LICHTENFELS

Märchenerzählerin Margit Schreppel aus Isling im Interview

Märchenerzählerin Margit Schreppel aus Isling im Interview
Seit sieben Monaten nimmt Märchenerzählerin Margit Schreppel ihre Zuschauer auf der Videoplattform YouTube mit in geheimnisvolle Zauberwelten. Foto: Bettina Dirauf

Lichtenfels/Isling Die ausgebildete Märchenerzählerin Margit Schreppel betreibt in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Aktive Bürger“ einen YouTube-Märchenkanal. Im Interview erzählt sie von den Vorlieben ihres Publikums und was Märchen bei Senioren bewirken können.

Frage: Frau Schreppel, vor Corona erzählten Sie Märchen in Kindergärten und Schulen, traten aber auch vor Erwachsenen auf. Inwiefern passen Sie Ihre Erzählweise dem jeweiligen Publikum an?

Margit Schreppel: Die Vorbereitung ist jedes Mal individuell. Für Erwachsene bereite ich Märchenstunden, Vorträge oder Märchenabende natürlich ganz anders vor als für Kinder. Kinder sind nie solange ruhig wie die Erwachsenen. Das heißt, für Kinder braucht man immer ein bisschen Abwechslung. Man braucht eine Einleitung, die jedes Mal anders ist und zum Märchen passt. Das kann zu Beginn aber auch mit Bewegung sein oder mit etwas Aktivem, womit man die Kinder mit einbezieht. Auch dass sie zum Beispiel nach dem Märchen selbst in eine Märchenrolle schlüpfen dürfen, ist eine Möglichkeit.

Bei Senioren dagegen ist die Vortragsweise wesentlich ruhiger. Man kann aber auch bei Senioren zum Beispiel mit einem alten Lied anfangen. Märchen und Wald sind ja eng miteinander verbunden, da der Wald in Märchen immer eine große Rolle spielt. Da kann man dann auch alte Volkslieder, die vom Wald, von Bäumen handeln, mit einbeziehen, welche die Senioren alle noch kennen.

Märchen, die Kinder mögen, unterscheiden sich doch bestimmt von denen, die bei Senioren großen Anklang finden.

Schreppel: Ja. Ich wähle die Märchen bei den Kindern natürlich nach Alter aus. Bei kleineren Kindern, ich sage mal im Kindergartenalter, erzähle ich noch gar nicht die typischen Grimm-Märchen. Sondern das sind meistens eher unbekannte Märchen, wo zum Beispiel Feen eine Rolle spielen, oder Märchen wie „Der süße Brei“, „Vom dicken fetten Pfannekuchen“ oder „Die Rübe“. Oftmals sind das dann auch Kettenmärchen, wo die Kinder mitmachen können. Die Grimm-Märchen erzähle ich erst für Kinder so ab Vorschulalter.

Bei Erwachsenen und Senioren erzähle ich die traditionellen Märchen, aber auch Märchen aus ganz verschiedenen Ländern. Also auch solche, die sie oftmals noch gar nicht kennen. Da gilt dann auch: Je älter, desto mehr Spannung muss drinnen sein.

Denken Sie, dass Märchen auch für Senioren eine besondere Bedeutung haben?

Schreppel: Ja, besonders die typischen Grimm-Märchen, weil Senioren mit vielen dieser Märchen groß geworden sind. Das sind Erinnerungen aus der Kindheit. Es gibt zum Beispiel das Projekt „Es war einmal ... Märchen und Demenz“ mit der Schauspielerin und Ärztin Dr. Furtwängler. Es ist nämlich erwiesen, dass Märchen hilfreich sind für Menschen mit Demenz. Es gab Untersuchungen, die zeigten, dass bestimmte Hirnareale durch Märchen wieder angesprochen wurden.

„Wenn man die Symbolsprache der Märchen versteht und entschlüsselt, dann sind sie sehr, sehr weise und passen sehr gut in die heutige Zeit.“
Margit Schreppel, Märchenerzählerin

Bei alten Menschen, die dement sind, nicht mehr viel reden oder durch Trauer oder Schicksalsschläge apathisch geworden sind, werden also durch Märchen bestimmte Areale im Gehirn reaktiviert. Dann kommen plötzlich Erinnerungen wieder, und sie fangen an zu sprechen oder beteiligen sich.

Hatten Sie ein solches Erlebnis schon einmal?

Schreppel: Mir sind solche Reaktionen auf jeden Fall schon zwei Mal bei sehr alten Menschen passiert. Es gibt ja diese Zaubersätze in Märchen, wie bei Schneewittchen „Spieglein, Spieglein an der Wand“. Diese typischen Wiederholungssätze wurden zum Beispiel mitgesprochen. Das eine Mal nur zum Teil, aber das andere Mal dann wirklich komplett. Plötzlich war bei diesen sehr alten Menschen diese Erinnerung wieder da. Sie haben sich erst gar nicht geäußert, saßen nur da, aber auf einmal machten sie mit.

Zum Schluss interessiert mich natürlich: Haben Sie ein Lieblingsmärchen?

Schreppel: Eines, das ich zurzeit gerne erzähle, ist ein orientalisches Märchen aus Persien. Das heißt: „Morgen ist morgen“. Das bringt es eigentlich auf den Punkt. Das ist das, was uns die großen Lehrer sagen: Sei im Hier und Jetzt. Genau darüber erzählt auch dieses Märchen. Heute ist heute, und morgen ist morgen. So wie es ist, ist es gut, aber hab Vertrauen, denn, wenn du jetzt was verlierst, dann tut sich wieder was Neues auf. Märchen haben so viel Weisheit. Das passt auch gerade gut in diese Zeit.

Konkret geht es um einen armen Schuster, der immer wieder durch die Anordnungen vom König sein Einkommen verloren hat. Erst hat er die Schuhe der Leute geflickt, dann war er Wasserträger, und immer hat der König neue Befehle erlassen, sodass er sich stets neue Arbeit suchen musste. Aber er hat nie gezweifelt und ist nie verzweifelt, sondern hatte immer Vertrauen, und am Ende wurde er der engste Vertraute des Königs. Es kann sich also auch aus dem Schlechtesten, aus dem Aussichtslosesten noch was sehr, sehr Gutes entwickeln.

Was ich auch noch sehr gerne mag, ist „Die Kinder von Lir“. Das ist eigentlich ein irischer Nationalmythos. Durch Hass, Neid und Eifersucht sind die vier Kinder des Fürsten Lir in vier Schwäne verwandelt worden, und die einzige Möglichkeit, dass sie ihre Menschengestalt wiedererlangen, ist, wenn die Liebe unter den Menschen einmal größer ist als der Hass und der Neid.

Wie geht die Geschichte aus? Hat das am Ende geklappt?

Schreppel: Das bleibt offen. Daran sieht man, dass Märchen sehr aktuelle Botschaften transportieren. Man denkt immer, Märchen sind veraltet. Aber wenn man sie interpretiert und die Symbolsprache der Märchen versteht und entschlüsselt, dann sind sie sehr, sehr weise und passen sehr gut in die heutige Zeit. Schon Freud hat schließlich gesagt, dass Märchensprache die einzige universelle Sprache ist, die jeder versteht und die jeden erreicht.

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