Meißner: „Im Landratsamt wird Übermenschliches geleistet“

Das Landratsamt in der Kronacher Straße in Lichtenfels. Foto: M. Drossel

Lichtenfels Der 13. März 2020 hat alles verändert. An diesem Tag wurde die erste Person im Landkreis Lichtenfels positiv auf das Sars-Cov2-Virus getestet: Die Corona-Pandemie hatte den „Gottesgarten“ erreicht. Seither waren das Landratsamt und Landrat Christian Meißner im Dauerkrisenmodus, doch ein Ende ist noch immer nicht abzusehen. Ein Gespräch mit dem Landkreis-Chef und seinem Pressesprecher Andreas Grosch über Herausforderungen, Risiken – und den kleinen Silberstreif am Horizont.

Obermain-Tagblatt: Herr Landrat, wie sehr hat das Virus die Belegschaft des Landratsamts an ihre Leistungsgrenze gebracht? Reicht die Kopfzahl in der Verwaltung überhaupt noch aus?

Christian Meißner: Nichts war und ist organisatorisch mit der Situation in der Corona-Pandemie vergleichbar. Im ÖGD, also im Öffentlichen Gesundheitsdienst, haben wir die Personalzahlen beispielsweise stark erhöht, von 12,4 Stellen Anfang 2020 auf nun 24,5 Stellen. Hinzu kommen 14 Unterstützungskräfte, unter anderem Polizei und Bundeswehr.

Im Contact-Tracing [Kontaktpersonennachverfolgung] unterstützen außerdem täglich Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Stammpersonal. Gott sei Dank habe ich Mitarbeiter, die sich auf die ganzen Situationen immer wieder neu einstellen.

Die eine Sache ist es, die ganzen Anforderungen zu bewältigen. Zwei Drittel der Mitarbeiter im Landratsamt ist in irgendeiner Form in die Pandemiebewältigung eingebunden, sie sind mittel- oder unmittelbar mit Corona befasst. So ist beispielsweise Kreisfachberater Michael Stromer momentan in der Kontaktnachverfolgung tätig. Ich hatte leider keine Pandemiebekämpfer im Keller gehabt, die ich nur zu aktivieren brauchte.

Die andere Sache und größte Herausforderung aber ist, trotz allem den normalen Betrieb der Landkreisbehörde aufrecht zu erhalten. Ich bin stolz, dass uns das gelungen ist. Es werden immer noch Bauanträge bearbeitet, es erfolgt immer noch die Kfz-Zulassung, das Wohngeld wird weiterhin ausgezahlt ….

Wir haben 500 gesetzlich zugewiesene Aufgaben plus Kreisaufgaben. Als aktuelles Beispiel möchte ich den Verkauf des alten Krankenhauses nennen. Das alles wird von meinen Mitarbeitern weiterhin unter einen Hut gebracht, obwohl wir nur ein kleines Amt sind. Auch wenn wir zurzeit in der Zulassung und ausgerechnet zur Motorrad-Saison Probleme haben, auch wenn die Krankenständen geschuldet sind.

Wie viele Überstunden sind denn in Corona-Zeiten schon aufgelaufen? Wie sehr mussten Sie ihre eigene Stundenzahl nach oben schrauben?

Meißner: Das Landratsamt hat normalerweise ein Stammpersonal von rund 330 Mitarbeitern, Stand vom 31. Dezember 2019. Durch Corona wurden wir im Gesundheitsamt verstärkt, auch die Bundeswehr kam dazu und hat geholfen. Hinzu kommen das Impfzentrum und die Abstrichstelle, für die jeweils Mitarbeiter eingestellt wurden. 60 Leute alleine fürs Impfen.

Insgesamt sind wir aktuell bei 457 Beschäftigte. Natürlich sind die Überstunden insgesamt deutlich gestiegen. Nicht nur im Bereich der Spitzenbeamten, deren Überstundenzahl mittlerweile hoch dreistellig ist und damit in einem Bereich, der sich kaum noch abfeiern lässt. Jeder einzelne Mitarbeiter ist seit Monaten stark gefordert. Viele arbeiten am Wochenende, an Weihnachten, an Ostern. Diese Kraftanstrengung geht nur gemeinsam.

Mit Maske und Abstand: Landrat Christian Meißner im Gespräch mit der Redaktion des Obermain-Tagblatts. Foto: Markus Drossel

Als Dienstherr muss ich aufpassen, dass nicht der ein oder andere auf der Strecke bleibt. Längst gehen einige auf dem Zahnfleisch. Dies zu erkennen und dort dann einzugreifen, ist eine Kunst, die zunehmend schwieriger wird.

Es ist und bleibt ein Ausnahmezustand. Da wird seit Monaten Übermenschliches geleistet und keiner weiß, wie lange der Zustand noch andauern wird.

Wie oft melden sich Bürger bei Ihnen mit Fragen rund um die Pandemie?

Meißner: Das Landratsamt war und ist durch die Pandemie überaus stark gefordert. Ich erinnere daran, dass wir aktuelle sogar drei Hotlines geschaltet hatten, die am Anfang der Pandemie sogar auch am Wochenende besetzt waren. Wir mussten personell aufstocken, was dazu führte, dass unsere Telefonkapazitäten nicht mehr reichten durch die vielen zusätzlichen Mitarbeiter. Die Telefonanlage war chronisch überlastet bei 300 bis 400 Anrufen täglich, alleine an den Hotlines. Teilweile hatte Ministerpräsident Markus Söder seinen Satz im Live-Stream noch nicht einmal zu Ende gesprochen, schon riefen die Leute bei uns an und wollten wissen, was das konkret im Detail für sie bedeutet. Was wir natürlich auch noch nicht wussten, weil wir das in diesem Moment auch erst über den Live-Stream erfuhren.

Im Landkreis gab es nun 72 an oder mit Corona Verstorbene. Hatten Sie den auch schon in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis schwere Covid-19-Verläufe?

Meißner: Leider ja. Die stellvertretende Vorsitzende des BRK-Kreisverbands beispielsweise. Auch unseren Kreisbrandrat hatte es wirklich schwer getroffen. Im Verwandtenkreis gab es einen Fall in Baden-Württemberg. Todesfälle im Freundes- und Verwandtenkreis aufgrund von Covid-19 gab es bislang keine.

Nichtsdestotrotz finde ich es unglaublich bedauerlich, dass die Corona-Toten nicht gebührend betrauert werden können. Wenn jemand nur im allerengsten Kreis zu Grabe getragen werden kann, für den sonst die komplette Dorfgemeinschaft gekommen wäre, ist das furchtbar.

Viele Landkreise, beispielsweise der Bamberger oder der Kronacher Kreis, aktualisieren auch am Wochenende kontinuierlich die Zahlen der Corona-Fälle. Nicht so der Landkreis Lichtenfels. Warum haben Sie sich für diese Vorgehensweise entschieden?

Meißner: Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts gibt es jeden Tag, die Statistiken sind auch über den Link auf der Landkreis-Homepage jederzeit erreichbar.

Hier geht es zum Bayerischen Impfzentrum in der Gabelsbergerstraße in Lichtenfels. Foto: Markus Drossel

Richtig ist, dass wir am Wochenende unsere Statistik nicht aktualisieren. Nicht, weil wir am Wochenende nicht arbeiten würden: Nein, wir melden unsere Zahlen auch am Samstag oder Sonntag ans das RKI. Klar könnte ich meinem Beauftragten für die Corona-Zahlen, Andreas Grosch, die Aktualisierung unserer Zahlen auf der Homepage auch noch aufdrücken.

Bringt diese „Informationslücke“ am Wochenende die Bevölkerung nicht eher durcheinander? Verunsichert das gar?

Meißner: Nein, denn die entscheidende Zahl ist sowieso die RKI-Zahl. Diese ist jederzeit abrufbar, wird von uns stets aktuell gehalten. Fakt ist aber auch, dass es am Wochenende eh weniger Meldungen gibt. Der Erkenntnisgewinn durch die Aktualisierung unserer eigenen Homepage wäre also überschaubar.

Die Zahlen des RKI unterscheiden sich aber etwas von denen des Landratsamts. Nicht nur bei den Tageswerten, sondern auch bei den gemeldeten Todesfällen. Woran liegt das?

Meißner: Das RKI aktualisiert seine Daten um Mitternacht, wir bereits während des Tages, meistens frühmorgens. Dadurch kommt es zu einer leichten Diskrepanz. In der Statistik des RKI ist zudem ein vermeintlicher Corona-Toter aus dem Frühjahr gelistet, der aber keiner war.

Dieser Fehler wurde von uns angemahnt, wird aber seit Monaten nicht korrigiert, lässt sich nicht bereinigen. Derzeit meldet das RKI zwei Tote mehr als wir. Wir sind am Analysieren, woher das kommt.

Andreas Grosch: Zur Erklärung: Wir müssen da im Nachhinein recherchieren, woran die Person wirklich gestorben ist. Das ist meist nicht so einfach.

Jeden Freitag informiert das Landratsamt über die Fallzahlen in den einzelnen Kommunen. Hotspots aber werden nur selten genannt. Warum ist das so?

Coronavirus - Impfstoff von AstraZeneca
Die Corona-Impfungen im Landkreis Lichtenfels gehen voran. Foto: Matthias Bein/dpa

Meißner: Zum einen, weil es momentan keinen Hotspot bei uns gibt. Das Virus tritt mehr und mehr am Arbeitsplatz auf, ein großer Schwerpunkt ist aber nach wie vor im häuslichen Bereich. Weil sich eben zu viele Hausstände treffen und das zu Infektionen führt. Oder weil große Familienfeiern stattfinden, bei denen man sich im Nachhinein denkt: Hätten wir sie lieber nicht gemacht.

Die ungeheuren Zahlen der vergangenen Tage und Wochen kommen zu zwei Dritteln und mehr aus privaten Begegnungen. Wir müssen übrigens auch immer aufpassen, dass wir nicht gegen Datenschutzrichtlinien verstoßen, gegen Persönlichkeitsrechte. Es ist unseres Erachtens nach Sache der betroffenen Einrichtungen, die Öffentlichkeit zu informieren – oder auch nicht.

Einige machen das sehr transparent, wie beispielsweise das Rote Kreuz. Andere wiederum halten sich bedeckt. Was nicht heißt, dass sie nicht professionell mit der Angelegenheit umgehen. Es gibt schlicht keine Rechtsgrundlage zu informieren. Ich habe das zu respektieren.

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