LICHTENFELS.

Lichtenfels: Stadt will kein eigenes MVZ

In Lichtenfels wird bereits ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) betrieben, und zwar vom Klinikverbund Regiomed. Die SPD-Stadtratsfraktion hatte beantragt, dass die Stadt ein eigenes MVZ betreiben soll. Der Stadtentwicklungsausschuss sah in einer solchen Einrichtung jedoch ... Foto: Stefan Lommatzsch

Unter den vier Tagesordnungspunkten des Ausschusses für Stadtentwicklung, Tourismus und Wirtschaft nahm der Antrag der SPD-Fraktion auf Gründung eines kommunalen Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) den meisten Raum in Anspruch.

Der Bürgermeisteramtsleiter Sebastian Müller erläuterte den Sachverhalt. So bestehe für Kommunen zwar die Möglichkeit, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu gründen. Allerdings sei damit auch eine Vielzahl an rechtlichen und organisatorischen Herausforderungen verbunden, die es abzuwägen gelte. Zu berücksichtigen sei immer, ob in der Gesamtschau die Gründung sowie der Betrieb eines kommunalen MVZ Teil einer geeigneten Gesamtstrategie zur Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung in Lichtenfels sein könne, oder ob andere Maßnahmen zielgerichteter erscheinen. Dass dieses Instrument bisher nur sehr wenig genutzt werde, resultiere auch aus dem damit verbundenen hohen finanziellen und organisatorischen Aufwand.

Aufgrund einer vorhandenen Überversorgung bestünden aktuell im Landkreis Lichtenfels für Hausärzte keine zusätzlichen Niederlassungsmöglichkeiten mehr. Lediglich Filialpraxen können unter bestimmten Voraussetzungen in einem gesperrten Planungsbereich gegründet werden. Hierüber und zu weiteren Themen der ärztlichen Versorgung befänden sich Erster Bürgermeister Andreas Hügerich, die Referentin des Stadtrates für Ärztliche Versorgung, Gesundheit und Pflege, Dr. Andrea Starker, sowie die zuständigen Beschäftigten der Stadtverwaltung im regelmäßigen Austausch mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in Lichtenfels.

Daraus könne man schon entnehmen, dass die Ärzte in Lichtenfels gewillt seien und sich in der Lage sehen, die ärztliche Versorgung selbst sicherzustellen. Es werde von der Stadtverwaltung jedenfalls als wichtig angesehen, weiterhin mit der Ärzteschaft im Gespräch zu bleiben, um so Informationen aus erster Hand über die Entwicklung im hausärztlichen Bereich in Lichtenfels zu erfahren und für die zukünftigen Planungen zu berücksichtigen.

Von der Gründung eines eigenen kommunalen MVZ durch die Stadt Lichtenfels sollte aufgrund der dargelegten Punkte und der bereits geführten Gespräche aktuell abgesehen werden, stellte Sebastian Müller abschließend fest.

Im Landkreis besteht ausreichende ärztliche Versorgung

Der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbandes Lichtenfels, Dr. Beifuß, schilderte in seinem Beitrag die aktuelle Situation der ärztlichen Versorgung im Landkreis Lichtenfels und bestätigte, dass zurzeit eine ausreichende ärztliche Versorgung bestehe. So seien zum Beispiel in Ebensfeld zwei Nachbesetzungen von Hausarztpraxen erfolgt, und auch in Burgkunstadt gebe es nun zwei Kinderärztinnen. Durch Mundpropaganda, gute Infrastruktur vor Ort, Unterstützung durch die Gemeinde beim Erwerb von geeigneten Praxisimmobilien sehe er die Entwicklung durchaus positiv und sei zuversichtlich. Eine frühzeitige Bindung von jungen Medizinern vor Ort (Regiomed Medical School) durch entsprechende Angebote könne ebenfalls zur langfristigen Versorgung beitragen.

Auf erfolgreiche Weiterbildungsinitiative verwiesen

Wichtig sei auch ein Weiterbildungsangebot für angehende Hausärzte. Dr. Beifuß verwies auf die vor etwa zehn Jahren schon einmal erfolgreich in Lichtenfels durchgeführte Weiterbildungsinitiative für angehende Hausärzte, wodurch mehrere junge Mediziner an die Region gebunden wurden. Aktuell sehe er keine Notwendigkeit für ein kommunales MVZ. Diese bestehe nur bei absolutem Versorgungsmangel, wenn die ärztliche Versorgung nicht mehr gewährleistet werden könne.

Dr. Andrea Starker (CSU) stufte zwar den Ansatz des SPD-Antrags als lobenswert ein, es sei aber aus ihrer Sicht nicht der richtige Weg. Bei den Treffen mit den Lichtenfelser Hausärzten, an denen sie als Gesundheitsreferentin teilnahm, sei eindeutig von der Ärzteschaft festgestellt worden, dass aktuell kein Interesse an einer Beteiligung an einem kommunalen MVZ besteht.

Das sei aber die Voraussetzung für die Planung einer solchen Institution. Es werden mindestens zwei Kassensitze benötigt, die jedoch in Lichtenfels nicht frei sind. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) liege nach dem Bedarfsplan für Hausärzte der Versorgungsgrad bei 107,7 Prozent, auch wenn gefühlt eine andere Situation vorliege. Zudem müsse auch ein kommunales MVZ wirtschaftlich betrieben werden.

Als finanzielle Risiken nannte sie unter anderem die Bereitstellung einer passenden Immobilie, die Praxiseinrichtung, Einstellung eines leitenden Arztes und eines Geschäftsführers, Kosten durch Regresse oder Behandlungsfehler. Ein weiteres Risiko sei die fehlende Kompetenz der Kommune, ein solches medizinisches Unternehmen zu betreiben.

Heimische Ärzte stehen nicht hinter dem Projekt

Unter Berücksichtigung der Punkte, dass keine Unterversorgung vorliege, die Hausärzte nicht hinter dem Projekt stünden sowie eines bestehenden beträchtlichen finanziellen Risikos für die Gemeinde halte sie den Verwaltungsvorschlag für gut und richtig. Die Kommune sollte aber weiterhin alle Möglichkeiten zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung unterstützen und im engen Kontakt mit allen Beteiligten der medizinischen Versorgung vor Ort bleiben.

Zum Schluss machte sie noch darauf aufmerksam, dass der Sicherstellungsauftrag der ärztlichen Versorgung nicht bei den Kommunen liege, sondern bei der KVB. Dabei handele es sich allenfalls um eine freiwillige Aufgabe, die angesichts der zahlreichen anstehenden Pflichtaufgaben, des finanziellen und rechtlichen Risikos und der angespannten finanziellen Situation im Moment nicht vorrangig sein sollte.

Andrea Dinkel (WLJ) wollte im Beschlussvorschlag den Satz „Auch die Einrichtung eines kommunalen MVZ soll dabei weiter mitgedacht werden“ gestrichen haben, da eine solche Einrichtung momentan als nicht sinnvoll erachtet werde.

Wunsch nach Sachstandsbericht in drei Jahren

Dr. Christopher Bogdahn (FW) fand den Vorschlag seiner Ratskollegin falsch. Er fand zwar den Beschlussvorschlag der Verwaltung grundsätzlich in Ordnung, weiterhin den Kontakt mit der Ärzteschaft in Lichtenfels zu halten und die Entwicklungen im ärztlichen Bereich im Blick zu behalten und den Ausschuss bei Veränderungen zu informieren. Die Aussage im Hinblick auf das kommunale MVZ war ihm aber zu lasch. Er wünschte sich in etwa drei Jahren einen weiteren Sachstandsbericht. Christian Bauer (JB) möchte, dass das Thema interkommunal weiter verfolgt wird. Der Bürgermeister sagte zu, dass er seine Bürgermeisterkollegen darauf ansprechen werde.

Philip Bogdahn (SPD), der seit 15 Jahren im Gesundheitswesen arbeitet, sprach von einem komplexen Sachverhalt, weshalb der Antrag der SPD-Fraktion auf längere Sicht ausgerichtet sei. Es gelte vielmehr zunächst zu prüfen, welche Voraussetzungen und rechtlichen Gegebenheiten erfüllt werden müssten und welche Formen der Kooperation genutzt werden könnten. Aktuell sei man zwar hausärztlich in Lichtenfels noch einigermaßen gut versorgt, aber bereits heute könnten die Lichtenfelser Patienten von langen Wartezeiten auf Termine oder den Aufnahmestopp von Neupatienten berichten.

Erwarteten Ärztemangel frühzeitig angehen

Das zu erwartende Problem eines Ärztemangels in Lichtenfels wolle man mit dem Antrag zur Gründung eines kommunalen MVZ frühzeitig angehen und Impulse setzen. Vor allem müsse man zeitnah auf Studenten oder Absolventen zugehen, die aus dem Landkreis kommen, und ihnen attraktive Arbeitsbedingungen bieten.

Dem Beschlussvorschlag, dass der Stadtentwicklungsausschuss den Sachverhalt zur Kenntnis nimmt und die Verwaltung beauftragt, den Kontakt mit der Ärzteschaft in Lichtenfels weiter zu halten sowie die Entwicklung im ärztlichen Bereich im Blick zu behalten, wobei die Einrichtung eines kommunalen MVZ weiter mitgedacht werden soll, stimmte das Gremium bei zwei Gegenstimmen zu.

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