LICHTENFELS

Roberto Bauer und Lockdown: Eiszeit im Reich der Mode

Im Lockdown: Roberto Bauer mit Maske mit Schaufensterpuppe in „Corona-Verpackung”. Foto: Till Mayer

Roberto Bauer kann sich nicht vorwerfen, etwas falsch gemacht zu haben. Wer Bekleidung in gehobener Preislage verkauft, der muss Details zu schätzen wissen. Und auf Emotionen setzen. Jede Saison bemalt ein Künstler die Wand am Eingangsbereich mit einem neuen Motiv. Das ist so ein typisches Detail. Ansonsten soll der Kunde aber viel Gewohntes finden: Beratung und ein Angebot, die auf ihn maßgeschneidert sind.

Roberto Bauers Kunden wissen das zu schätzen, sie kommen aus ganz Franken. „Oft vertraut uns die Kundschaft seit Jahrzehnten“, erklärt der Geschäftsmann nicht ohne Stolz. Sein Konzept für das Herrenmoden-Haus im Unteren Stadttor ging auf. Bis der erste Lockdown kam. Auch damals besuchte ihn die Redaktion. Und so wirkt einiges beim Besuch Mitten im zweiten Lockdown wie ein Déja-vu. Wieder stehen da die Schaufensterpuppen mit durchsichtiger Plastikfolie über dem Kopf. Wieder diese ungewohnte Stille und Leere in einem Geschäft. Wieder ist es ein wenig frisch, um Heizkosten zu sparen. Nur im März 2020, da hatte der Maler schon den Frühling aufgepinselt. Jetzt herrscht im Eingangsbereich noch der Ice-Look der Winter-Saison.

Unverschuldet und machtlos

Vermutlich macht das die ganze Sache besonders schwer: Wenn man von etwas betroffen ist, für das man nichts kann. Und man wenig an der Situation ändern vermag. „Den Einzelhandel in Lichtenfels trifft der zweite Lockdown hart. Er geht für viele mehr an die Substanz als der erste. Ersparnisse sind jetzt bei so manchen Geschäftsleuten aufgebraucht. Da war schon der erste Lockdown für viele ein kaum stemmbarer Kraftakt“, befürchtet Roberto Bauer als Kreisvorsitzender der Lichtenfelser Einzelhändler.

Die Folgen von Corona haben den Herrenausstatter zwei Mal im vollen Lauf erwischt. Beim ersten Lockdown, als die Hauptphase für den Frühlingsmoden-Verkauf lief. Die frische Ware war bereits geliefert. Dann, als das Weihnachtsgeschäft die Kassen der Einzelhändler traditionell klingeln lässt.

„Bis dahin lief es nach dem ersten Lockdown wirklich wieder gut. Sicher, wir hätten die Verluste des ersten Lockdowns nicht hereinholen können. Aber alles war auf dem richtigen Weg und wir waren zuversichtlich“, sagt Roberto Bauer.

Die Pandemie ernst nehmen

Der Herrenausstatter nimmt die Pandemie ernst. „Ich habe den ersten Lockdown nie in Frage gestellt. Er war notwendig“, sagt er. Doch jetzt will er auch mit Kritik nicht zurückhalten. „Die versprochene staatliche Unterstützung für betroffene Einzelhändler braucht zu lange, um bei den Antragstellern anzukommen. Doch Mieten, Steuern und Rechnungen müssen jetzt bezahlt werden. Es geht schlicht um Existenzen“, meint Bauer.

Der Herrenausstatter fordert zu Zeiten der Pandemie von der Politik maßgeschneidertes Agieren. „Ich denke, wir sollten lernen, mit dem Virus besser zu leben. Vielleicht könnten zum Beispiel kleine Einzelhändler gerade in der Pandemie ihre Stärke ausspielen. Sie leben von guter Beratung und nicht von Kundenmassen wie große Kaufhäuser. Hier wäre ein Konzept mit Terminanmeldung beziehungsweise ganz klar begrenzter Kundenzahl im Geschäft gut umsetzbar. Und einem Personal, das FFP2-Masken trägt. Einzelhandel und Gastronomen haben mit Kreativtät und viel Aufwand die ihnen gestellten Hygieneauflagen umgesetzt. Vor einem umfassenden Lockdown hat es sie nicht geschützt“, bedauert Roberto Bauer als Geschäftsmann. Er hätte mehr Differenzierung und dafür klarere Regeln durchaus für angebracht gehalten.

„So wird uns fast alles aus der Hand genommen, wie wir aus eigener Kraft durch die Pandemie kommen. Der Lockdown geht in die Verlängerung. Der Schock ist groß, die Arbeit von Jahren droht vernichtet zu werden. Jetzt bleibt nur noch Kampfgeist“, erklärt der Herrenausstatter. Von der Politik fühlt er sich in vielem alleingelassen.

„So wird uns fast alles aus der Hand genommen, wie wir aus eigener Kraft durch die Pandemie kommen.“
Roberto Bauer, Herrenausstatter

Roberto Bauers Ware ist saisonbestimmt. „Die Frühlingsorder wird bald geliefert, und ich plane bereits für den Herbst. Die Folgen der Pandemie nehmen mir jede Planungssicherheit. Das ist bitter. Sicher eine Katastrophe ist immer in vielem schwer berechenbar. Aber was die Politik aus meiner Sicht verfehlt hat: Langfristiger zu denken, wie wir gegen die Pandemie ankämpfen. Einen Plan aufzustellen, anstatt immer nur auf Zahlen zu reagieren“, erklärte der 69-Jährige.

Einzelhändler-Chef Roberto Bauer ruft die Lichtenfelser auf, ihren Geschäften treu zu bleiben. „Bei den Läden, die ein Online-Angebot haben sollte das genutzt werden“, fügt er hinzu.

Digital, was möglich ist

Er selbst hat sich vorbereitet, so gut es ging. Einen eigenen Katalog gedruckt, Videos gedreht. Mit Skype-Chats und generell online kann geordert werden. „Wir kennen den Geschmack unserer Stammkunden. Nach einem Telefonat stellen wir ein Outfit zusammen, das wir liefern oder zuschicken. Oder der Kunde holt es ab“, erklärt Bauer. Aber der Umsatz ist natürlich nur der Bruchteil im Vergleich zu dem eines geöffneten Geschäfts.

„Aber jammern hilft jetzt nichts und niemandem. Was Kunden und Geschäftsleute aus der Krise lernen müssen, ist zusammenzuhalten. Sonst wird es nach der Pandemie im Einzelhandel weniger Vielfalt geben. Das wäre ein herber Verlust für unser lebens- und liebenswertes Lichtenfels.“

Roberto Bauer mit zwei Schaufensterpuppen im winterlich gehaltenen Eingangsbereich. Foto: Till Mayer

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