LICHTENFELS

Menschen mit Behinderung: Corona bedeutet neue Barrieren

Tanja Schmitt arbeitet an einer Bohrmaschine. Foto: Alfred Thieret

Seit fast neun Monaten hat die Corona-Pandemie die Bevölkerung in Deutschland und auf der ganzen Welt mehr oder weniger fest im Griff. Dadurch wurden besonders das Arbeitsleben, das Freizeitverhalten und das soziale Miteinander stark beeinträchtigt und oft sogar unmöglich gemacht.

Über eine Million Menschen haben sich bisher in Deutschland mit dem Virus infiziert und sind zum Teil schwer erkrankt, über 16 600 sogar daran gestorben.

Die Pandemie hatte erhebliche Einschränkungen im Tagesablauf von jedem Einzelnen zur Folge. Strikte Hygienemaßnahmen mussten eingehalten, Geschäfte, Betriebe und Schulen teilweise geschlossen und wenn möglich durch Homeoffice oder Homeschooling ersetzt werden. Größere Zusammenkünfte waren nicht mehr möglich. Kaum jemand hätte sich bis vor kurzem vorstellen können, dass eine solche Pandemie, das Zusammenleben der Menschen so entscheidend verändern könnte.

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Betroffen sind alle Menschen, nicht zuletzt aber auch Menschen mit Behinderung. Da es gerade im Landkreis Lichtenfels viele Einrichtungen für behinderten Mitmenschen gibt, soll zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember der Fokus auf sie gerichtet werden. In den Werkstätten St. Joseph in Lichtenfels arbeiten 240 Menschen mit Behinderung, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind.

Trotzdem erbringen sie wirtschaftlich wertvolle Leistungen. Durch diese Tätigkeit wird ihnen die Chance zur beruflichen Integration und zur Entwicklung ihrer eigenen, individuellen Persönlichkeit gegeben. Die Arbeitsaufträge erhält die Einrichtung von Firmen aus der Region.

Das Obermain-Tagblatt hat deshalb die Werkstätten St. Joseph im Eichenweg aufgesucht, um von drei Beschäftigten zu erfahren, wie sie die Pandemie in den vergangenen Monaten erlebt haben.

Tanja Schmitt ist recht selbständig. Sie nutzt das „betreute Wohnen“ des Heilpädagogischen Zentrums der Caritas, kommt ohne große Hilfe alleine zurecht und versorgt sich selber. Sie ist eine erfahrene Mitarbeiterin, die schon seit 20 Jahren in den Werkstätten arbeitet und in dieser Zeit unterschiedliche Tätigkeiten ausgeführt hat.

Große Einschnitte zu Beginn der Pandemie

„Seit einigen Jahren bediene ich eine Bohrmaschine und bearbeite kleine Teile für ein Metallträgersystem für Solarmodule von IBC Solar. Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß, zumal ein gutes Arbeitsklima unter meinen Kollegen und den Gruppenleitern herrscht. Vor allem befriedigt es mich, wenn ich sehe, dass ich etwas Sinnvolles schaffe“, stellte die 39-Jährige fest.

Mit dem Beginn der Pandemie habe es aber einen großen Einschnitt gegeben, denn ab dem 16. März seien abrupt die Werkstätten für alle Mitarbeiter für mehrere Monate geschlossen worden. Dadurch habe sich ihr Tagesablauf völlig geändert. War er vorher vollkommen strukturiert, durch die tägliche Arbeitszeit von Montag bis Donnerstag von 7.30 Uhr bis 16 Uhr (einschließlich eineinhalb Stunden Pausen) und freitags bis 12.30 Uhr sowie die folgende Freizeit, die zum Einkaufen, Spazierengehen, für Hausarbeiten oder Zusammenkünfte mit Freunden genutzt werden konnte, so wurde der Tagesablauf jetzt durch Schutz- und Hygienevorschriften geprägt.

So habe sich das Tagesgeschehen überwiegend zuhause abgespielt, lediglich unterbrochen durch Einkäufe, Spaziergänge, kleine Radtouren oder kurze Gespräche mit benachbarten Bewohnern. In ihren vier Wänden habe sie die viele Zeit dazu genutzt, die Wohnung auf Vordermann zu bringen und vor allem viel Musik gehört. Vermisst habe sie die vielen Veranstaltungen seitens der Werkstätten, die alle nicht stattfinden konnten, wie beispielsweise die Gruppenausflüge, den gemeinsamen Wochenausflug in eine schöne Urlaubsregion in Deutschland oder im Ausland, die von den Werkstätten regelmäßig veranstalteten mitreißenden Konzerte, den Tag der offenen Tür und den Weihnachtsmarkt der Werkstätten Neuensee.

Froh war sie, dass sie zu dem Teil der Beschäftigten gehörte, die nach Pfingsten wieder an ihren angestammten Arbeitsplatz zurückkehren konnten, andere mussten noch bis Juli warten, bis sie ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. Natürlich müssen im Arbeitsalltag die Schutz- und Hygieneregeln beachtet werden. Der Abstand der Arbeitsplätze beträgt mindestens 1,5 Meter, teilweise gibt es auch Abtrennungen durch Plexiglasscheiben, ansonsten sind im Haus Masken zu tragen. „Auf alle Fälle vermeide ich sowohl während der Arbeit als auch insbesondere während der Freizeit jeden unnötigen Kontakt, um mich nicht mit dem Virus zu infizieren“, unterstrich Tanja Schmitt.

Andreas Gerhard setzt gekonnt kleine Teile zur Befestigung von Solarmodulen zusammen. Foto: Alfred Thieret

Bei Andreas Gerhard aus Bad Staffelstein war alles ein bisschen anders. Er musste nämlich gleich vier Monate pausieren und konnte erst im Juli mit der Arbeit beginnen. Seither arbeitet er wieder in der Montagegruppe und schraubt Teile zur Befestigung von Solarmodulen zusammen. Zudem wohnt er im Wohnheim St. Elisabeth und fährt normalerweise an jedem zweiten Wochenende nach Hause. „Während des Lockdowns musste ich mich entscheiden, ob ich während dieser Zeit im Heim bleibe oder ob ich zu meinen Eltern gehe. Ich habe mich für Letzteres entschieden, da es praktischer und vor allem aber sicherer war, da ich nur mit Familienangehörigen in Kontakt kam“, erläuterte der 42-Jährige.

Zeit nur schwer zu ertragen gewesen

Für die im Heim verbliebenen Bewohner sei die Zeit schwerer zu ertragen gewesen. Sie mussten natürlich im Haus die Schutz- und Hygienerichtlinien beachten, konnten außerdem keine Besucher empfangen und durften auch nicht wie gewohnt alle 14 Tage nach Hause fahren.Andreas Gerhard bedauert, dass er in diesem Jahr situationsbedingt keine Feste besuchen konnte. So war er immer vom Lichtenfelser Schützenfest begeistert und sogar beim Kronacher Schützenfest war er dabei. Regelmäßig hat er auch Konzerte besucht, zum Beispiel im letzten Jahr ein Silvesterkonzert in Bamberg. Er hört aber auch zuhause gerne Musik, von Volksmusik über Bigbandsound von Paul Kuhn und Max Greger bis zu klassischer Musik.

Simone Koch fertigt Gelenkstücke zur Verstellung beweglicher Teile an Kinderwagen an. Foto: Alfred Thieret

Simone Koch arbeitet schon seit über 25 Jahre in den Werkstätten St. Joseph. Sie fertigt zurzeit Gelenkstücke zur Verstellung beweglicher Teile an Kinderwagen an, hat aber auch schon bei der Herstellung von Befestigungsteilen für Solarmodule mitgewirkt. Auch sie musste eine 16-wöchige Pause einlegen, wurde aber während dieser Zeit im Wohnheim St. Elisabeth, in dem sie wohnt, für kleinere anfallende Arbeiten herangezogen.

Natürlich hat auch Simone Koch die vielen geselligen Veranstaltungen vermisst, die üblicherweise von den Werkstätten und den HPZ-Einrichtungen veranstaltet werden, wie Sommerfest, Erntedankfest, Schatzkistenparty oder Open-Air-Party. Von einem Ereignis berichtete sie aber immer noch von besonderer Betroffenheit. „Ich war in einer Arbeitsgruppe, in der sich eine positiv getestete Person befand, weshalb ich zwei Wochen in Quarantäne musste. Gott sei Dank wurde ich aber negativ getestet. Bis zum Bekanntwerden des Testergebnisses war ich aber doch schon ziemlich aufgeregt“, machte die 48-Jährige deutlich.

Nicht nur einfache Gegebenheiten

Die drei Mitarbeiter der Werkstätten kamen relativ gut mit den nicht immer einfachen Gegebenheiten während der Corona-Pandemie sowohl bei der Arbeit als auch im privaten Bereich zurecht, auch wenn sie natürlich die normalen Verhältnisse mit einem geselligen Miteinander herbeisehnen. Die Beschäftigten waren mit Freude und viel Engagement bei der Arbeit und zu Recht auch ein wenig stolz auf ihre Leistungen, schließlich sind sie für renommierte Firmen tätig, die mit den Ergebnissen ihrer Tätigkeit sehr zufrieden sind. Im Übrigen sind die Werkstätten offen für weitere Firmen, die Tätigkeiten vergeben wollen.

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