich gemacht werden kann, lässt sich seiner Meinung nach nicht genau sagen. „Natürlich kamen in diesem Zusammenhang des Öfteren Aussagen der Kunden, aber aus meiner Sicht war die Steuererleichterung kein Argument, dass man etwas nur deshalb jetzt kauft.“

Rechtfertigt der Nutzen den Aufwand?

Ob der Nutzen jedoch im Verhältnis zum Umstellungsaufwand steht, stellen viele Einzelhändler in Frage – selbst in Branchen mit hochpreisigen Waren, beispielsweise in der Möbelbranche. So hat die Mehrwertsteuer-Senkung laut Raimund Stark, Geschäftsführer von Stark Küchen in Lichtenfels, überhaupt keine positiven Auswirkungen gehabt, sondern lediglich Mehraufwand im Büro. „Man muss einfach sagen, dass die Küchen- und Möbelbranche zunächst verwöhnt wurde, weil die Leute nicht weggefahren sind und sich das ein oder andere gegönnt haben. Aber insgesamt ist der Markt sehr sensibel und hat auch sehr empfindlich reagiert. Ich würde die jetzige Situation jedenfalls als angespannt beschreiben“, so Raimund Stark.

Auch Bernhard Werner, Geschäftsführer der Edeka-Werner-Märkte im Landkreis Lichtenfels verweist auf den verwaltungstechnischen Aufwand, der mit der Steuersenkung verbunden war. Er glaubt nicht, dass dadurch mehr Lebensmittel eingekauft wurden: „Wir haben die Senkung eins zu eins weitergegeben. Für die Kunden ist das grundsätzlich schön und hilfreich, fällt aber nicht so ins Gewicht wie beim Kauf eines Fernsehers oder Autos. Für uns wie auch für viele andere Händler wiederum war das Ganze sehr aufwändig, unter anderem weil die Preise neu ausgezeichnet werden mussten.“

Ursachen für gesteigerten Umsatz sind vielfältig

Mwst–Senkung am Obermain: Kaum Einfluss auf Kaufentscheidungen
Beim Elektrofachmarkt expert in Lichtenfels hat man das Krisenjahr 2020 laut Markleiter Thomas Bauer unter dem Strich gu... Foto: Marion Nikol

Das Gros der Einzelhändler in Lichtenfels ist sich zudem einig, dass der Anstieg von Verkäufen nicht ausschließlich auf die Senkung der Mehrwertsteuer zurückzuführen ist, sondern viele verschiedene Faktoren dabei eine Rolle spielen. Das zeigt sich unter anderem im Bereich Baumärkte: „Meiner Meinung nach haben die Kunden nicht vorrangig auf die Mehrwertsteuer geschaut, sondern wollten sich zum Beispiel einfach ihr Zuhause oder ihren Garten verschönern“, so die Leiterin des hiesigen OBI-Baumarktes, Sabine Becker.

Ähnlich sieht es im Buchhandel aus: „Der Buchverkauf ist bei uns zwar in diesem Jahr angestiegen, aber das lässt sich nicht auf eine bestimmte Ursache eingrenzen. Die Leute hatten sicherlich auch mehr Zeit zum Lesen und womöglich auch Geld übrig, da man nicht viel verreisen konnte,“ führt Ulrike Lurtz von Buch + Kunst A.Dumproff an. Darüber hinaus habe der Großteil der Verlage die Preise ohnehin nicht gesenkt, so dass sich auch die Ladenpreise größtenteils nicht verändert hätten.

Verhaltenes Fazit bei Schuh- und Modegeschäften

Sehr verhalten in ihrem Fazit zur Mehrwertsteuer-Senkung zeigen sich die Lichtenfelser Einzelhänder in den Branchen Schuhe, Mode und Schmuck. Hier habe kaum ein Kunde explizit nach dem dreiprozentigen Rabatt gefragt, wie Jutta Glätzer vom Schuhhaus Hofmann berichtet. Ähnliche Erfahrung hat auch Frank Mirsberger, Vorsitzender der Adam-Riese-Werbegemeinschaft Bad Staffelstein und Geschäftsführer von Felicissimo Mode, gemacht: „Uns hat kein Kunde konkret darauf angesprochen, dass er oder sie wegen der Mehrwertsteuer-Senkung bei uns eingekauft hat. Bei Modeartikeln, beispielsweise einer Bluse für 40 Euro, fällt das Ganze ohnehin nicht so stark ins Gewicht.“

Als sehr bedauerlich empfindet Frank Mirsberger die Tatsache, dass in diesen herausfordernden Zeiten vor allem Amazon und Ebay profitieren, die jedoch ihre Gewinne nicht hier versteuern – anders als die Einzelhändler vor Ort.

„Meiner Meinung nach ist vielen jungen Menschen gar nicht bewusst, dass Onlinehändler keinen Cent an die örtlichen Gemeinden zahlen. “

Susanne Mohnkorn, Inhaberin „Denk mal an … Schmuck“

Genauso sieht das auch Susanne Mohnkorn, Vorstandsmitglied sowohl der Aktionsgemeinschaft Treffpunkt Lichtenfels e.V. als auch des Stadtmarketingvereins sowie Inhaberin von „Denk mal an … Schmuck“: „Meiner Meinung nach ist vielen jungen Menschen gar nicht bewusst, dass Onlinehändler keinen Cent an die örtlichen Gemeinden zahlen. Doch dieses Bewusstsein sollte geschärft werden, denn der stationäre Handel ist nicht nur mit persönlicher Beratung für seine Kunden da, sondern füllt via Gewerbesteuer auch die kommunalen Kassen.“

Nun heißt es: Schauen, was kommt

Mwst–Senkung am Obermain: Kaum Einfluss auf Kaufentscheidungen
Oliver Bienlein, Geschäftsführer der familiengeführten Auto Bienlein GmbH in Burgkunstadt, hat in Kundengesprächen festg... Foto: Marion Nikol

Wichtig zu wissen ist letztlich auch, dass es den Händlern und Dienstleistern grundsätzlich freistand, ob und wie sie die Steuererleichterungen an die Verbraucher weitergeben. Insbesondere für kleine Betriebe, die durch die Corona-Pandemie in Schieflage geraten sind oder mit höheren Kosten wegen aufwändiger Hygienemaßnahmen konfrontiert wurden, sollte die Steuererleichterung als Unterstützung dienen.

Nichtsdestotrotz haben auch viele kleinere Händler den Rabatt weitergeben, wie Andrea Deuerling vom gleichnamigen Modegeschäft verrät: „Unsere Kunden haben sich natürlich sehr darüber gefreut und schätzen darüber hinaus unsere persönliche Beratung. Und wir wiederum freuen uns über jeden, der uns die Treue hält und in der Innenstadt einkauft, so dass der lokale Handel erhalten bleibt.“

Ins neue Jahr blickt Andrea Deuerling eher neutral. Schließlich müsse man zunächst schauen, was überhaupt kommt. Wie so viele andere Einzelhändler auch, hofft sie, dass sich die Kauflaune bei den Verbrauchern wieder bessert und sich viele Konsumenten wieder mehr zum Lokalen und Regionalen hin orientieren. Ein gewisser Optimismus ist erfreulicherweise trotz allem bei vielen zu spüren, oder um es mit den Worten von Jutta Glätzer zu sagen: „2021 wird und muss einfach besser werden.“

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