LICHTENFELS/BURGKUNSTADT

Logopäden in der Pandemie: Kreativ sein und „online“ denken

Logopäden in der Pandemie: Kreativ sein und „online“ denken
Schleichtiere in der Video-Therapie dienen Logopädin Romy Schuberth mit Praxen in Burgkunstadt und Kulmbach als Motivatoren für die Kinder. Foto: red

Ein Schleich-Hund namens Bobby rennt über den Bildschirm, gefolgt von Katze Mimi. Im Hintergrund sind ein Mädchen und eine Frau zu sehen, die über die wilde Jagd sprechen. Logopädin Romy Schuberth muss bei dieser Video-Therapie noch aufmerksamer sein als bei einer regulären Praxis-Sitzung und noch mehr Sprach-, Sprech-, Stimm-, oder Hörbeeinträchtigung wahrnehmen.

Krankenkassen übernehmen Kosten für Video-Therapien

Doch sowohl die Praxis für Logopädie Romy Schuberth im Therapiezentrum Fares Day in Burgkunstadt und Kulmbach als auch die Logopädin Petra Lauber in Lichtenfels haben die neue mediale Form der Therapie seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 in ihr Angebot aufgenommen. Die Krankenkassen übernehmen für gesetzlich versicherte Personen die Behandlungsgebühren.

Zwar haben persönliche Praxissitzungen während der vergangenen Monate ebenfalls stattgefunden, doch wünschten sich viele Patienten aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Corona-Risikogruppe, aus Unsicherheit oder persönlichen Gründen eine vorübergehende Alternativbehandlung in Videoform. „Es ist wichtig, dass sich die Patienten mit der Form der Therapie wohlfühlen“, betont Petra Lauber.

Plexiglasscheiben und Rollentausch

Sie und das Team um Romy Schuberth arbeiten in ihren Praxen hinter Plexiglasscheiben und – wann immer es möglich sei – unter Abstand. Regelmäßiges Lüften gehöre ebenso zum Alltag. Petra Lauber hat ein Gerät zur Luftreinigung besorgt. „Denn manchmal lässt sich der Abstand nicht einhalten. Bei Kindern oder bei Stimmpatienten. Da muss ich oft schauen, wo ich mich am besten hinstelle, um die feinen stimmlichen Nuancen mitzubekommen, aber auch möglichst wenig Aerosole“, nennt sie als Beispiel.

Auch Romy Schuberth kennt dieses Problem: Bei manchen Therapien, etwa bei Übungen zur Zungenmotorik, bei Gesichtslähmungen oder mit Wachkoma-Patienten sei eine gewisse körperliche Nähe notwendig. Die Therapeuten tragen generell durchgehend eine FFP2-Maske und setzen zusätzlich auf Plexiglasscheiben und Augenschutz. Alle Flächen, Gegenstände und Materialien werden nach jedem Patienten gründlich desinfiziert.

Logopäden in der Pandemie: Kreativ sein und „online“ denken
Handpuppen: Theater spielen in der Corona-Pandemie kann den kindlichen Spracherwerb und -gebrauch fördern - und macht gl... Foto: Corinna Tübel

Manchmal wurden auch zeitweise die „Rollen“ getauscht: Manche Patienten mit Gesichtslähmungen beispielsweise, die normalerweise von den Logopäden zu Therapiezwecken im Gesicht berührt werden, werden nun von den Fachkräften hinter der Plexiglasscheibe angeleitet und führen einige Übungen eigenständig durch. Bei Kindern könne diese Rolle auch das anwesende Elternteil übernehmen: „Wenn zum Beispiel die Zunge trainiert werden muss, kann die Mutter oder der Vater den Therapielöffel oder Spatel in entsprechender Position halten um einen Widerstand für das Kind an der Zunge zu geben“, verrät Romy Schuberth. „Das hat auch Vorteile, es ist eine intensivere Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie sind sehr motiviert und freuen sich über die Routine in der Woche und den Fortschritt ihrer Kinder.“

Die Video-Therapie stößt aber auch an Grenzen

Auf diese sind die Logopäden bei kindlichen Patienten auch in den Video-Therapien angewiesen: Sie müssen die Sitzung zeitlich und technisch ermöglichen und bei jüngeren Kindern, wenn möglich, unterstützend tätig sein. Denn zwei- oder dreijährige Kinder für die Dauer einer 30- oder 45-minütigen Sitzung bei der Konzentration zu halten, sei eine Herausforderung.

„Mein Motivator waren da oft Schleich-Tiere, die wir gemeinsam über den Bildschirm haben galoppieren lassen und die fester Bestandteil der Videotherapie waren. Mit verschiedenen Namen, getrampelt, gehüpft und gerannt. Mit Liedern, Reimen, Rätseln und Kuscheltieren, die plötzlich die logopädischen Übungen mitmachen mussten“, verrät Romy Schuberth, die eine starke Interaktion der Patienten forciert.

Das Format der medialen Therapie sei jedoch stimmlich und auditiv anstrengend. Zwar habe ihr Team mit den Kindern an lautlichen Problemen weitergearbeitet, doch sie habe ihren Schwerpunkt auch auf Grammatik und etwa Vorläuferfähigkeiten für die Schule gelegt. Sich dabei nur über Video zu sehen, die Übungen aber effizient zu vermitteln, sei noch vorbereitungsintensiver.

Logopäden in der Pandemie: Kreativ sein und „online“ denken
Logopädinnen raten: Machen Sie zum Beispiel aus dem gemeinsamen Zubereiten des Frühstücks ein ausführliches Gespräch. Da... Foto: Pixabay

Auch Videobehandlungen in Einrichtungen für Kinder und Erwachsene mussten zeitlich völlig neu koordiniert werden. Diese erfolgen nun oft gruppenweise, was eine starke Flexibilität für die Therapeuten um Romy Schuberth, aber auch für die Einrichtungen erfordert.

Frontal therapieren statt flexibel?

„Aber es ist auch spannend“, berichtet Petra Lauber. „Mit den vorhandenen Möglichkeiten etwas Neues zu entwickeln, je nach Kind.“ Auch sie hat mit ihren Patienten unterschiedlichen Alters online gebastelt, Memory gespielt, Rätsel gelöst oder Briefe geschrieben – unter einem anspruchsvollen therapeutischen Konzept. Mit Jugendlichen etwa ließen sich beispielsweise auch Atemübungen sehr gut in einer Video-Konferenz machen.

Doch das Format habe auch seine Grenzen: Die Lichtenfelser Logopädin ist sich im Klaren darüber, dass sie auf diese Weise nur „frontal“ mit den Kindern arbeiten kann. „Ich muss die Stunden völlig anders vorbereiten. Ich kann zwischendurch nicht einfach zum Kind sagen: Steh doch auf und such dir noch ein neues Spiel aus. Das Kind kann online nicht so aktiv sein wie in der Praxis.“ Außerdem sei das Online-Format, beispielsweise mit dem Inhalt einer Artikulationstherapie, nicht für jedes Kind gleichermaßen geeignet.

Logopäden in der Pandemie: Kreativ sein und „online“ denken
Logopädin Petra Lauber aus Lichtenfels muss Kinder und Erwachsene meist hinter Plexiglasscheiben fördern und anleiten. S... Foto: red

Petra Lauber kann sich die Video-Therapie noch eine Zeit lang vorstellen, wenn sie vonnöten ist, oder als kurzzeitige Alternative, wenn ein Patient etwa nur eine leichte Erkältung hat und deshalb nicht den Termin in der Praxis wahrnehmen möchte. „Aber dauerhaft nicht“, ist sie sich sicher.

Froh über Flexibilität von Patienten und Einrichtungen

Seit vergangenen Frühjahr lassen viel Aufklärungsarbeit und Flexibilität sowie die Transparenz und Einhaltung strenger hygienischer Vorgaben Romy Schuberth und ihr Team relativ konstant arbeiten. „Gerade für Risikopatienten oder Menschen in Einrichtungen, welche das Hauptklientel meiner Praxen darstellen, bedeutet jeder zusätzliche Kontakt ein neues Infektionsrisiko.“ Dabei die Waage zur notwendigen Behandlung zu halten, sei nicht immer leicht. Romy Schuberth findet es super, dass sich die Patienten und Einrichtungen so flexibel auf die Neuerungen, wie beispielsweise eine Videotherapie oder auf Änderungen in den Abläufen einlassen.

Doch wie steht es um die Therapeuten selbst? Eine Impfung ist für die Logopädin Petra Lauber noch nicht in Sicht, gibt sie an. Eine Priorisierung ihrer Berufsgruppe habe noch nicht stattgefunden – dabei arbeiten viele von ihnen mit Kindern und Jugendlichen teilweise in engem körperlichem Kontakt.

Bedarf an Logopäden könnte steigen

Doch wird der Bedarf an logopädischen Therapien nach dem Ende der Corona-Pandemie steigen? „Möglich“, sagen die beiden Therapeutinnen, aber vorhersagen könne man das nicht. Mit Blick auf die Corona-Pandemie kann Petra Lauber in einer Beziehung sogar einen positiven Trend erkennen: Die Tatsache, dass es durch die umfassenden Hygienemaßnahmen weniger Infekte gebe, habe sich auch die menschliche Mundstruktur und deren Funktion verbessert. Die Nasenatmung werde gestärkt, die Zunge könne einen höheren Muskeltonus erreichen.

Diesem Zustand gegenüber steht eine schon monatelange Reduzierung der Kontakte, die eine Rückentwicklung von Wortschatz und Satzbildung mit sich bringen kann. Das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen, die eine Deutung der zur Sprache zugehörigen Mimik stark einschränken, erschwert das kindliche Verstehen von Zusammenhängen im Spracherwerb.

Viele verschiedene Parameter wie der individuelle Typ, die Familienkonstellation oder die Betreuungssituation spielen eine Rolle dabei, ob sich die Corona-Pandemie auf die sprachliche Entwicklung der Kinder sowie auf Sprech-, Stimm-, Schluck- oder Hörbeeinträchtigung nachhaltig negativ auswirken könne.

„Ich glaube aber, dass die Kinder hungrig danach sind, wieder in einen geregelten

Alltag zurückzukehren, Neues zu lernen und auszuprobieren.“

Romy Schuberth, Burgkunstad

„Ich glaube aber, dass die Kinder hungrig danach sind, wieder in einen geregelten Alltag zurückzukehren, Neues zu lernen und auszuprobieren. Ich erlebe es jeden Tag bei den Kindern, dass sie sich auf die Therapieeinheiten freuen und somit eine Abwechslung haben. Diese Motivation kann man super nutzen“, so Schuberth. Aber man merke auch, dass sich die Kinder schlechter konzentrieren und fokussieren können und gerade am Nachmittag oft durchhängen.

Inwieweit und ob die sprachliche Entwicklung negativ beeinflusst wird, wird sich bei jedem einzelnen Kind erst im Verlauf zeigen. Dies muss sehr individuell beurteil werden. „Eine generalisierte Aussage lässt sich nur schwer treffen“, sagt Romy Schuberth.

Petra Lauber betont zudem: „Wir sind keine Deutsch-Nachhilfe-Lehrer. Wir arbeiten gegen einen gestörten Sprachgebrauch. Der verändert sich natürlich, auch jetzt. Deshalb könnte es schon sein, dass wir Logopäden mehr Nachfragen erhalten.“

Wie können Eltern den kindlichen Spracherwerb und -gebrauch fördern?

Petra Lauber und Romy Schuberth geben Tipps:

-> Miteinander sprechen:

Machen Sie aus Alltagssituationen ein Gespräch: Das gemeinsame Zubereiten des Frühstücks etwa, eignet sich besonders gut für ein ausführliches Gespräch über Produkte, Vorlieben, Regionalität und vieles mehr. Auch in Rollenspielen oder Bastelaktionen bieten sich Gelegenheiten für Gespräche, Reime oder Lieder. Ermutigen Sie Ihre Kinder zum Weitersprechen!

Wenn man gemeinsam ein Buch mit dem Kind anschaut, muss man es auch nicht einfach nur vorlesen. Ermutigen Sie Ihr Kind, darüber zu sprechen, Ideen für die eigene Lebenswelt zu entwickeln, sich Dinge vorzustellen.

-> Kontakte halten

Helfen Sie ihren Kindern, auch während des Lock-Downs mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben, und ermöglichen Sie Kommunikation. Von Telefonaten, über Briefe oder gemeinsam gedrehte Alltagsfilme, die man diesen schicken kann, ist alles möglich.

-> Theater spielen

Durch Rollenspiele finden Kinder ihren Platz in der Gesellschaft, lernen Empathie und Moralvorstellungen. Ermutigen Sie ihre Kinder zu eigenen kleinen Theaterstücken mit Textanteil. Für ältere Kinder ist es vielleicht spannend, ein Video darüber zu drehen. Wichtig ist: Sprechen Sie darüber!

-> Sanft berichtigen

Achten Sie auf Vollständigkeit der Sätze, die ihr Kind spricht. Ein „Kann ich Milch?“ können Sie ohne viel Aufhebens berichtigen.

 

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