LICHTENFELS

Mit Astralkörper und ohne die „Rolling Stones“

Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um die große und endgültige Frage.

„Liebes Corona-Tagebuch, Corona ist nicht ganz ungefährlich. Da spricht man schon mal über die letzten Dinge. So geriet ich mit einer Dame in ein Gespräch zu dem, was uns nach dem Ableben so erwartet. Solche Gespräche beziehen ihren Reiz ja daraus, dass keiner der Diskutanten Vergleichswerte hat und weiß, wovon er redet.

Daher reden wir wohl alle gemäß unserer Sehnsüchte und müssen zusehen, wie trüb oder gleißend das Licht dereinst sein wird, in dem ein Gott erscheint oder ausbleibt. Mir persönlich würde es im Himmel schon genügen, wenn ich mit ewiger Neugierde lesen und Musik hören dürfte, ohne dass das Telefon klingelt.

Gelegentliche Abstecher in Zeitschleifen

Mit gelegentlichen Abstechern in Zeitschleifen hinüber zu den großen Sportereignissen. Große Sportereignisse aber wird es nach Meinung der Dame im Jenseits nicht geben. Nicht etwa, dass die Dame Sport vor religiösem Hintergrund ablehnte, denn sie selbst bezeichnete sich als konfessionell nicht gebunden und überhaupt ist sie am ehesten den Agnostikern zuzurechnen.

Dafür, dass sie keine Gnosis hat, war ihr Bild von den Freizeitmöglichkeiten im Jenseits aber unumstößlich. Wer glaubt, dort je eine Sternstunde des Sports mitzubekommen, ist bei ihr an der falschen Adresse. Vielmehr, so die Dame, habe man sich auf sphärische Klänge einzurichten, zu denen wir die Flügel spreizen und in die Lüfte ziehen, wobei das mit den Flügeln symbolisch gemeint sei.

Die Idee gefällt mir, denn das Fliegen ist wirklich eine schöne Sache. Nur die einzigen sphärischen Klänge, die dazu passen, stammen entweder von Richard Wagner oder „Pink Floyd“. Wagner und „Pink Floyd“ aber, da war sich die Dame sicher, werden wir auch nicht zu hören bekommen. Nun wandte ich ein, dass ich mich beispielsweise zu den Klängen eines Carl Orff im Himmel auch nicht ewiglich erheben möchte.

Bedürfnislos in der Anderswelt

Solche, das versprach mir die Dame, werden wir alle auch nicht hören müssen. Auch Spiel-Casinos werde es im Jenseits nicht geben, selbst wenn die Möglichkeit bestünde, Dostojewski am Roulette zu begegnen. Denn Literaten, Fromme, Sportler, Künstler, Staatenlenker, Philosophen oder Wissenschaftler werden Astralkörper haben und keine Ähnlichkeit mit ihren Passbildern.

Nach Darstellung der Dame werden wir in der Anderswelt alle bedürfnislos sein und unbeschwert – Filme, Musik, Bücher und selbst alte Folgen von „Columbo“ absolut nicht vermissen. Mir ist das kein Trost, denn ich bin ein einfacher Mann. Und wenn ich schon zu sphärischen Klängen die Flügel spreizen und über die Lande und durch die Zeiten fliegen soll, so möchte ich dabei doch Sehnsucht und Neugierde empfinden; Sonnenuntergang und „Angie“ von den „Rolling Stones“.

So wird es im Jenseits nicht laufen, warf meine Gesprächspartnerin lachend ein, und wie sie dabei noch lachen konnte, wollte mir nicht aufgehen. Aber vielleicht sprachen wir auch aneinander vorbei, denn ich wollte in den Himmel, sie aber nur ins Jenseits. Womöglich werden wir beide dereinst lange Gesichter machen. Aber Astralkörpern sieht man das nicht so an.“

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