LICHTENFELS

Lichtenfels und Coburg: eine Grenze, die nicht wirklich trennte

Lichtenfels und Coburg: eine Grenze, die nicht wirklich trennte
Der Michelauer Korbhändler Konrad Gagel (1819-1896) gründete 1865 eine Filiale in Coburg. Foto: Repro: Alfred Thieret

„Es trennt uns nun einmal ein gewisses Etwas von dem verpreußten Coburg“, so lautete das Schlagwort des Vorsitzenden des Geschichtsvereins Colloquium Historicum Wirsbergense, Bezirksheimatpfleger Professor Dr. Günter Dippold, mit dem er seinen Online-Vortrag über das Verhältnis zwischen Coburg und der Obermain-Region überschrieb. Das Zitat stammte aus einem Leserbrief, der im März 1921 im Lichtenfelser Tagblatt erschienen ist. Damals erregte ein Streit die Gemüter, ein Konflikt, der vor dem Landtag ausgetragen wurde, aber auch die interessierte Öffentlichkeit beschäftigte.

„Die aufdringliche Art, in der sich die Coburger Roten bei uns breit machen und durch ihre ständige Agitation die Bevölkerung beunruhigen; das ist so echte Preußen-Manier.“
Passage aus einem Leserbrief im Lichtenfelser Tagblatt 1921

Bekanntlich hatte bei der Volksabstimmung am 30. November 1919 eine überwältigende Mehrheit im Coburgischen sich gegen einen Anschluss ihres Landes an Thüringen und dadurch implizit für eine Eingliederung in Bayern ausgesprochen. Der anschließend ausgehandelte Staatsvertrag zwischen dem Freistaat Bayern und dem Freistaat Coburg regelte den Übergang und bestimmte, bis heute bedeutsam, die Morgengaben für die Braut Coburg, wie sich Professor Dippold ausdrückte. Seit dem 1. Juli 1920 war Coburg bayerisch, die Grenze zu Lichtenfels fiel.

Lichtenfelser Amtsgericht sollte zum Landgericht Coburg

Lichtenfels und Coburg: eine Grenze, die nicht wirklich trennte
Die Villa des Michelauer Korbhändlers Leonhard Otto Gagel (1842-1912) als Altersruhesitz in Coburg, Bahnhofstraße 15. Foto: Repro: Alfred Thieret

Im Zuge der Neuregelungen in der Verwaltung wurde Coburg zum Sitz eines bayerischen Landgerichts bestimmt, während zuvor das Landgericht Meiningen für den Coburger Raum zuständig gewesen war. Dem neuen Landgericht Coburg sollten unter anderem das Amtsgericht in Lichtenfels zugewiesen werden. Gegen diese Maßnahme erhob sich Widerstand, wie er sich in dem eingangs zitierten Leserbrief äußerte. Dessen Autor wandte sich gegen „die aufdringliche Art, in der sich die Coburger Roten bei uns breit machen und durch ihre ständige Agitation die Bevölkerung beunruhigen; das ist so echte Preußen-Manier, die uns Bayern nicht passt.“

Im Landtag entzündete sich Streit an der vertraglich zugesicherten Zugehörigkeit des Amtsgerichts Lichtenfels. Im zuständigen Ausschuss entschied eine knappe Mehrheit, Lichtenfels solle beim Landgericht Bamberg bleiben. Im Plenum aber obsiegten die Coburg-Befürworter – trotz der flammenden Rede des Lichtenfelser Bauunternehmers und BVP-Abgeordneten Hans Diroll, Lichtenfels sei ohne Frage „politisch, kulturell und wirtschaftlich“ nach Bamberg ausgerichtet.

Lichtenfels und Coburg: eine Grenze, die nicht wirklich trennte
Bild vom Schlossplatz mit Hoftheater in Coburg aus dem Jahre 1857. Foto: Repro: Alfred Thieret

Ohne Zweifel hatte der Lichtenfelser Raum alte politische Bindungen in die Domstadt. Denn das Gros der Orte hier am Obermain und am Nordrand des Jura gehörte ab Mitte des 13. Jahrhunderts, dem Ende der Herrschaft der Andechs-Meranier, bis 1802 territorial zum Hochstift Bamberg, zum weltlichen Herrschaftsgebiet des Bamberger Bischofs, während im Coburger Land die Grafen von Henneberg und später bis 1918 die Wettiner herrschten.

Trennung zwischen Lutheranern und Katholiken

Die herrschaftliche Trennung hatte Folgen: 1528 gestaltete der sächsische Kurfürst im Coburger Land das Kirchenwesen nach lutherischem Geist um und löste die Bindungen zur katholischen Kirche. Der Bamberger Fürstbischof zwang ab 1595 seine Untertanen, den katholischen Glauben anzunehmen oder auszuwandern. Seit dieser Zeit bestand auch eine konfessionelle Grenze.

Lichtenfels und Coburg: eine Grenze, die nicht wirklich trennte
Bezirksheimatpfleger Professor Günter Dippold berichtete über das Verhältnis von Coburg zur Obermain-Region. Foto: Alfred Thieret

Kultur kennt keine Grenzen, das galt von jeher, verdeutlichte Günter Dippold, auch wenn Bamberg als die Residenzstadt des Lichtenfelser Landesherrn, des Fürstbischofs, der wichtigste Bezugspunkt war. Andererseits wirkten auch Coburger Künstler ins bambergische Obermaintal hinein, wie etwa der Coburger Komponist Benedikt Faber, der im frühen 17. Jahrhundert dem Banzer Abt einige Werke widmete, der Maler-Architekt Peter Sengelaub, der für das Kloster Langheim arbeitete oder später der Coburger Ratsmaurer Brückner, von dem Schlösschen und Berghof in Trieb stammen.

Banzer Mönche lassen ihre Bücher in Coburg drucken

Umgekehrt ließen die gelehrten Banzer Mönche ihre Zeitschrift und so manches Buch in Coburg drucken, schon um die Zensur der Fürstbischöfe von Bamberg und Würzburg zu umgehen. Und ein Banzer Mönch ordnete die Naturaliensammlung des Coburger Herzogs.Und für die Theaterfreunde aus dem Raum Lichtenfels sei Coburg mit seinem Landestheater seit fast zwei Jahrhunderten ein bedeutsamer Anlaufpunkt.

Dass es zwar eine Grenze gab, dass sie aber nicht wirklich trennte, das werde am augenfälligsten in der Wirtschaft, dem dritten von Diroll genannten Bereich. So bezogen die Büttner in Ebersdorf und Frohnlach jahrhundertelang ihr Holz aus dem Lichtenfelser Forst, um dann ihre Ware von der Floßlände bei Schwürbitz aus auf dem Wasserweg zu den Abnehmern längs des Mains zu schaffen.

Korbmacherei überwindet die Landkreisgrenzen

Vor allem die sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert entwickelnde Korbmacherei machte an der Grenze nicht halt. Das unbestritten größte Korbmacherdorf war mit weitem Abstand Michelau. An zweiter Stelle folgte nach einer Statistik von 1906 Weidhausen mit über 500 Flechtern. Mehr als 200 gab es in Schwürbitz und Marktgraitz ebenso wie in Sonnefeld oder Hassenberg. Da lieferten sachsen-coburgische Untertanen selbstverständlich auch an Lichtenfelser Handelshäuser.

Auch die Industriellenfamilien heirateten über die Grenze hinweg und vernetzten das Industrierevier zusätzlich. So gründete der mit einer Coburgerin verheiratete Michelauer Korbhändler Konrad Gagel (1819 - 1896), dessen damaliges Wohn- und Geschäftshaus Sitz des heutigen Deutschen Korbmuseums ist, 1865 eine Filiale in Coburg. Sein Sohn Leonhard Otto Gagel, mit einer Korbhändlerstochter aus dem coburgischen Firmelsdorf verheiratet, blieb in Michelau, bis er sich im Alter in seiner Coburger Villa niederließ. Sein Bruder Georg ging schon früh nach Coburg und gründete dort 1896 eine Korbmöbelfabrik, die zum Ausgangspunkt der Korbmöbel-, ja überhaupt der Möbelindustrie des Coburger Raums wurde.

So eng und so vielfältig die Bindungen zwischen Lichtenfels und Coburg somit auch waren und noch sind: Es gab und es gibt Unterschiede zwischen Coburg und Lichtenfels, stellte der Bezirksheimatpfleger abschließend fest. Manchmal sei es gar nicht schlecht, wenn man sich aneinander reibt. Denn bekanntlich erzeuge Reibung Wärme.

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