LICHTENFELS

Lichtenfels: Was passiert mit dem digitalen Erbe?

Lichtenfels: Was passiert mit dem digitalen Erbe?
Wenn es Abend wird, haben Menschen heute viele Spuren im Internet hinterlassen. Was geschieht mit ihnen, wenn ein Mensch stirbt? Foto: Corinna Tübel

Ein Mensch, ob Familienmitglied oder guter Freund, ist gestorben. Eine realeres Ereignis als den Tod gibt es wohl nicht. Und dennoch gibt es seit vielen Jahren eine „zweite Welt“, mit der sich die Hinterbliebenen im Rahmen des Erbes beschäftigen müssen: Der digitale Nachlass. Er beinhaltet all die Aktivitäten, für die sich eine Person im Internet aufgehalten hat. Da die Verstorbenen im Vorfeld oft weder die Zeit für eine Löschung oder Kündigung noch eine Übersicht zu allen Online-Profilen, Benutzerkonten, Online-Guthaben oder Mitgliedschaften hatten, fällt diese Aufgabe nun den Angehörigen zu, die wiederum Bestattungsinstitute im Raum Lichtenfels um Hilfe bitten.

Denn den Namen der Angehörigen zu „googeln“ hält zwar manchmal wundersame Ergebnisse bereit, doch bildet diese Liste nur einen ganz kleinen Ausschnitt der digitalen Aktivitäten. Viele Menschen versuchten sich an der Verwaltung des digitalen Nachlasses ihrer Verstorbenen zuvor selbst, erklärt Sylvia Hermann, Filialleiterin der Pietät Dinkel Lichtenfels, doch die Aufgabe sei für Laien oft zu groß. „Sie kommen dann doch zu uns und bitten um Hilfe.“

Während sich für ältere verstorbene Menschen noch sehr wenig digitale Informationen finden, da diese das Internet nur wenig bis gar nicht nutzen, steige die Tendenz bei verstorbenen Personen im Alter von rund 50 Jahren oder jünger: „Viele lesen zum Beispiel die Zeitung im Internet, haben ein Facebook-Profil oder nutzen paypal“, weiß die Bestattungsfachwirtin. Sie erzählt auch von so manchem Dauerkonto der Lotterie, das noch Guthaben beinhaltet habe und somit zum Erbe zähle. „Aber auch Gebühren für Online-Konten oder Abonnements stehen für die Hinterbliebenen an, sollte eine Kündigung nicht rechtzeitig erfolgen.“

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht

Lichtenfels: Was passiert mit dem digitalen Erbe?
Zum digitalen Nachlass Verstorbener berät beispielsweise Kathrin Riedl, Mitarbeiterin der Pietät Dinkel in Lichtenfels. Foto: Pietät Dinkel

Denn es bleibt zwar ein juristisches Streitthema, doch ist der digitale Nachlass tatsächlich vererbbar. Nach einem aktuellen Urteil des Bundesgerichtshofes gilt der Grundsatz, den digitalen Nachlass wie das Erbe von Gegenständen zu behandeln. Unwissenheit schützt vor Strafe dabei nicht, das heißt: Alle Rechte und Pflichten des Verstorbenen an Online-Diensten gehen auf die Erben über. Sie können über alle persönlichen Daten des Verstorbenen in E-Mail-Diensten und über seine Konten in sozialen Netzwerken verfügen.

Die Balance zwischen Rechercheauftrag und der Privatsphäre der Verstorbenen zu wahren, ist für die Hinterbliebenen dabei nicht immer leicht: Die Pietät Dinkel etwa bietet die Verwaltung des Digitalen Nachlasses im Rahmen ihres Angebots zu weiteren Abmeldungen bei Behörden, bei Versicherungen etc. an. „Die Kunden können dabei wählen, ob sie nach der Recherche über die gesamte Tiefe der Ergebnisse informiert werden möchten oder über die oberflächlichen Verträge.“ Hintergrund sei zum einen ein gewisser Selbstschutz der Angehörigen, gerade wenn es sich beispielsweise um die Recherche zum Ehepartner oder der eigenen Eltern handle, und zum anderen der Schutz deren Privatsphäre.

IT-Fachkräfte und hoher Datenschutz

Lichtenfels: Was passiert mit dem digitalen Erbe?
Wenn ein Mensch stirbt, hat er heutzutage meist nicht unbeträchtliche Spuren im Internet hinterlassen. Foto: Pixabay

Mit der Nennung einer aktuellen E-Mail-Adresse der Verstorbenen durch die Kunden kann die Pietät Dinkel in Zusammenarbeit mit der Firma Columba, einem deutschlandweit agierenden digitalen Nachlassdienst, die Suche beginnen: Die IT-Fachkräfte können anhand des E-Mails-Verkehrs, dem Abgleich von Namen, Geburtsdaten und Wohnort sowie vielen weiteren Details den digitalen Nachlass der Verstorbenen ermitteln. Über ein passwortgeschütztes Portal können die Angehörigen den jeweiligen Bearbeitungsstand verfolgen und etwa über die Kündigung oder Fortführung bestehender Verträge entscheiden. Da dieser Vorgang sehr aufwendig und zeitintensiv ist, wird als Bearbeitungsdauer zunächst ein halbes Jahr angesetzt. Der Datenschutz der Kunden und Verstorbenen habe dabei oberste Priorität, so Sylvia Hermann.

Auch das Bestattungshaus Gleißner & Steinmann in Lichtenfels bietet in ihrem Online-Schutzpaket die Ermittlung und Regelung des digitalen Nachlasses an - ebenfalls in Zusammenarbeit mit einem externen Dienstleister. Geschäftsinhaber und Bestattermeister Christian Gleißner spricht diesem Thema ebenfalls große Bedeutung zu. Die Nachfrage halte sich derzeit zwar noch in Grenzen, könnte aber in naher Zukunft des digitalen Bedeutungszuwachs wegen stetig steigen.

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