LICHTENFELS

Michael Stromer: Oh wie schön – ist der Garten

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Unser Archivbild zeigt Kreisfachberater Michael Stromer bei der Apfelernte. Foto: Endress

Michael Stromer ist Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege. Und er weiß, dass ein Natur zu Corona-Zeiten ganz besonders gegen den Pandemie-Blues wirkt.

„Oh - wie schön! Oh – wie schön? Ich sitze in unserem Garten - denn ich darf ein paar Gedanken für ,OT verbindet' über den Garten als Mutmacher in Corona-Zeiten schreiben. Ich sitze inmitten von Magnolien- und Kirschblüte, zartrosaner Blutpflaume und leuchtendgelben Osterglocken.

Aber meine Gedanken bleiben nicht ,im Garten'. Sie drängen sehr schnell darüber hinaus und ich beginne, rumzunörgeln: Nachts ist es zu kalt, tagsüber zu windig, die Sonne sticht, Regen wäre nötig, ist das der Klimawandel oder normal? Stopp!

Stopp – es hat sich ausgenörgelt!

Wollte ich mich nicht in den Garten setzen und seine Schönheit genießen und eben nicht in den Corona-Klimawandel-Blues verfallen? Ja, mich nerven die Corona-Maßnahmen und auch das ständige mediale Zerreden derselben, und ja, mich treibt es um, dass wir als Gesellschaft und auch ich selbst es nicht mal ansatzweise schaffen, nicht über unsere und meine Verhältnisse zu leben, sondern dies auf Kosten anderer und nachfolgender Generationen tun.

Aber eigentlich habe ich doch schon vor längerer Zeit beschlossen, mich nicht länger dem Nörgeln und den destruktiven Gedanken hinzugeben. Mich im Kreis zu drehen bei Sachen, die ich selbst nur wenig beeinflussen kann. Eigentlich habe ich beschlossen: Erstens: Mehr den Augenblick sehen, die Kinder auf der Schaukel, den sprießenden Schnittlauch, das Bier im Glas, die singende Amsel.

„Viele Leute geben ihr Bestes, um den Spagat zwischen Schutz und Freiheit für mich und für uns als Gesellschaft hinzubekommen.“
Michael Stromer, Kreisfachberater

Zweitens: Nicht jammern. Nicht jammern, wenn bei den Gartenbauvereinen die Bereitschaft sinkt, Vorstandsposten zu übernehmen – es gibt dennoch so viele Personen, die sich super einbringen und alles hat seine Zeit. Nicht jammern, wenn vielleicht die Spätfröste der Obstblüte schon wieder zu schaffen machen – es wird trotzdem genug geben und grundsätzlich lebe ich ja in einem Land des Überflusses. Nicht jammern, wenn manche Corona-Regeln nicht ganz logisch sind, wie beispielsweise die zeitweilige Schließung der Gärtnereien – viele Leute geben ihr Bestes, um den Spagat zwischen Schutz und Freiheit für mich und für uns als Gesellschaft hinzubekommen, und schlecht reden führt eher zur Depression als zu einer Lösung.

Drittens: Beten. Die Zeit, die ich aufwenden könnte, um über Dinge zu schimpfen oder sinnlos nachzudenken, kann ich ja nutzen, um sie mit Gott zu besprechen. Ja, das setzt Glauben voraus. Aber es führt zu Gelassenheit, Frieden und kreativer Energie.

So schön kann Natur sein: Wiese hinter dem Forstamt Lichtenfels. Foto: Stromer

Viertens: Einfach machen. Das hängt natürlich mit den vorgenannten Punkten zusammen: Einfach glauben an den Gott der Bibel und nicht ständig über das eigene Hinterfragen stolpern. Einfach eine ökologische, solidarische Gemüse-Gärtnerei mit aufbauen, ohne damit gleich die ganze Agrarpolitik reformieren zu wollen, einfach sich in den Garten setzen und genießen. Und ,einfach' machen im Sinne von mehr Schlichtheit wagen, im Sinne von ,weniger ist mehr'.

Der Garten als Mutmacher

So, mit der kurzen Vorrede will ich doch noch zum Thema kommen: Der Garten als Mutmacher. Als Kreisfachberater habe ich das Vorrecht, in viele Gärten zu kommen. Und die Gartenbesitzer haben ja eigentlich auch schon ein riesiges Vorrecht. Nämlich einen Garten zu besitzen. Etwas weniger als die Hälfte der Deutschen hat gar keinen Zugang zu einem eigenen Garten. In Anbetracht meiner Einleitung will ich hier nicht auf mein Unverständnis eingehen, dass man Gärten zuschottert und damit das Vorrecht in ,Grauen' verwandelt.

Sondern ich will eingehen auf die Gärten, in denen Kinder groß werden und sich ausprobieren dürfen, die von der Leidenschaft der Besitzer für Lavendelduft und Rosenromantik erzählen, in denen die Zitronenmelisse wuchert, als müsste sie die ganze Siedlung oder das Dorf mit leckerer Bowle versorgen, in denen Brot und Pizza gebacken werden, in denen Bienenkästen stehen, in denen der Specht ein Loch in die Kirsche klopfen darf und auch Nachbars Katze (am besten inklusive Nachbar) gern gesehen wird.

Abstand von der Hektik

Ja, ich weiß: Ich kenne ihren Nachbarn nicht. Ich denke an die Gärten, in denen die Besitzer Abstand von der Hektik und verwirrenden Komplexität des Alltags gewinnen, egal, ob sie in der Erde wühlen oder einfach nur in der Hängematte liegen, in denen sie eine Ahnung von der genialen Komplexität der Natur bekommen und sich einfach entspannt zurücklehnen können: Oh – wie schön.“

 

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