LICHTENFELS

Mathias Söllners Erinnerungen an Azubi-Zeiten

Erinnerungen an Söllners Lehrjahre: (v. li.) Bäckermeister Berthold Grimm, Chefin Erika Loskarn, Konditormeister Wolfgang Dreweniok, Bäckerlehrling Mathias Söllner, Besuch aus Sri Lanka, Bäckergeselle Bernd Klerner, kniend Konditorlehrling Christian Köhler. Foto: Red

Als Kreishandwerksmeister ist Mathias Söllner bestens bekannt. Die Pandemie bedeutet für das Handwerk so manche Herausforderung. Ganz besonders für die Azubis, die in der Theorie mit Online-Lehre umgehen mussten. Ein Grund für Söllner einmal die eigenen Lehrjahre zu schildern. Ein Tipps für die Azubis von heute hat er auch.

„Als ich im Jahr 1975 meine Ausbildung bei der Bäckerei Loskarn in Bamberg begonnen hatte war vieles anders. Ich will nicht sagen besser, aber anders. Wir hatten die sechs Tage Woche, vor der Berufsschule war man noch drei Stunden in der Backstube gestanden, das Bier war günstig und im Radio lief ,Uriah Heep' (leider nicht so oft, wie ich es mir gewünscht hätte).

„Aufgewachsen“ in der väterlichen Backstube

Aufgewachsen in der väterlichen Backstube, wusste ich, was auf mich in meiner Lehre zukommt, ich wurde also nicht von den Aufgaben, die mir mein Lehrmeister gegeben hat, überrascht. Am Samstag war ich meist am späten Mittag zu Hause in Lichtenfels. Nach einem kurzen Erholungsschlaf ging es gegen 19 Uhr in die umliegenden Dorfkneipen. Dort traf man sich mit seinen Freunden, trank Bier und machte Brotzeit (3 Seidla Bier und ein halbes Hähnchen kostete zusammen zehn Mark), bevor es dann bis nach Modschiedel auf den Tanz gegangen ist. Diese unbeschwerte Zeit war für mich vorbei, als meine Mutter mit nur 52 Jahren gestorben ist.

Kreishandwerksmeister Mathias Söllner erinnert sich an seine Lehrzeit. Foto: Red

Ein Chef, der Verständnis zeigt

Der bis dato wichtigste Mensch in meinem Leben wurde mir genommen – schwer genug. Hinzu kam, dass das ohnehin nicht leichte Verhältnis zu meinem Vater, dadurch zusätzlich gestört wurde. Eine große Hilfe in der schweren Zeit war mein Lehrmeister. Mit ihm konnte ich über alles reden und man hat gemeinsam Lösungen für auftretende Probleme gefunden. Es wurde mir nichts geschenkt, die Arbeit war nach wie vor hart. Aber musste ich mal wieder kurzfristig bei meinem Vater in der Bäckerei in Lichtenfels aushelfen, kam mir Nikolaus Loskarn weit entgegen. Dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Leider ist er kurz nach meiner Ausbildung bei einem Unfall ums Leben gekommen.

Viele werden sich denken, nette Geschichte, aber warum erzählt er uns das? Das möchte ich Ihnen erklären: In dieser für mich schweren persönlichen Zeit, habe ich gelernt, was der Begriff Handwerksfamilie bedeutet. Nämlich, dass man in schlechten Zeiten zusammenhält, miteinander redet und Lösungen findet, die allen helfen. Dass man sich auch mal zusammenreißt, auch wenn es schwerfällt und man oft denkt, es geht nicht weiter. Diese Zeit hat mich tief geprägt.

Bilder aus Söllners vergangenen Lehrlingstagen: (v .li.) Konditorlehrling Christian Köhler, Besuch aus Sri Lanka, Bäcker... Foto: red

Als ich später selbst Meister war, meinen eigenen Betrieb geführt hatte und selbst Lehrlinge ausgebildet habe, war es mir wichtig die Balance zwischen notwendiger Härte und der Fairness, die ich in meiner Lehre erleben durfte, weiterzugeben. Ich denke, dass mir das gelungen ist.

Fehlendes Wissen ist schwer nachzuholen

Gerade in verrückten Zeiten, wie wir sie gerade erleben, ist es aus meiner Sicht wichtig, dass man sich als junger Mensch nicht entmutigen lässt. Wie die Obermeister verschiedener Handwerke bestätigten, gab es bis auf wenige Branchen (zum Beispiel Friseurhandwerk) kaum Einschränkungen in der Ausbildung. Die Theorie online zu lehren war allerdings für alle schwierig. Die überbetriebliche Ausbildung der Handwerkskammer fiel großen Teils Corona zum Opfer. Dieses fehlende Wissen ist schwer aufzuholen.

Das zeigte auch die letzte Gesellenprüfung im Bäckerhandwerk. Man muss heute, wie vor 46 Jahren jeden Tag kämpfen und gemeinsam geht das aus meiner Erfahrung am besten.“

 

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