LICHTENFELS

Lucy Funk zeigt Rechenschwäche die Stirn

Vor dem Büro der „Aktiven Bürger“ in der Judengasse: Lucy Funk, Hannes Weigel (Mi.) und Josef Breunlein freuen sich über den Ausgang dieser außergewöhnlichen Geschichte. Foto: Monika Schütz

Die junge Frau strahlt übers ganze Gesicht, sie ist glücklich und stolz auf sich selbst. Das war nicht immer so. Ein langer Leidensweg liegt hinter der jetzt 15-jährigen Lucy Funk. Einfache Rechenaufgaben waren für sie unlösbar, eine Uhrzeit anzugeben nicht möglich und selbst beim Zusammenzählen im zehner Bereich rechnete Lucy mit den Fingern.

„Du lernst genau so fleißig, wie deine Klassenkameraden, aber du hast immer 'ne 6 in den Proben“, erinnert sich Lucy an sehr unschöne Zeiten als Schülerin. Sie besuchte die Adam-Riese-Hauptschule in Bad Staffelstein. Vielleicht schaffte sie mal eine „5“, aber mehr ging trotz ständigem Lernen nicht. Mit diesen Noten war an einen Schulabschluss, an das Bestehen des Quali überhaupt nicht zu denken, geschweige denn an eine Ausbildungsstelle.

„Ich hab?s schon immer schwer in der Schule gehabt, Mathe war nicht so mein Fach“, sagt Lucy. Wie einige andere Klassenkameraden war sie täglich bis 16 Uhr in der Schule, in der sogenanten Offenen Ganztagsbetreung (OGS) und erledigte mehr schlecht als recht ihre Hausaufgaben in Mathe.

„Ab der achten Klasse begann die heiße Phase für den Quali - du lernst auch so viel wie die Klassenkameraden, aber es bleibt nichts hängen“. Ihre Eltern und Lehrer, nicht zuletzt die Schülerin Lucy waren ratlos. Die Schulpsychologin vermutetet zurecht, dass es sich um eine eine Dyskalkulie handeln könnte. Lucy wurde zum Test bei einem Psychologen angemeldet.

„Ab der achten Klasse begann die heiße Phase für den Quali - du lernst auch so viel wie die Klassenkameraden, aber es bleibt nichts hängen.“
Lucy Funk, Auszubildende

Ist es Dyskalkulie oder nicht? Lucys Gedanken fuhren Karussell. Was ist, wenn es keine Rechenschwäche ist? Dann kam zeitnah das Ergebnis des Tests: Alle Aufgaben hatte sie mit „gut“ gelöst - alle, bis auf die Rechenaufgaben. Die Diagnose stand fest. „Ich war erleichtert trotz oder gerade wegen des Ergebnisses Dyskalkulie“, berichtet Lucy, „dieser Test hat mein Leben komplett verändert“.

Es war Monika Poglitsch, Diplom- Sozialpädagogin in der OGS, die sich daraufhin an die „Aktiven Bürger“ in Lichtenfels wandte. Sie wusste wohl, dass es hier mit „normaler“ Nachhilfe nicht getan sei. Josef Breunlein von den Aktiven Bürgern fand in seinem Fundus von rund 400 ehrenamtlich tätigen Bürgern den passenden Helfer in der Not: Hans-Joachim Weigel, einen pensionierten ehemaligen Unternehmer.

Der Kontakt kam zustande und eine bemerkenswerte Aufholjagd begann. In eineinhalb Jahren schaffte es der 72-Jährige zusammen mit einer extrem motivierten Lucy, die Defizite im Rechen aufzuholen. Rechnen sei nicht nur im Beruf, sondern auch im Alltag wichtig. Man brauche es beim Geld-Herausgeben, wenn man seine Mietabrechnung durchsieht oder auch um Beträge grob einschätzen zu können.

Arbeitsblätter selbst konzipiert

Zum Rechnen gehöre auch, die Uhrzeit nicht nur lesen, sondern auch verstehen zu können, betonte Hannes Weigel beim Pressegespräch im Büro der „Aktiven Bürger“. Mit selbst entworfenen Arbeitsblättern hat der rüstige „Nachhilfelehrer“ unermüdlich mit Lucy gelernt, immer wieder wiederholt, immer wieder Aufgaben erstellt und erklärt. Rund 100 Arbeitsblätter hat er vorbereitet, vom einfachen Zehner-Übergang bei Plus-Aufgaben bis hin zu Rechnungen mit Prozentsätzen.

„Lucy war so extrem motiviert, dass sogar meine Frau gestaunt hat, wie lange sie durchhält: 45 Minuten lernen, 15 Minuten Pause, 45 Minuten lernen!“ Mit den Übungen wurde sie sicherer und sicherer. Wegen Corona fand das gemeinsame Lernen nicht nur in der Schule und bei Hannes Weigel in Lichtenfels statt, sondern auch online über Skype.

Juli 2021: Lucy hält ihr Abschluss-Schulzeugnis in den Händen. Sie hat den Quali geschafft und ist stolz. „Wenn ich den Dr. Weigel nicht hätte, ich glaub, ich hätte es nicht geschafft“, freut sie sich. Den Quali hat sie mit 2,6 geschafft, ihre Mathenote war dabei eine 3,6. Nun ist Lucy Funk im ersten Lehrjahr. Sie erlernt den Beruf der Kinderpflegerin. Ihre zweijährige Berufsschul- und praktische Ausbildung absolviert die junge Frau in der Fachschule in Vierzehnheiligen.

Nun bleibt Lucy nur noch ein ganz herzliches Dankeschön an Hannes Weigel, beziehungsweise an das Team der Aktiven Bürger in Lichtenfels zu sagen. Und einen ganz wichtigen Tipp hat sie auch noch: „Es ist eine Schwäche - aber man kann versuchen, mit der Matheschwäche umzugehen. Traut euch, Hilfe zu holen! Fragt die Sozialpädagogen in eurer Schule!“

Dyskalkulie

Dyskalkulie ist eine Beeinträchtigung des arithmetischen Denkens. Sie wird im allgemeinen Sprachgebrauch Rechenschwäche und (fälschlicherweise) Rechenstörung genannt. Rechenschwache Kinder benötigen individuelle Hilfe. Ein normaler Schulunterricht, wie auch klassischer Förder- oder Nachhilfeunterricht, kann bei rechenschwachen Schülern nicht zum Erfolg führen, wenn standardisierte ... Verfahren zum Einsatz kommen, anstelle an die individuelle Lernausgangslage anzuknüpfen. Mehrere Studien haben ergeben, dass circa sechs Prozent aller Kinder eine Dyskalkulie haben. Daneben gibt es deutlich mehr Kinder, die einfach nur Schwierigkeiten beim Rechnen haben. Gründe dafür sind etwa didaktische Probleme bei der Stoffvermittlung, Ausfälle durch längere Krankheitszeiten, Aufmerksamkeitsstörungen, Umzüge in andere Bundesländer und Klassenwechsel. (Quelle Wikipedia)

Aktive Bürger

Das Freiwilligenzentrum „Aktive Bürger“ fördert das bürgerschaftliche Engagement im Landkreis Lichtenfels. Schon seit zehn Jahren ist es eine Anlaufstelle für Menschen, die sinnvolle Tätigkeiten suchen und sich ehrenamtlich engagieren wollen. Die Aktiven Bürger sind politisch und konfessionell unabhängig und arbeiten ehrenamtlich. Weitere Informationen erhalten Interessenten unter Tel. (09571) 1699330 oder im Internet unter www.aktive-buerger-lichtenfels.de.

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